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Bau-Ikonen der Moderne in Oak Park Chicago

In der Prärie westlich der Mega-City schufen Ludwig Mies van der Rohe (Foto oben) und Frank Lloyd Wright (Foto unten) erste Einfamilienhäuser der Moderne – mit Mustergültigkeit bis heute. Sie locken Scharen von Architektur-Enthusiasten aus aller Welt aufs platte Land Oak Park bei Chicago.

Laubbäume im frühsommerlichen Blätterkleid schmücken die Chicago Avenue (Ave) von Oak Park, ein Vorort von Chicago. Die Nachbarstraßen beherrschen großzügige Anwesen mit viel Rasenflächen, Blumenbeeten und mit Eichen, die dem Ort den Namen geben. „Das war schon immer eine Wohngegend für Bessergestellte“, so Architektur-Guide Siddra Mufti.

Frank Lloyd Wrights Wohnaus und Studio von außen_Foto_Ulrike_Wirtz
Das erste Wohnhaus im berühmten Prärie-Stil von Wright war sein eigenes Zuhause, der Stil die erste ureigene Architektur der USA. Die machte ihn als Erfinder modernen Wohnens weltberühmt Foto Ulrike Wirtz

Sie spricht zu einer Schar sichtlich internationaler Besucher, die sie am Haus 951 Chicago Ave zuvor mit freundlichen Hallos empfangen hat. Das Schild am Haus erklärt, warum hier rund 30 Interessierte Guide Siddra lauschen, denen weitere im Lauf des Tages folgen. Im Haus lebte und arbeitete Frank Lloyd Wright, Architekt bahnbrechender Einfamilienhäuser. Experten halten ihn für einen der größten Architekten der USA, so Siddra: „Wenn nicht den größten.“ Denn er entwickelte den ersten US-eigenen Architekturstil für das familiäre Zuhause und formte dabei den Baustil der Moderne weltweit mit. „The first new genuin architecture of the US“, sagt Siddra wörtlich, sagt auch: „Er galt als schillernde Figur und Frauenheld.“

Büroschild und Eingang zum Wohnhaus mit Architekturstudio von Frank LLoyd Wright in Oak Park Foto Ulrike Wirtz
Die Architektur-Ikone vereinigte in Oak Park Wohnen und Arbeiten unter einem Dach – hier das steinerne Namenschild am Hauseingang Foto Ulrike Wirtz

Von Chicago nach Oak Park sind es 20 Kilometer Autofahrt und führen in die Prärie im Mittleren Westen, ins meist platte Land, auch im übertragenen Sinn. Es hat noch heute viel von der berühmten Weite, auch wenn es vor den Toren von Chicago nicht mehr ganz so plattes Land ist und nicht mehr auf Meilen menschenleer wie früher, da Industrialisierung und Besiedlung fortschritten. Aber Oak Park ist sichtlich ein ruhiges Pflaster zum Wohnen in bevorzugter Lage. Ganz ohne Saus und Braus wie Chicago, Millionen-Metropole am Lake Michigan, ein See fast groß wie ein Meer und bekannt für seine Starkwinde. Chicago wird daher auch Windy City genannt.

Jenseits der Mega-City und ihrer weltberühmten Hochhäuser-Silhouette

Und steht gerade auch dafür, die erste US- Metropole der Wolkenkratzer gewesen zu sein. Die bescherten Chicago Weltruhm und machen die Stadt zum Paradies für Architekten und Architektur-Interessierte bis heute. Die High-Riser entstanden ab 1880, nachdem das große Feuer von 1879? Chicago heimsuchte und der Wiederaufbau die Chance eröffnete, die damals höchsten und modernsten Gebäude am Chicago River zu realisieren. Willis Tower, damals Sears Tower genannt, Tribune Tower, John Hancock Center, Auqa Tower etc. Später dann mit Wolkenkratzern in innovativer Stahlskelett-Bauweise mit modernen Liften. So wurde Chicago zur beispielhaft vertikal errichteten Stadt – zu Beginn noch mit Fassaden aus Beton und Stuck, seit den 1940ern/1950ern immer mehr aus Glas. Unübersehbar bleibt Richtung Prärie die Welt der Wolkenkratzer hinter einem.

