Lake Michigan Beach

Lake Michigan – 3 Beach-Towns auf einen Streich

Der See im US-Staat Michigan ist groß wie ein Meer. Am südöstlichen Ufer liegen gleich drei Badeorte für erholsam-faule Tage: Grand Haven, Saugatuck, South Haven. Das Trio liegt eng beieinander im Riesenrevier der Great Lakes im Nordosten und ist seit langem Naherholungsregion für Detroit und Chicago. Doch auch Fernreisende können hier schön entschleunigen.

„Wie schön, zwischendurch mal die Hände in den Schoss zu legen“, sagt Alex Overhiser, 28, der Jungbauer der Overhiser Orchards. Die Obst-Plantage gehört zu South Haven, Badeort am Lake Michigan in Michigan State. Die Familie Overhiser hat sie 1863 gegründet und baut speziell Blaubeeren und Pfirsiche, Äpfel und Kirschen an. Junior Alex hat eigens fürs Foto Platz genommen. „Mit mir ist die 6. Generation am Ruder. Mein Vater Allan ist Seniorchef und 5. Generation. Unsere Vorfahren kamen aus Deutschland.“

Jung-Farmer Alex Overhiser Orchards Foto Ulrike Wirtz 0442.jpg
Obstplantagen zum Selbstpflücken tragen zur ländlichen Idylle bei; hier Juniorchef Alex von den Overhiser Orchards, gegründet 1863 von den Overhisers aus Deutschland Foto Ulrike Wirtz

Inzwischen bewirtschaftet der Familienbetrieb 300 Acres eigenes Land plus geleaste Flächen, so Alex, studierter Kaufmann. Ein Teil sei Bio-Farm – „hier können die Leute Obst selbst pflücken“. Ein paar Meilen weiter sei der andere Standort – „dort bauen wir große Mengen für die Obst-Industrie an“. 300 Acres gleich gut 120 Hektar im Besitz – gleich „tagtäglich viel Arbeit“. Jedoch nicht für die Leute, die bei den Overhiser Orchards und weiteren Bauern in der Gegend for fun pflücken oder stoppen oder vorbeifahren.

Auszeit an einem See der Superlative mit hohem Erholungsfaktor

Denn viele sind auf dem Weg zum eigentlichen Ziel Lake Michigan, speziell seinem Südost-Ufer mit diesem ländlichen Hinterland und gleich drei Traditions-Badeorten. Sie kommen per Auto oft aus den nahen Mega-Cities Chicago und Detroit, sind Naherholungssuchende und Fernreisende, die über die internationalen Flughäfen beider Großstädte anreisen. Fahren ab Chicago südwestlich in Illinois bis etwa South Haven 200 Auto-Kilometer bzw. 300 von Detroit im östlichen Michigan State bis South Haven. Alex hört immer wieder: „Es ist es einfach schön, im Frühjahr blühende Obstbäume anzusehen, bzw. einladend im Sommer und Herbst zum Selbstpflücken anzuhalten.“

Die drei Badeorte reihen sich am Seeufer von Süden nach Norden betrachtet auf wie folgt: erst South Haven, danach Saugatuck, dann Grand Haven. Zu zweien ist es von den Overhiser Orchards nur einen Katzensprung: nach South Haven zehn Kilometer, 25 nach Saugatuck. Bis Grand Haven sind es zwar 80 Kilometer, aber meist schön durchs Grüne; erst die Interstate 196 North, dann links ab auf die US 31 namens Lake Shore Avenue wegen des See-Panoramas. Die Kilometer auch nur ein Katzensprung, gemessen allein an der Größe des Sees.

Abendstimmung wie am Meer - hier wie in Grand Haven Foto Ulrike Wirtz
Abendstimmung wie am Meer, hier in Grand Haven Foto Ulrike Wirtz

Und egal wo man ans See-Ufer tritt: Der Blick fällt auf Wasser bis zum fernen Horizont – und Schiffe; in der Ferne Transporter, die ihre Bahnen ziehen, näher und nahe an Land Fischerboote, Motor- und Segelyachten auf Cruise-Tour. Ein See, der groß wirkt wie ein Meer. Lake Michigan ist mit seiner Fläche von 58.000 Quadratkilometer so groß wie die der Schweiz. Der 536 Quadratkilometer große Bodensee passt gut 100 Mal hinein. Als Teil der Greater Lakes, wie die Region der Großen Seen im Nordosten der USA an der Grenze zu Kanada heißt, macht  Lake Michigan dem Namen alle Ehre, hat obendrein außer Michigan State noch die drei US-Bundesstaaten Illinois, Indiana und Wisconsin als Anrainer.

Die Region hat Alleen wie diese in South Haven.Foto Ulrike Wirtz
Alleen zum Cruisen und Genießen, hier in South Haven Foto Ulrike Wirtz

Drei Orte, die sich eher ähneln, so dass die Wahl zur Qual werden kann. Nicht nur weil jeder Ort seinen eigenen Fluss hat. Die Flüsse schlängeln sich vom Hinterland kommend durch die Orte, sorgen mit ihrem grün bewachsenen Ufern für noch mehr Idylle und münden dann in den See. Im Ort in Grand Haven der Grand River und in South Haven der Black River. Durch Saugatuck fließt der Kalamazoo River, weitet sich im Zentrum allerdings aus zum kleinen See Lake Kalamazoo und fließt erst jenseits des Orts in Lake Michigan Die Beliebtheit des Trios an der südöstlichen See-Seite erklärt sich mit teils kilometerlangen Sandstränden, mit zahlreichen Wassersportmöglichkeiten und weitläufiger Dünenlandschaft und daran angrenzend die von Overhiser und anderen bestellten Felder und Wiesen. Dünen entstanden aus xyyx.