Aber nicht die Schar der Architektur-Interessierten, und die begeben sich nicht nur nach Oak Park. Auf dem platten Land hinterließen nämlich gleich zwei renommierte Baukünstler die monumentalen Spuren ihres Könnens. Beide wahre Ikonen der Moderne. Der eine eben: Frank Lloyd Wright, 1867 geboren im Staat Wisconsin, in Phoenix/Arizona gestorben 1959; er wohnte längere Zeit in Oak Park. Der andere: Ludwig Mies van der Rohe, 1886 geboren im westdeutschen Aachen, gestorben 1969 in Chicago; der war schon in seiner Heimat ein erfolgreicher Architekt, ging auf der Flucht vor Nazi-Deutschland nach USA und kam auch nach Plano, ein Ort 90 Kilometer westlich von Chicago und richtig abgelegen. Beide schufen – jeder für sich – in der Prärie im Mittleren Westen bis heute mustergültige Einfamilienhäuser der Moderne.

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Wright’s Prärie-Stil setzt auf klare Linen und offene Räume, auf Naturmaterialien und Farben der Natur des Mittleren Westens Foto Ulrike Wirtz

Doch zunächst nach Oak Park. Hier wirkte Frank Lloyd Wright beruflich, entwarf etliche Häuser und lebte selbst von 1889 bis 1909 vor Ort – genau an der 951 Chicago Ave. Hier fanden Arbeit und Familienleben unter einem Dach statt: im auf den ersten Blick verschachtelt wirkenden Haus mit eineinhalb bis zwei Geschossen und noch höherem Oberlicht. Es beherbergte auch sein Studio mit Platz für das Team seiner Firma. Labor nannte Wright sein Anwesen auch, weil der Mann der Moderne an seiner innovativen Wohn-Architektur feilte, sie an die Landschaft draußen vor seiner Haustür anlehnte und seinen neuen Stil daher auch „Prairie-Style“ nannte. Guide Siddra erklärt noch draußen vor der Haustür: „Für den Stil und seine Pionierarbeit wird er bis heute gefeiert.“

Das würde Wright, von dem überliefert ist, dass er sich selbst gern als größten Architekt der Welt sah, sicher gefallen. Der Laborcharakter manifestierte sich darin, dass er an seinem Zuhause und Firmensitz stetig herumbaute, anbaute und dabei seinen neuen Stil entwickelte und verfeinerte wie an einem Modell. Angefangen beim mit dunklen Schindeln gedeckten Walmdach mit auffällig herausragenden Traufen, die sich als ein Merkmal seines Präriestils herausstellten. Damit ließ der Stilist sein Haus von außen gedrungen wirken, so als solle es sich kaum sichtbar einfügen in die Landschaft. Die Dachform löst beim Betrachter – wie vom Meister gewollt – auch ein Gefühl der Behaglichkeit aus. Die Klinker des Hauses sind Dunkel-Oliv, die Fenster in der für Wright typischen Bleiverglasung und haben eine Rahmung ebenso in Matt-Grün – wie die Farben der Prärie jenseits der Ortsgrenze.

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Gediegen essen im Wright-Zuhause – der Architekt entwarf alle Möbel selbst, auch Lampen und Hausgeräte und brilliert dabei bis heute mit seinem Gespür für die Moderne Foto Ulrike Wirtz

Die Fenster reihen sich – auch das Wright-typisch – eng aneinander, sind dadurch nicht nur funktional, sondern ein dezent schmückendes Element. Dezent war angesagt beim Mann, für den Pomp ganz und gar nicht sein Ding war. Er folgte den Linien der Prärie, die keine großen Höhen kennt, stattdessen horizontale Ausrichtung. Sowie Schlichtheit, aber elegant. Dafür steht Wohnen á la Wright im eigenen Haus und deutlicher noch in seinen späteren Arbeiten für seine Auftraggeber. Guide Siddra: „Wright strebte die Harmonie von Mensch und Natur an. Organisch nannte er das.“ Viel mehr von seinem verfeinerten Stil ist sogar gleich um die Ecke von Wright’s Zuhause zu betrachten, weil Nachbarn ihn mit den Entwürfen ihrer Häuser im Präriestil beauftragten.

Sein Stil huldigte den Farben und Materialien wie draußen in den Weiten der Prärie

Sein eigenes Zuhause überrascht beim Eintreten zunächst mit Dunkelheit und überrascht danach mit umso helleren Räumen. Das wirkt großzügig und liegt an der auffallend offen gehaltenen Bauweise. Damit bringt Wright ein Gefühl von Weite wie draußen nach drinnen. Das macht seinen Prärie-Stil aus. Ebenso die Verwendung von Naturmaterialien und Farben wie draußen auf dem Land. Ebenso die Einrichtung, die sich an der Natur orientiert: Lampen mit bernsteinfarbenem Glas spenden weiches Licht. Hölzernes Mobiliar kommt in Braun daher, Polsterbezüge in hellen Erdfarben von beige bis grün. Wright belässt Naturmaterialien als solche, möchte sie erkennbar machen und lässt Holz naturbelassen, statt es mit Anstrichen in Farbe zu verfremden. Braun von hell und dunkel ist das Innere seines Hauses und lassen es  schlicht-elegant aussehen und so gar nicht rustikal, wie es der Ranch-Stil tut.

Schnoerkelloses Mobiliar - von Wright entworfen und selbst genutzt Zuhause an der Chicago Ave Foto Ulrike Wirtz
Schnörkellos-schlicht, aber elegant – so lebte die Architektur-Ikone von 1889 bis 1909 Foto Ulrike Wirtz

Wright wollte seinen Stil ganzheitlich umgesetzt wissen und entwarf daher bis in die Details alles selbst: das hölzerne Mobiliar, gerade auch Einbauelemente, um damit Schlichtheit zu betonen; Lampen, Bilderrahmen, selbst Hausgeräte – alles schnörkellos, in Farben und Material Prarie-Style und sichtlich harmonisch. Und bei näherer Betrachtung raffiniert. So schafft seine klaren Linienführung Eleganz und erzeugen an sich simple Maßnahmen diese Weite, indem Wright Wände einfach weg lässt. Aber gewusst wo – er tut es am passenden Spot. Für Behaglichkeit bekommt das Zuhause an zentralen Stellen Kamine. Zumal Winter im Mittleren Westen eisig kalt sind. Dann die Fensterreihen, nun von innen betrachtet: Sie sorgen für mehr Licht in den Räumen und betonen noch die horizontale Linie der Prärie.

Wright stellt auf das Funktional-Elegant-Schlichte ab – modern eben. Somit verzichtete der US-Architekt völlig auf die aus Europa importierten Stilrichtungen viktorianisch, georganisch, Anne oder Tudor, die Jahrhunderte den Ton jenseits wie diesseits des Atlantiks angaben. Bei Wright also keine Erker, Giebel und üppige Stuckarbeiten, keine schnörkeligen Dekors. Wie anders die Stile waren, ist unübersehbar, wenn man sich eines der architektonischen Prachtexemplare im viktorianischen Stil ansieht, von denen es einige auf dem Land auch jenseits von Chicago gibt. Einen Besuch wert ist das Ellwood House, erbaut 1879 in DeKalb, Städtchen 100 Kilometer westlich von Chicago und nun auch ein Museum. Ein Besuch dort zeigt exemplarisch, wie verschieden doch lange schon die Geschmäcker waren und sind.

Wrights Kamin in Oak Park für Lagerfeuer-Feeling Zuhause Foto Ulrike WIrtz
Wright’s Kamin in Oak Park sorgt für Lagerfeuer-Feeling, ist doch die Prärie gleich draußen Foto Ulrike Wirtz