Dünenlandschaft bei Saugatuck Foto Ulrike Wirtz
Dünenlandschaft zum Wandern und Durchatmen bei Saugatuck Foto Ulrike Wirtz

Kleinster Ort des Trios ist Saugatuck mit 865 Einwohnern; größer sind South Haven (4.000) und Grand Haven (11.000); jeweils gezählt die ganzjährig vor Ort Lebenden. Erst durch ihre Urlaubsgäste werden sie zu Orten mit Betrieb, wobei die Downtowns trotz Läden, Lokalen und Boutiquen sich das Gemütliche bewahrt haben. In den drei Orten warten Hotels, Bed & Breakfast und Ferienwohnungen. Vor allem Saugatuck und South Haven gefallen durch alte Architektur schön restauriert und haben daher einen gewissen Retro-Schick. Grand Haven als größter Ort betont hingegen weniger das Retro, vielmehr sein Town-Flair mit Theater und Krankenhaus.

Eine Qual der Wahl unter den Dreien – besser noch alle drei auf einen Streich

Dass die Stimmung allerorten von Frühjahr bis Herbst die meiste Zeit relaxt ist, bekomme ich erzählt, als im Juni vor Ort. Und dass in der Hauptsaison es auch hektischer werden kann, nämlich wenn Sommerferien sind oder zu den langen freien Wochenenden Memorial Day und Labour Day. Das gilt noch mehr, wenn zugleich ein Festival stattfindet, etwa das Blueberry Festival in South Haven (heuer 6. – 8. August), das Saugatuck Art Festival (25. und 26. Juli) oder das Coast Guard Fest in Grand Haven (24. Juli – 1. August), letzteres mit Tradition seit 1924.

Was dereinst Siedler wie die Familie Overhiser veranlasste, sich hier am süd-östlichen Ufer niederzulassen, prägt bis heute die Erholungsfaktoren rundum mit. Obstbauer Overhiser Junior schwärmt: „Klima und Lage sind phantastisch. Wir liegen mit unseren Flächen nur 15 Autominuten vom Ufer entfernt und bekommen viel Wetter vom See. Das heißt warme Sommer und kalte Winter regelmäßig mit Schnee. Im Frühjahr und Herbst ist es heiter mit genug Regen. Und wir haben gute Böden.“ Und früher gab es in der Region riesige Wälder, die kommerziell genutzt wurden. Somit arbeiteten Siedler aus Europa auch als Holzfäller, bauten Sägewerke, wurden Fallensteller, Fischer und Pelzhändler und brachten ihre Produkte anfangs über die Wasserwege zu ihren Abnehmern. Die Orte South Haven, Saugatuck und Grand Haven waren geboren,

Grand Haven Tri-Cities Historical Museum mit Nachbau einer alten Logger-Hütte Foto Ulrike Wirtz
Das Grand Haven Historical Museum erklärt detailreich und liebevoll die Historie der Region; hier die nachgebaute Schlafhütte eines Holzfäller-Camps Foto Ulrike Wirtz

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts kamen immer mehr Touristen, parallel ging die kommerzielle Waldnutzung zu Ende. Auf dass Hoteliers, Gastronomen und ähnliche die althergebrachten Berufe ablösten. Außer den Bauern, so dass Äpfel, Kirschen und anderes Leckeres weiter im guten Seeklima wachsen und gedeihen. Was anfangs See und Dünen und ländliches Hinterland auf die touristische Landkarte brachte: der aufkommende Trend zur Naherholung, so nachzulesen in South Haven am North Shore Drive auf einem Schild des Michigan Historical Center. Der Grund dieser schönen Entwicklung war laut Schild die Neuerfindung des Autos. Und weil diese damals den Wohlhabenden gehörten, entstanden in den drei Orten entsprechend gehobene Unterkünfte in Gebäuden die teils noch heute ihre Dienste tun. Doch dazu später.

Heute kommen Erholungssuchende, Wassersportler, Kunstfans, einst kamen Siedler aus Europa

Was Besucher heutzutage so alles tun: je nach Wetter und Jahreszeit faul im Sand am Strand liegen, in South Haven an kilometerlanger North und South Shore, in Saugatuck am Oval Beach, der zwar kürzer ist, dafür preisgekrönt, oder im Grand Haven State Park, aufgeteilt in die Kategorien Familien, Hunde etc. Viele Gäste kommen, um zu wassersporteln: je nach Lust, Laune und Können per Kajak auch auf einem der drei Flüsse, per Segelboot und Kite auf dem See groß wie ein Meer. Andere machen Strandspaziergänge oder wandern auf den Trails, die von den Badeorten landeinwärts gehen.

Villa im Retro-Schick nicht weit vom See in South Haven Foto Ulrike Wirtz
Auch heute schön zum Wohnen – Villa im Retro-Schick nicht weit vom See in South Haven Foto Ulrike Wirtz

Besonders und überregional dehnt sich der Kal Haven Trail. aus, führt ab South Haven 34 Meilen, 55 Kilometer, landeinwärts nach Westen zur Stadt Kalamazoo und das auf der Eisenbahntrasse von 1887, die 1971 aufgegeben und rückgebaut wurde. Die Bahnlinie transportierte neben Passagieren gerade auch die Früchte der Region und wurde daher auch Fruit Line genannt. Mit Stilllegung übernahm wieder die Natur, und Hiker und Biker, aber keine Motorbikes, wandern genüsslich durch Wälder, Weiler und offenes Farmland.