Wright sah seine Moderne auch als relevant bis in die gesellschaftliche Ebene an. So nannte er sein Schaffen demokratisch, gab seiner Vision von einem modernen Zuhause den Namen Usonia und verewigte seinen Masterplan für eine utopische Zivilisation im Buch mit dem Titel: „When democracy builts.“ Modern-offen kommt auch seine Devise fürs Privatleben über, was in der Gesellschaft zu Wrights Lebzeiten nicht alltäglich war. Guide Siddra: „Er verließ seine erste Gattin, mit der er sechs Kinder hatte und in Oak Park lebte, flirtete hier in seiner Nachbarschaft mit Frauen, führte mit einer Nachbarin, einer Kundin, eine wilde Ehe in Oak Park und ging mit ihr nach Europa.“ Das Paar kam zurück in die USA, sie kam in einem Feuer um, und Wright flüchtete in seinem Kummer nach Japan. „Als er von dort zurückkam, heiratete er erneut.“ Oak Park hatte er 1909 verlassen.

Das Büro des Meisters der ersten US-Moderne in Oak Park Foto Ulrike Wirtz
Bürokultur in Oak Park. Hier kreierte des Meister seine Idee von Moderne im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und prägt damit modernes Wohnen bis heute Foto Ulrike Wirtz

Da hatte auch die andere schillernde Berühmtheit des Orts demselben den Rücken gekehrt: Schriftsteller Ernest Hemingway, 1899 in Oak Park geboren und bis zum 7. Lebensjahr keine 600 Meter entfernt von Wright und seiner Familie aufgewachsen. Hemingway war erst Journalist und Kriegsberichterstatter, wurde Autor und 1954 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt. Privat frönte er der Großwildjagd in Afrika und der Hochseefischerei vor der Küste Süd-Floridas und war vier Mal verheiratet. Auch ihm widmet Oak Park heute ein Museum; im einstigen Elternhaus, 1890 erbaut im barocken Queen- Anne-Stil á la Europa. Ob den beiden – Wright und Hemingway – die unaufgeregte, ländliche Idylle in Oak Park half, ihre Talente zu entwickeln? Das Haus der Hemingways  war wie gesagt alles andere als Wrights Prärie-Stil.

Hingegen ließen sich etliche Nachbarn ihr Heim vom Meister der US-Moderne entwerfen, allein in Oak Park insgesamt gut 30 Einfamilienhäuser, einige wie gesagt direkt bei ihm um die Ecke und einfach zeitlos-schön anzusehen. Und dann der Unity Temple zehn Minuten zu Fuß von Wrights Zuhause entfernt und sehenswert als zeitlos-modernes Haus der Religion, das Wright selbst als „Little Jewel“ hervorhob. Diese Nachbarschaft lässt sich erkunden wie ein Freilichtmuseum; zehn der Häuser sind in einer Audiotour erklärt, die das FLW-Museum bereithält. Aber Achtung: Alle Einfamilienhäuser sind in Privatbesitz und nur von der Straße zu besichtigen – samt ihrer opulenten Gärten und Bäume.

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Für Nachbarn rund um Chicago Ave und Forest Ave schuf Wright Häuser im Prärie-Stil wie das Hills-Decaro-Haus, erbaut 1906, nachgebaut 1977. Die Wohngegend ist schön zu Fuß zu erkunden Foto Ulrike Wirtz

Was Wright auch gefallen hätte: Die UNESCO ehrte acht seiner Gebäude, verteilt über die USA, als Welterbe, davon in Oak Park den Unity Temple und das Robie House, erbaut 1906 im südlichen Chicago und das Werk von Wright, das seinen Ruf als Architekt der US-Moderne zementieren sollte. Was den Meister zeitlebens gewurmt haben soll, so zitiert Guide Siddra aus Arbeiten über Wright: „Dass er keinen Wolkenkratzer baute. Immerhin hat er aber das legendäre Guggenheim Museum in New York entworfen und ebenso UNESCO-Welterbe.

Mies van der Roheder andere Meister der Moderne und nicht nur weltberühmt seine Wolkenkratzer

Ganz anders Ludwig Mies van der Rohe, die andere Ikone des Modernismus, 1938 emigriert aus Deutschland nach USA und bis zu seinem Tod 1969 in Chicago Zuhause. Ein gewisser Ruhm gründete bereits auf seinen Architektur-Aktivitäten zuvor in Deutschland und Europa. Dafür nur ein Beispiel: der Barcelona-Pavillon von 1929 als Bauwerk radikaler Reduktion auf klare Linien in geometrischer Strenge. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde er zum Wolkenkrater-Spezialisten und kam als Vertreter der Avantgarde zu Legenden-Status. Nur ein Beispiel seiner Monumente der Moderne ist das Seagram Building, fertig gestellt 1958 in Manhattan/New York City in seiner klaren Gliederung, ohne jeden Schnickschnack, dafür mit viel Glas und von zeitloser Ästhetik bis heute.

Auf diesem beruflichen Weg nahm er 1945 den Auftrag für ein Einfamilienhaus an, das sein einziges in USA bleiben sollte, daher bis heute nicht nur Enthusiasten des Modernismus aufs Land pilgern lässt. Die begeben sich wie einst Mies van der Rohe in die Gegend des 12.000-Seelen-Orts Plano 100 Kilometer westlich von Chicago. Der ist zwar inzwischen dank guter Straßen Teil der Chicago Metropolitan Area, blieb aber trotzdem ein ländlich-verschlafener Landstrich, rural country, wie die Amerikaner sagen.

Jenseits von Chicago wartet das platte-Land des Mittleren Westens Foto Ulrike Wirtz
Jenseits von Chicago wartet das platte Land des Mittleren Westens und irgendwo das ikonische „Mies-van-der Rohe-Haus“, entworfen für Edith Farnsworth Ende der 1940er Jahre Foto Ulrike Wirtz

Während der Autofahrt hierher ziehen Felder, Wald und Wiesen vorbei, Scheunen und Gatter von Farmen und Ranches, kleine Weiler mit den typischen hölzernen Wohnhäusern älteren und jüngeren Datums. Die Prärie geht hier weiter westlich von geraden auch in gewellte Linien über. Es ist schön grün hier und war es noch mehr zuzeiten, als Mies van der Rohe vor Ort kam.

Diese Abgeschiedenheit war es, nach der die Auftraggeberin fürs Wohnhaus, besser fürs Wochenendhaus, suchte: Dr. Edith Farnsworth aus Chicago, Tochter wohlhabender Eltern, Ärztin, Forscherin und Spezialsitin für Nierenkrankheiten. Sie war eine der ersten Gelehrten für Medizin im Staat und in Chicago, spielte Geige auf hohem Niveau, hatte für Europa ein Faible, das sie bereiste. Und sie wollte ruhige Wochenenden fern ihrer stressigen Arbeit in Chicago verbringen. Ihre Vorstellung vom Glück für den Zweck: ein schlicht-modernes Domizil in Harmonie mit der menschenleeren Natur am Fluss inmitten rund 4000 Quadratmeter (9.5 Acres) Wildlandschaft. Dafür kam ihr kein Geringerer als Mies van der Rohe gerade recht. Der bescherte ihr und der Nachwelt dann mitten im Grünen an den Ufern des Fox River einen Solitär der Moderne, der in den USA und darüber hinaus als einer der wichtigsten Bauten im neuen Wohnhausstil gilt.

Der Wunsch von Edith Farnsworth nach Privatsphäre war ihm fast egal - Mies van der Rohe folgte seiner Idee vom perfekten Domizil der Moderne Foto Ulrike Wirtz
Der Wunsch von Edith Farnsworth nach Privatsphäre war ihm fast egal – Mies van der Rohe folgte seiner Idee vom perfekten Feriendomizil für die Ärztin und Forscherin FarnsworthFoto Ulrike Wirtz

Aber bevor sich ein erster Blick darauf werfen lässt, geht es erst durch den Eingang zum Areal, das nun als Historic Site Museumstatus genießt, und danach gut zehn Minuten zu Fuß durch leicht-luftigen Wald und Wiesen – bis sich in Ufernähe ein schlichter Bau zeigt. Er ist eingeschossig, hat ein Flachdach und besteht fast nur aus Glas. Er wirkt zwar ganz anders als Wright’s Moderne, doch klaren Linien ohne Schnickschnack folgt auch Mies van der Rohe. Was für eine zeitlos-puristische Formsprache und Anmutung. Bei längerem Ansehen zeigt sich: Das Schlichte kommt auch dadurch, dass nur unauffällige, weil dünne Stahlplatten als tragende Elemente von Dach und Boden in Weiß fungieren und dass die Glasflächen rundum in senkrechter Linie nur ab und an von filigranen Stahlleisten ebenso in Weiß unterbrochen werden. Alles gläsern, keine Hauswand aus Stein oder Holz. Alles transparent. So wirkt der Bau in Mies van der Rohe‘s Purismus auch kein bisschen als Störenfried in der grünen Natur.