South Haven mit besonders maritimem Flair

Das Trio hat viel Vergangenes und Heutiges gemeinsam – doch jeweils vor Ort stellen sich gewisse Highlights heraus. So wohnt es sich in South Haven am North Shore Drive vor dem Strand mit dem feinen hellgrauen Sand besonders schön: in schicken Ferienapartments im Landhausstil nicht höher als zwei, drei Etagen direkt am Beach. In den Straßen dahinter gefallen Villen mit Veranden und gepflegten Gärten. Das setzt sich ähnlich am südlichen Strand von South Haven fort. Kein Hochhaus weit und breit. Die langen Sandstrände unterteilt nur durch die Mündung des Black River.

Im Ort lässt sich vieles zu Fuß erreichen. Dabei geht es an schön erhaltener alter Architektur vorbei wie der 1906 erbauten Carnegie Library oder wie das älteste Haus im Ort, errichtet 1853 bis 1856 als Farmhaus der Familie Bailey und heute als Liberty Hyde Bailey Museum & Gardens liebevoll gepflegt, zur Besichtigung offen und eine wahre Zeitreise. In die Reihe des Retro-Schicks passt auch das oben erwähnte Carriage House at the Harbor, 1886 als schmuckes Privathaus erbaut, seit 1920 Gästehaus, später und bis jetzt ein Bed & Breakfast. Hier wohnt es sich zentral und doch ruhig, während vor der Haustür ein Park mit alten Eichen wartet und unterhalb ein Steg mit Booten, die sanft im Wasser schaukeln.

The Carriage House at the Harbor B&B und erbaut 1886 Foto Ulrike Wirtz
The Carriage House at the Harbor,1886 schmuckes Wohnhaus, heuer komfortables B&B Foto Ulrike Wirtz

In South Haven ist das Maritime offensichtlich, zum Beispiel durch den Yachthafen am Black River nicht weit von dem Punkt, wo der Fluss in den See mündet. Hier liegt Boot an Boot – Segel- und Motoryachten und vereinzelt Fischerboote. Genau am Punkt, wo sich Black River und Lake Michigan treffen, steht South Havens alter Leuchtturm, der noch immer sein helfendes Licht für die Schiffahrt sendet. Der Turm ist nur 35 Feet (elf Meter) hoch, fällt dennoch ins Auge, da gestrichen in kräftigem Rot. Er sei einer von vieren in Michigan, die erhalten sind, weiß Jim Ollgaard, Präsident der Historical Association South Haven, zu erzählen. „Unser Leuchtturm stammt von 1903, ersetzte seinen Vorgänger von 1872 und wanderte 1913 um 130 Meter an seinen heutigen Platz.“ Ollgaard schaut gerade am Leuchtturm nach dem Rechten und sagt auch mit Bedauern: „Besucher dürfen ihn nicht mehr besteigen.“

Historisches Boot ganz aus edlem Mahagony Foto Ulrike WIrtz
Bereit für Romantik-Tour wie anno dazumal – historisches Boot aus edlem Mahagony Foto Ulrike WIrtz

Mehr Maritimes bietet das Michigan Maritime Museum im Yachthafen und hat am Quai vor seiner Tür wahre Schätze liegen: alte Boote teils echt, teils Replika, und gegen Ticket für zwei-stündige Touren mit Skipper buchbar. So das Original von 1929: ein schnittiges Holzboot aus edlem Mahagoni ohne Kajüte und sein heutiger Motor bis zu 35 MpH schnell. Es heißt Merry Time und verspricht romantisch-frohe Zeiten auf See und Fluss. „Mit solchen Booten wurden Gäste früher zu ihrem Feriendomizil geschippert oder machten Sunset-Cruises mit Picknick“, erzählt Kapitän Bob später an Bord des Segelschiffs, auf dem er seit acht Jahren zahlende Gäste for fun über den See fährt. Sein Schiff ist die Replika eines Lastenseglers namens Friends Good Will und auch zu buchen für Cruises von morgens bis abends mitsamt Sonnenuntergang auf dem See.

Bob’s Tour an besagtem Juni-Tag ist fast ausgebucht. Drei Leute Crew hat er an Bord und stellt alle/alles kurz vor: „Ich bin aus Michigan und war früher bei der US-Coast-Guard. Die Crew bildet eine Berufs-Bootsfrau, ansonsten Freiwillige. Die sind gut angelernt, manche sowieso Hobbysegler.“ Die Friends Good Will sei 101 feet lang (knapp 35 Meter) und 2004 gebaut. „Mit solch einem Lastenschiff segelten um 1800 Quaker von Großbritannien in die neue Welt. Später transportierte es auch Produkte wie angebauten Tabak.“ Während Bob erzählt, macht die Crew alles klar zum Ablegen. Sie trägt wie der Captain traditionelle Kleidung, wie er sagt „aus jener Zeit“. Die Crew animiert die Passagiere später, beim Segel setzen und Segel einholen zu helfen.

Alter Lastensegler mit Captain Bob und Crew Foto Ulrike Wirtz
Passend zum alten Lastensegler tragen Captain Bob (vorn) und Crew historische Kleidung Foto Ulrike Wirtz

Gesagt, getan, auch auf der Rückfahrt. Wieder manövriert Captain Bob das Schiff durch die auf Kommando sich öffnende Hydraulikbrücke. Wieder geht es am Lokal Captain Lou’ s vorbei, wo zum Sonnenuntergang am Vorabend die große Terrasse gut besucht war. Hier erwarten Gäste auch vor und nach dem Sundowner coole Getränke und Leckeres für den kleinen und großen Hunger, auch Fisch frisch aus See und Fluss wie Forellen und Lachs. Doch wenn die Sonne scheint, der Himmel klar ist, dann sind Sonnenuntergänge mit den Füßen im Sand am Strand noch größeres Kino am Lake Michigan in South Haven.

Saugatuck als Beachtown mit renommiertem Kunst-Zentrum und Dünen-Spektakel

Desgleichen hat Saugatuck auch zu bieten, aber erst muss eigens der Weg zum Oval Beach absolviert sein. Dahin sind es sechs Kilometer per Auto oder Bike von Downtown Saugatuck – sagen wir vom Ufer des Lake Kalamazoo, wo die kleine, per Kettenzug betriebene Fähre für Fußgänger und Radfahrer ablegt. Sie trägt einen die kurze Strecke nach gegenüber, wo der Mount Baldhead bestiegen werden möchte, und retour.

Saugatuck Chain Ferry, genannt Diane Foto Ulrike Wirtz
Die Mini-Fähre fährt ganz retro durch Kettenzug über den Kalamazoo-See in Downtown Foto Ulrike Wirtz

Der Berg ist 246 Meter hoch, seine letzten knapp 100 Meter über 303 Stufen sportlich bei Auf- und Abstieg erobert und belohnt mit Blick über Beach, Dünen und Lake Michigan, besonders schön eben auch, wenn die Sonne untergeht. Aber weder Sunset noch Berg machten Saugatuck einst zum Reiseziel.

Kustkurs im Sommer 2025 in Saugatuck - Studentin arbeitet an Stahlskulptur Foto Nolan Zunk
Kunstkurs im Sommer 2025 in Saugatuck – Studentin arbeitet an Stahlskulptur Foto Nolan Zunk

Vielmehr steht Saugatuck vor allem dafür, ein Ort der Kunst zu sein und das seit 1910. In dem Jahr rief die School of the Art Institute of Chicago hier ihre Summer School of Painting als Außenstelle offiziell ins Leben. Nachdem ab rund 1900 studierende Künstler vom Institut in Chicago auf eigene Faust in Saugatuck ihr Sommercamp organisierten hatten, weil sie hier einen ruhigen, im Sommer nicht so heißen Platz fanden, um sich auf ihre Werke zu konzentrieren und Inspiration zu finden. Das sprach sich herum, ebenso eine gewisse Freizügigkeit in der Freizeit. Das Kunst-Institut vor Ort heißt: Oxbow School of Art & Artists‘ Residency und ist weiterhin verbunden zum Art Institute in Chicago.

Daher tragen Gemälde in ihrem Titel das Wort Saugatuck

Die Keimzelle von einst ist heute ein Campus, auf dem Künstler auf Zeit leben und arbeiten können, auch im Winter. Das Angebot umfasst Malen, Zeichnen, Töpfern, Schreiben, Bildhauern etc. für Profis und Profis in spe. Aber inzwischen können auch Hobbykünstler, selbst Anfänger Kurse belegen. Dieses Flair ließ viele Galerien und Kunstgewerbe-Läden im Ort entstehen, in denen nicht nur die lokal arbeitende Künstler-Schar ihre Werke anbieten. Neu kam 2022 das Ox-Bow House hinzu speziell für Ausstellungen für vor Ort gefertigte Werke, für öffentliche Veranstaltungen wie Künstlergespräche und eine Kunstmesse. Dieses Ox-Bow House entstand im Nachbarort Douglas, den an sich nur sein Ortsschild als eigene Einheit mit 1.400 Einwohnern outet.

Saugatuck bietet jede Menge Kunst-Events Foto Saugatuckcom
Saugatuck bietet jede Menge Kunst-Events Foto Saugatuckcom

Das alles beschert beim Flanieren durch den Ort den Blick auf mehr oder weniger Kunstbeflissene. Und kein Wunder, dass Werke etablierter US-Meister wie Albert Krehbiel, die uns Europäern eher weniger sagen, den Namen Saugatuck im Titel tragen; zum Beispiel sein Bild Saugatuck Pastel von 1933 oder Saugatuck Woods von 1930 und entstanden im Camp von Saugatuck mit Motiven der schönen Naturkulisse hier.

Ganz andere gefragte Künste in den Dünen und am Herd

Ein großer Teil dieser Naturkulisse: der weitläufige Saugatuck Dunes State Park mit seinen mal flachen, mal welligen Dünen und Hainen von Pinien, Ahorn und Wildkirschen. Diese malerische Sand-Landschaft von 1.000 Acres (400 Hektar) entstand nach der Eiszeit, als der Sand durch die Flüsse in den Lake Michigan getragen wurde, der Wind aus Westen ihn wieder heraustrug, auf dass sich am Ost-Ufer die Michigan Dunes aufbauten; auf in toto 275.000 Acres (gut 100.000 Hektar) im westlichen Michigan State am Michigan Lake und derart prominent, dass vom Weltraum aus zu erkennen, wie Bilder zeigen. Davon ein Teil um Saugatuck. Unter besonderen Naturschutz gestellt, hat sich das Gelände im Saugatuck Dunes State Park nach Jahrzehnten Abholzung wieder erholt und lockt Wanderer an, wird später Jan erzählen.