Andererseits null Privatsphäre – so empfindet man selbst als derjenige, der reinschaut. Schon seltsam. Wieviel seltsamer muss es von innen sein. Das lässt sich feststellen, da das Haus auch von innen besichtigt werden kann. Zum Eingang des Hauses führen erst vier und weitere fünf schlichte Stufen, weil das Haus auf Stelzen steht, die wiederum so schlicht sind, dass das Haus zu schweben scheint. „Die Stelzen sind der Lage am Fluss geschuldet, weil der ab und an Hochwasser führt“, erklärt John, einer der Guides für das Edith Farnsworth House, wie es heute als Museum nach seiner Bauherrin heißt. Drinnen ist die Aussicht ins Grüne einfach schön, egal wo man ist. So war es auch für die Bewohner, ziehen sich doch die diversen Wohnbereiche entlang der Glasfronten.

Mies van der Rohe und seine Möbel-Klassiker im Edith-Farnsworth-House Foto Ulrike Wirtz
Perfekt durchgestylt – Mies van der Rohe schuf auch Möbel-Klassiker. Sie zogen aber erst mit dem nächsten Eigentümer ins Edith-Farnsworth-House ein Foto Ulrike Wirtz

Mies van der Rohe meinte selbst: „Wenn man die Natur durch die Glaswände ansieht, nimmt sie ein noch wichtigere Bedeutung an, als von außen betrachtet.“ Und überhöhend fügt er hinzu: …es wird Teil eines größeren Ganzen“. Das Domizil erscheint einem als Maximum am Wohnen mit und in der Natur, ohne wirklich draußen zu sein. Innen kommt auch erst zum Vorschein, wie Mies van der Rohe für eine gewisse Intimsphäre zur Körperpflege gesorgt hat, indem er in der Mitte des Baus eine mit Holz verkleidete Räumlichkeit schuf. Ansonsten alles einsehbar, ob Küche, Essbereich, Schreibtisch oder gar die Schlafräume.

Das Mobiliar in hellem Naturholz passt zur Leichtigkeit des Baus, auch das lichte Braun der berühmten Mies van der Rohe-Stühle namens Barcelona, erstmals gefertigt für den Pavillon in der spanischen Stadt, zeitlos schön und als teures Mobiliar bei Premium-Möbelhäusern zu erstehen. Ebenso die vom Meister entworfenen Liegen in dunkelbraunem Leder, auf die man sich direkt kuscheln möchte, um durch die gläsernen Wände von Edith Farnsworth Haus ins Grüne zu schauen. Guide John: „Die von Mies van der Rohe entworfenen Sessel und Liegen brachte der nächste Eigentümer des Hauses erst mit. Sie schlief zum Beispiel nur auf einer Matratze auf dem Boden.“   

Nachgestellt für heutige Besucher. Denn Edith schlief asketisch auf einer Matratze Foto Ulrike Wirtz
Nachgestellt für heutige Besucher. Denn Edith schlief asketisch auf einer Matratze Foto Ulrike Wirtz

Was hatte Mies van der Rohe schon alles zuvor geschaffen: In den 1930ern war der einstige Aachener der letzte Direktor des Staatlichen Bauhauses, der Schule der Moderne für Kunst, Design und Architektur in Dessau, das die Nazis dann so verschmähten. Zuvor hatte er sich abgewendet vom traditionell-neoklassisch-opulenten Baustil hin zum Modernismus mit Fokus auf Funktionalität; in Deutschland aus seiner Feder zu bewundern bei der 1927 im neuen Stil entworfenen Stuttgarter Mustersiedlung der Moderne, genannt „Am Weißenhof“. Wie weit weg ist schon deren Dimension vom kleinen, feinen Wochenendhaus auf nur einer Ebene, wie weit weg sind erst die himmelhohen  Bürogebäude und Apartmenthäuser, mit denen Mies von der Rohe in den USA von Chicago bis New York und darüber hinaus reüssierte.