Denn ein Areal der Dünen konkret am Saugatuck Goshorn Lake ist speziellem Autoverkehr vorbehalten, nur der darf überhaupt hier rein, und ist erreichbar über den Blue Star Highway. In dem Areal sausen Gäste nach Anmeldung mit geübten Fahrern in Allrad-SUVs durch die Landschaft, die ansonsten auch unter Naturschutz steht. Mit Fahrern wie Jan, der das seit 18 Sommersaisons macht und sich davon so begeistert zeigt, als wäre die Erfahrung neu für ihn. Mit breitem Grinsen driftet Jan mit dem Wagen durch den Sand, beschleunigt scheint‘s bis an die Grenzen der Physik von Auto und Mitfahrern.

Dünentripp mit Fahrer Jim Foto Ulrike Wirtz
Dünentripp mit Fahrer Jim (vorn mit Käppi) und seine Kunst, richtig zu entschleunigen Foto Ulrike Wirtz

Der für den Zweck eigens noch aufgerüstete Dodge SUV scheint alles zu geben, so wie sein Motor heult. Jan hat seine Passagiere natürlich im Blick, fragt, ob jeder okay ist, nimmt je nachdem Drift raus und erklärt dabei einiges zu Flora und Fauna. Auf einmal fährt er richtig ruhig bergan und stoppt. „Bitte alle mal aussteigen und das Panorama genießen. Wir sind am höchsten Punkt der Dünen.“ Der Hügel ist 135 Meter hoch und hat die versprochene schöne Aussicht über Sand und Wald bis Lake Michigan. Auch der Dodge wird bestaunt und Jans Fahrkünste. Er wehrt ab: „Das machen die Reifen und der Sand. Man darf nur nicht an der falschen Stelle Gas geben.“

Kulinarische Kunst findet quasi um die Ecke vom Dünen-Ritt-Areal statt. Und zwar im angesagten Pennyroyal Café & Provisions und das auf gekonnt-unprätentiöse Art. Achtung: Weil das Lokal im Grünen liegt, ist man schnell dran vorbeigefahren. Hier kocht Küchenchefin Melissa Corey – „nenn‘ mich Missy“ -, die ihr Handwerk bei preisgekrönten Chefs lernte und selbst 2015 in Chicago als eine Topköchin der Stadt prämiert wurde. Sie kam vor sieben Jahren zurück in ihre „Oase“, sagt Missy, „auch wegen des Gartens um das Lokal herum“ und kredenzt nun hier modern-leichtes Essen und Selbstgebackenes, ob Croissants oder Küchlein.

Pennyroyal - sein frischer Salat mit grünem Spargel_ Foto Ulrike Wirtz
Im Pennyroyal einfach und gut essen – hier frischer Salat mit grünem Spargel Foto Ulrike Wirtz

Einfach lecker der schlichte Penny Grilled Cheese oder der deliziöse Spargel-Salat mit Dijon-Senf-Vinaigrette. Verführerisch Desserts wie Pfannkuchen mit Blaubeeren, aus Michigan natürlich, oder selbst gebackene Kirsch-Mandel-Cones.

Seit zehn Jahren ist ihr deutscher Gatte Ryan Beck an Missys Seite – er ist Farmer und Gärtner, versorgt das Lokal mit Produkten aus der Region und ist zugleich ihr Sparring-Partner fürs Geschäftliche. Ryan spricht Englisch: „Mein Deutsch ist schlecht geworden. Seit 25 Jahren lebe ich hier. Wir bauen auch Traditionelles an wie Rhabarber und Kleie. Und hier rund um das Lokal ziehen wir unsere Kräuter.“ Geöffnet sei das Pennyroyal auch in den Nebensaisons – „bis auf fünf Wochen im Januar. Dann machen wir zu, dann ist hier richtig Winter und echt romantisch.“

Die Owner des Pennyroyal Missy (Mitte) und Ryan (li. Autorin und Foto Ulrike Wirtz)
Eingespieltes Team im Pennyroyal – Missy und Ryan. (li. Autorin und Foto Ulrike Wirtz)

Last, but not least Grand Haven – die städtischste und doch auch angenehm klein 

Die größte und nördlichste Beach-Town im Trio ist von Saugatuck in keiner Stunde erreicht und breitet sich aus zwischen den Sandstränden des Grand Haven State Parks und dem Duncan Memorial Park, in dem noch Originalwald aus den Zeiten vor der Holzwirtschaft zu bewundern ist. Gen Norden und Osten wird die Kleinstadt flankiert vom Grand River mit Nebenarmen in jede Himmelsrichtung. Grand Haven und seine Bürger geben sich gern großstädtisch, erlauben etwa an Wochenenden das öffentliche Trinken und Mitführen alkoholischer Drinks auf den Straßen im Ortskern, in sogenannten Social Zones. Aber wehe man trägt Becher mit Wein und offene Bierdosen jenseits der Zonen offen mit sich herum.

Social Zone in Grand Haven Foto Ulrike Wirtz
Social Zone in Grand Haven – in der Zone darf Alkohol im Becher offen mitgeführt werden Foto Ulrike Wirtz

Was im historischen Wohnviertel entlang der Washington Avenue und ihrer Nachbarstarßen gefällt, sind Alleen mit alten Eichen und Ahornbäumen. Zur Washington Avenue kommt automatisch, wer das Tri-Cities Historical Museum besucht, das einem die Historie früher Siedler usw. erläutert. Wer im Washington Street Inn absteigt, kommt in ein gepflegtes, familiär-gemütliches B&B, und bekommt zugleich Input zu Stadt und Stories. Hier empfängt Hausherr Jim seit knapp 40 Jahren seine Gäste und erzählt von alten und neuen Zeiten: „Die Stadt führt das Grand im Namen, weil der Fluss so heißt ob seiner Breite. Aber der Ort hatte lange einen vergleichsweise großen Industriehafen, nicht so groß natürlich wie Chicago und Detroit. Und wir hatten Möbelindustrie. Heute haben wir ein Theater und ein Krankenhaus. Und natürlich Strand und gute Lokale.“

Sunset in Grand Haven am schicken Restaurants Notus Foto Ulrike Wirtz
Sunset am schicken Restaurant Notus – fast feierliche Stimmung Foto Ulrike Wirtz

Um 1960/1970 hörten Industrie und Industriehafen auf, der Tourismus wurde eine Haupteinnahmequelle. Jim: „Selbst Fischerboote sind hier inzwischen eine Rarität.“ Und verweist dann auf die Coast Guard vor Ort und dass deren Station ansässig ist seit 1876 mitsamt ihrer Flotte aus Rettungs- und Kontrollbooten und Eisbrechern. „So behielt Grand Haven eine große Bedeutung.“ Die Eisbrecher seien nötig, weil Lake Michigan schon auch zufriert. „Zudem werden hier Kadetten ausgebildet. Grand Havennennt sich deswegen selbst auch gern Coast Guard City USA.“ Das brachte es mit sich, dass seit 1924 das Coast Guard Fest stattfindet – „das bringt alljährlich Abertausende von Besuchern nach Grand Haven“ (Jim).

Coast Gard operiert von Grand Haven aus Foto Ulrike Wirtz
Die Coast Gard sitzt in Grand Haven am Grand River, kehrt im Foto zurück vom Lake Foto Ulrike Wirtz

Wer nach Downtown kommt, parkt sein Auto und spaziert am fünf Kilometer langen Boardwalk entlang – bis zum Lake Michigan und dem Leuchtturm von 1839, der nach wie vor sein helfendes Licht aussendet. Die Promenade folgt dem einstigen Gelände des früheren Industriehafens, von dem nichts mehr zu sehen ist, und ist heute eine gute Adresse, um zu essen und zu trinken, auch mit Terrassenbetrieb direkt am Flussufer. Wie etwa im Snug Harbor. Die Promenade, die mit See und Leuchtturm endet, hat in Downtown noch einen wahren Publikumsmagneten: der Grand Haven Musical Fountain mit seiner Show aus Musik und Licht, der um 1962 jenseits des Flusses installiert wurde und mit Beginn der Show Postkartenidylle zaubert.

Der Grand Haven Musical Fountain ist am Abend die Attraktion für groß und klein Foto Ulrike Wirtz
Der Grand Haven Musical Fountain ist am Abend die Attraktion Foto Ulrike Wirtz

Was für ein Genuss, wenn mit dem Einsetzen der Dämmerung jenseits des Flusses die Show beginnt. Sie läuft an Wochenenden und Feiertagen von Mai bis September. Was für ein guter Sound. Und das ganze gratis. Das gab es in den Anfängen des Tourismus ab 1900  hier im Südosten von Lake Michigan noch nicht. Da wurde malocht in den Feldern und Sägewerken – wie auch auf der Obstplantage der Famile Overhiser. Die war damals schon da, hat überdauert wie die einstigen Holzfäller- und Pelzhändler-Käffer, die heute Badeorte sind – gleich drei auf einen Streich.

Wichtige Websites und gut zu wissen

Anreise per Flugzeug: über Detroit und Chicago mit Direkt-Flügen aus und in alle Welt. Weniger bekanntes, näheres Einfallstor zum großen See: Grand Rapids, Michigans zweitgrößte Stadt mit 100.000 Einwohnern (eine gute Million in ihrer Greater Area); der Airport ist mit nur einem Zwischenstopp in Detroit und Chicago erreicht. Dann weiter im Leihwagen: knapp 100 Kilometer bis South Haven, 60 bis Saugatuck und 50 Kilometer bis Grand Haven.

Leihwagen am besten schon in Deutschland mieten – als All-In-Paket mit unlimitierten Kilometern bei Alamo www.alamo.de

Allgemeine Reise-Info zum Trio: www.southhaven.org; https://saugatuck.com; https://wisitgrandhaven.com

…speziell South Haven: Overhiser Obstplantage www.overhiserorchards. Captain Lou’s  www.captainloussouthhaven.com. Lighthouse https://southhavenlighthouse.org. Michigan Maritime Museum, auch für Trips mit den alten Booten https://michiganmaritimemuseum.org. B&B Carriage House at the Harbor https://carriagehouseharbor. Wandern auf Ex-Eisenbahn-Linie https://kalhaven.org

…speziell Saugatuck: Kunst-Campus Ox-Bow School of Art & Artists’ Residency www.ox-bow.org. Dünen-Fahrten www.saugatuckduneride.com. Das Pennyroyal Café & Provisions www.pennyroyalprovisions.com. Cruises auf Kalamazoo River und Lake Michigan, auch zur manuell betriebenen Ketten-Fähre www.saugatuckboatcruises.com, Retro-Boote-Verleih https://Retroboatrentals.com

…speziell Grand Haven: Tri-Cities Historical Museum www.tri-citiesmuseum.org. Grand Haven Musical Fountain www.ghfountain.org. Die Restaurants Snug Harbour www.snugharbormi.com und https://gh.oldworld.com. Das Washington Street Inn https://washingtonstreetinngh.com