Mies van der Rohes letztes Masterpiece entstand in Berlin – die Neue Nationalgalerie

In Chicago baute der Vertreter schlicht-raffinierter Moderne etwa das Minerals & Metals Research Building (1943) oder die Alumni Memorial Hall (1946). riss vor Ort um 1948 in funktional-eleganter Formsprache Apartmenthäuser mit Glasfassaden auf, die Lake Shore Drive Apartments. Mies van der Rohe entwarf aber auch moderne Kulturtempel wie das Museum of Fine Arts in Houston/Texas und in Berlin die Neue Nationalgalerie in Berlin, ein Glaspavillon und Mies van der Rohes letzte Arbeit überhaupt. Allen ging jeder Pomp ab, keiner ließ Raum für Verspieltes. Inmitten dieser Schaffensjahre das 1951 fertig gestellte Wochenenddomizil in der Prärie im Mittleren Westen.

Gewisse Parallelen im Stil finden sich denn schon auch zwischen High-Risern und Edith Farnsworth House. So kommt eine Art Stahlskelett-Bauweise hier wie dort zum Einsatz und ebenfalls Glas und nochmals Glas für die Fassaden. Von der zeitlosen Eleganz des Schlichten erzählt auch das kleine Haus dem Betrachter. Was es aber nicht preisgibt, erzählt Guide John. Zum Beispiel, dass sich die Bauzeit von 1945 bis 1951 hinzog. Dass sich Auftraggeberin und Auftragnehmer zerstritten, weil er sein Ding machte: „Indem er seinen Prototypen realisierte statt sich an ihren Bedürfnissen zu orientieren. Mies van der Rohe galt als einer, der übers Projekt die ganze Kontrolle haben wollte. Die Legende sagt, dass daher die Fetzen flogen.“ Es heißt auch, weil sie sich in ihn verguckt haben soll, während sein Privatleben mit Ehefrau und Geliebter keinen Raum ließen für Edith.

Mies van der Rohe lässt seine Bauherrin Kochen wie im Freien Foto ULrike Wirtz
Der einstige Direktor des Bauhauses lässt nicht nur seine Bauherrin kochen wie im Freien. Vielmehr meint, wer heute drinnen steht, man sei draußen Foto ULrike Wirtz

Am Ende monierte die Nierenspezialistin zu viel Transparenz plus zu hohe Baukosten – statt 40.000 $ 74.000 $ – und so weiter. Der Guide: „Das ganze ging vor Gericht und endete nach fünf Jahren mit einem Vergleich.“ Die Auftraggeberin hatte auch nicht besänftigt, dass das Haus damals schon für Aufsehen sorgte und in Fachzeitschriften hochgelobt wurde. John: „Jedenfalls wurde das Haus als das von Mies van der Rohe bezeichnet und nicht als ihres. Vielleicht hat das Edith Farnsworth nicht gefallen.“ Sie hat es dann 20 Jahre genutzt, dann verkauft. 2003 kaufte es der National Trust for Historic Preservation, machte aus dem Haus eine Art Museum mit Laden, der Bauhaus- und Mies-van der Rohe-Lektüre vom feinsten bietet. Besucher aus aller Welt kommen – wie zum Wohnhaus mit Architektenstudio von Frank Lloyd Wright, der anderen Baukunst-Ikone, die im Country im Mittleren Westen wirkte.

Wichtige Websites und weitere Info

Zu Frank Lloyd Wright in Oak Park https://franklloydwright.org; und https:flright.org. Zu Oak Park www.oakparkandbeyond.org. Zum Unesco-Welterbe des Prärie-Stil gehört das Robie House in Chicagos Stadtviertel Hyde Park www.choosechicago.com. Dagegen liegt das sogenannte Laurent House von anno 1948 in Rockford 140 Kilometer westlich von Chicago und gilt als erstes barrierefreies Zuhause der Moderne.