Texas Heritage Vineyard Owner Susan Johnson - Foto Ulrike Wirtz

Texas Hill Country – ein Road-Trip zu Weinen

Die deutsche Historie ist die eine Besonderheit des Hill Country im Südwesten des Lone Star State. Die andere: Die schöne Hügellandschaft entwickelt sich zu einer großen Weinregion der USA. Ihr offizieller Name: Texas Hill Country AVA. Hier gehen Verkostungen heimischer Tropfen Hand in Hand mit Landschaftsidylle. Ein kleiner Roadtrip. (alle Fotos Ulrike Wirtz)

Der Rosé glitzert im Weinglas. „Das ist unser Lizzie Rose. Zu 100 Prozent aus der Malbec Traube – alle aus unserem Weinberg. Ein Top-Wein unseres Texas Heritage Vineyard“, so Susan Johnson (Foto oben). Sie ist die Inhaberin des Weinbaubetriebs fünf Auto-Kilometer östlich vom Städtchen Fredericksburg am US Highway 290. Obschon Highway genannt und auch mal mehrspurig, ist der Verkehr relaxt – passend zur malerischen sanft-welligen Hügellandschaft, die ihren Namen Hill Country deshalb führt. Nun der erste Schluck des farblich leicht hellrosa Tropfens. Der auf der Zunge kühl-fruchtige Frische entfaltet. Dezent-süß am Gaumen schmeckt. Samtig durch die Kehle rinnt. „Unser Lizzie Rose 2021. 30 Dollar die Flasche.“

Der Rosé Malbec vom Texas Heritage Vineyard erfreut de Gaumen Foto Ulrike Wirtz
Der Rosé Malbec vom Texas Heritage Vineyard erfreut die Gaumen

Verkostet wird der gut mundende Tropfen im weiß gehaltenen Tasting Room des Texas Heritage Vineyard (VY), einer von rund 100 Weinbaubetrieben im Südwesten des Lone Star State. Mit dem Glas in der Hand löst sich das Klischee zu Texas auf, dass den US-Staat nur große Ranches und Cowboys prägen. Susan lächelt, gießt einen Probierschluck nach. „Unser Lizzie Rose wurde 2021 als bester texanischer Rosé beim Houston Rodeo geehrt.“ Houston: Millionen-Metropole 370 Kilometer östlich von Fredericksburg. „Das Rodeo ist berühmter jährlicher Wettkampf- und Viehzüchter-Event, lockt mehr als zwei Millionen Besucher an und wurde 1931 erstmals ausgetragen.“ Soll auch heißen: „Im riesigen US-Staat gehen Ranch-Kultur und Weinanbau gut zusammen“ (Susan).

Rosé vom Feinsten vom Texas Heritage Vineyard

Man erfährt von Winzerin Susan auch, dass sie bis 2013 gute Tropfen nur konsumierte und im gleichen Jahr mit ihrem Gatten Billy anfing, im Hill Country Rebstöcke anzubauen. „Da wollten wir an sich iaufhören zu arbeiten. Stattdessen habe ich noch am College Önologie studiert und mithilfe eines Experten selbst als Winemaker begonnen. Den Posten hat nun seit 2024 Tyler Buddemeyer inne“ – ein Texaner Mitte 30 aus Houston. Was der Rosè-Verkoster dann bemerkt: dass die Trauben des Lizzie Rosé Malbec nur einige Schritte vom Tasting Room wachsen. Nur einige Schritte zur Terrasse hinter dem Tasting Room – und schon kann der Blick dorthin schweifen, wo Trauben des Texas Heritage VY gedeihen: Reihe um Reihe Rebstöcke, hier und da Wiesen und Weiden und in der Ferne noch mehr davon. Auch von benachbarten Weinbauern.

Erst seit 2014 als Weinbauer dabei, doch anerkannt in der Branche Texas der Heritage Vineyard und prämierte Weine Foto Ulrike Wirtz.
Erst seit 2014 als Weinbauer dabei, doch schon anerkannt, wie prämierte Weine des Texas Heritage Vineyard zeigen

Das Areal ist Teil des Hill Country und gehört zum offiziellen Weinanbaugebiet Texas Hill Country AVA. Das Kürzel steht für American Viticultural Area und erfasst die anerkannten US-Weinbaugebiete, auch die weltberühmten AVAs in Kalifornien mit Nappa und Sonoma an der Spitze und mit 154 AVAs insgesamt in Kalifornien. Texas hat acht AVAs, eine davon die Texas Hill Country AVA.

Die  Texas HIll Country AVA ist eine von acht offiziellen Weinanbaugebieten in Texas Foto Ulrike Wirtz
Die Texas HIll Country AVA ist eine von acht offiziellen Weinanbaugebieten in Texas

Die wurde 1991 offiziell begründet, hat diese rund 100 Weinbauern und wuchs mit gut neun Mio. Acres gleich 300 Hektar bebauter Rebfläche zur zweitgrößten US-AVA nach Fläche heran. „Wohlgemerkt nach Fläche. Verglichen mit Bekanntheit und Ruf von Nappa und Sonoma gerade auch international läuft Texas unterm Radar, auch die Texas Hill Country AVA“, so Benedicte Rhyne, gebürtig aus der Provence, Master-Önologin der Universität de Bourgogne in Dijon und seit 2002 als Winemaker in Fredericksburg tätig – nach Stationen in Frankreich, Neuseeland und Sonoma.