Zu Ludwig Mies van der Rohe‘s Edith Farnworth House www.edithfarnworthhouse.org. Ein Besuch hier in Plana lässt sich gut verbinden mit dem Laurent House – siehe oben. Zu Mies van der Rohe in Chicago www.architectur.org. Anderes mehr zur Ikone der Moderne www.Miessociety.org; zum Bauhaus in Dessau www.bauhaus-dessau.de

Schöne alte Architektur Dazu gehört das 1879 erbaute Ellwood House in DeKalb – ein Mansion, das Stacheldrahtzaun-Erfinder Isaac Ellwood gehörte www.ellwoodhouse.org.

Ellwood House im-klassischen Stil mit Erkern und Schnoerkeln-von 1879_Foto Ulrike Wirtz
Vor der Moderne 1879 errichtet – das Ellwood House hat außen ganz klassisch Erker…
Pomp innen im Ellwood House wie ueblich bei den Reichen Foto Ulrike Wirtz
… und ist innen pompös-schörkelig wie vor Wright üblich bei der reichen US-Society Fotos Ulrike Wirtz

Lohnend auch das Charles Gates Dawes House (1894), schön in Evanston am Lake Michigan gelegen. Im Mansion im schlossartigen Stil lebte der einstige US-Präsident Charles Gates Dawes für Jahrzehnte www.evanstonhistorycenter.org

Generelle Info für Chicago unter www.choosechicago.com. bzw. Illinois www.enjoyillinois.com.

Extratipp…sehenswerte Gärten

1. Chicago Botanic Garden: ein Hort der Beschaulichkeit durch Inseln, kleine Seen, Wanderpfade und lauschige Plätzchen; hier warten 27 Gärten unterschiedlicher Art auf Erkundung www.chicagobotanic.org

Chicago Botanic Garden Glencoe Foto Urlike Wirtz
Ein Highlight in Gartenkunst ist der Chicago Botanic Garden in Glencoe 40 Kilometer vor der Mega Ciy …
Ein weiteres Highlight in Gartenkusnt: Anderson Japanese Gardens Foto Ulrike Wirtz
…ein weiteres Highlight: Anderson Japanese Gardens in Rockford mitten in der Prärie Foto Ulrike Wirtz

2. Oak Park Conservatory: errichtet 1929 in Oak Park, um besondere Fauna der Region zu erhalten; heute sind rund 3.000 Pflanzen zu bestaunen www.oakparkconservatory.org  

3. Anderson Japanese Gardens; fünf Hektar verwunschener Pfade, Beete und Wasserläufe; errichtet 1978 in Rockford vom internationalen Landschaftsarchitekten Hoichi Kurisu www.andersongardens.org

Extratipp….Hotels

Ansehnlich und komfortabel ist das Herrington Inn & Spa in Geneva; das historische 4-Sterne-Hotel ist bekannt auch für seine sehr gute Küche und sein Lage idyllisch direkt am Fox River, an dem sich auch das Edith Farnsworth House versteckt www.herringtoninn.com

Praktisch-solide: das Carleton Hotel in Oak Park im historischen Gemäuer mit italienischem Restaurant mit guter Bar www.carletonhotel.com

Insider-Tipp: Wer nach so viel Architektur chillen möchte, kann das bei Whiskey Acres in DeKalb tun. Der Hot-Spot harter Drinks ist Teil der Farm der Eigentümer.

Whiskey Destillerie in DeKalb Foto Ulrike Wirtz
100 Kilometer sind es von Chicago nach Westen in die Prärie zur Destillerie Whiskey Acres…
Insider chillen bei Whiskey Acres in DeKalb Foto Ulrike Wirtz
…hier chillen nicht nur Insider auf dem platten Land so ganz ohne moderne Architektur Fotos Ulrike Wirtz

liegt in den Feldern auf plattem Land und versorgt auch mit anderen Drinks, auch alkoholfreien. Weizen und Gerste für die Whiskeys wachsen grund um die Location für blaue Stunden www.whiskeyacres.com

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