Pioniere setzen auf Qualität statt Menge

Doch gerade auch im Hill Country tat und tut sich einiges, was Entwicklung und Bekanntheit pusht. „Wir als jüngere Winzergeneration setzen seit über einer Dekade mehr auf Qualität als Menge. In der Texas Hill Country AVA wurde gute Pionierarbeit geleistet“, betont Expertin Benedicte. Und ist selbst einer der Pioniere vor Ort, war unter anderem von 2014 bis 2024 Winemaker der Kuhlman Cellars, ebenso gelegen am US 290 östlich von Fredericksburg. Den Weinbaubetrieb baute sie von null mit auf, nennt ihn als kleineren Winzer Boutique-Winery, fährt fort: „Unsere Weine werden meist direkt bei den Winzern getrunken und stehen regional bzw. Texas-weit auf den Weinlisten guter Restaurants. Das ist gut so, spricht sich herum und lockt immer mehr Gäste an, die wegen unserer Weine anreisen. Sogar aus der Ferne.“

Im texanischen Hill Country gehen die Uhren oft langsam - das entspannt Foto Ulrike Wirtz
Im Hill Country gehen die Uhren oft noch althergebracht-langsam – das entspannt

So kommt es, dass nach Aufbaujahren im Gebiet der Texas Hill Country AVA folgendes gut zusammenkommt: ein Road-Trip zur Weinverkostung durch relaxendes Natur-Ambiente. Dafür reicht schon der US 290 gen Osten (290 East) ab Fredericksburg, weil allein hier am Weg schon etliche Weinbaubetriebe und Tasting Rooms warten. Darum auch Fredericksburg: Das Städtchen mit 10.000 Einwohnern liegt zentral in der Texas Hill Country AVA und ist mit guter Infrastruktur bei Lokalen und Unterkünften ein bequemer Standort. Von hier sind die Entfernungen nicht nur gemessen am großen Texas klein. Siehe zum Beispiel folgende drei Ziele, die einen Stop wert sind, weil sie als Topadressen gelten: ab Fredericksburg  zum Texas Heritage VY sechs Kilometer; von hier zu den Kuhlman Cellars weitere 24 Kilometer; dazwischen die Becker Vineyards, gegründet 1992 und einer der ältesten Weinbauern in der AVA.

Schön cruisen und gut verkosten am US 290

Auf der Route über den US 290 East cruist das Auto gemächlich vorbei an Weiden, Wiesen und Rebstöcken. Vorbei an Gattern mit Toren, durch die es zu einer der Farmen geht, mit Gebäuden fern der Straße irgendwo im Grünen. Darunter auch solche Farmen, die sich nicht dem Wein widmen, sondern Äpfel und vor allem Pfirsiche anbauen als US-weit nachgefragte Spezialität der Region. An manchem Zaun oder scheunenartigem Gebäude hängen daher Schilder: Peaches, Apples. Über all dem fast kitschig schön der texanisch-blaue Himmel. Zudem offensichtlich: Rinder-Ranches mit massenhaft Viehzucht sind im Hill Country selten, Trucks und Traktoren dagegen oft Begleiter. Aber auch Motorbikes und Radfahrer, die „for fun“ unterwegs sind. Beide Arten Bikes tragen jedenfalls oftmals Gepäck, das auf einen längeren Road-Trip schließen lässt.

Eine Art Pfälzer Weinstraße

Die Weinanbieter unterwegs weisen kleinere Schilder am Weg aus: etwa Hye Meadow Winery oder William Chris Vinyard, Siboney Vinyard oder schlicht 290 Vinery. Und und und, auch Texas Heritage VY, Kuhlman Cellars oder Becker Vineyards. Alles in allem macht die Route in der Tat den Eindruck, als wäre der US 290 eine Art Pfälzer Weinstraße. So bewerben ihn nämlich die zuständigen Wein- und Touristikorganisationen. Und wieso Pfalz: weil die ersten deutschen Siedler in der Region 1845 in Scharen aus den grünen Hügeln der Pfalz nach New Braunfels emigrierten und später auch nach Fredricksburg zogen. Ersterer Ort gegründet 1845 von Prinz zu Solms aus der Pfalz, letzterer ein Jahr später von Otfried Hans Freiherr von Meusebach aus Dillenburg, der sich in USA John O. nannte und auf den Prinzen, auch genannt Texas-Carl, in gleicher Funktion folgte: Die zwei organisierten offiziell die Emigration der Pfälzer nach Texas.

Benedicte Rhyne - Französin,mit Master in Önologie, war eine Dekade Wunemaker der Kuhlman Cellars Foto Ulrike Wirtz
Benedicte Rhyne – Französin, Master in Önologie und eine Dekade Winemaker der Kuhlman Cellars in der Texas Hill Country AVA

An Wochenenden herrscht auf dem US 290 oft Hochbetrieb, auch in den Tasting Rooms, warnen Einheimische und stellen für Tage unter der Woche spürbar weniger Verkehr in Aussicht. Aber Achtung: Montags haben viele Tasting Rooms Ruhetag. Doch die Fahrt an diesem Sonntag im Mai gestaltet sich entspannt. Unser Ziel nach dem Texas Heritage VY: die  Kuhlman Cellars, ein gutes Jahrzehnt Benedictes Wirkungsstätte. Auch hier wieder viel Natur und quasi mittendrin ein modernes Gebäude ohne Pomp und Schnörkel. Es hat innen die Räumlichkeiten für Verkostungen und Bistro-Küche, draußen eine große Terrasse mit Tischen zum Verweilen und auf der Wiese bis zu den Rebstöcken weitere Tische. Auch hier lässt sich wieder schön entspannt probieren und plaudern.

Mineralische Böden, trockene Hitze, guttuende Höhenlage

Master-Önologin Benedicte ist ganz in ihrem Element, wenn sie über Wein spricht. „AVAs stehen für den Anbau gewisser Trauben auf bestimmten Böden und ein bestimmtes Klima. Auf dass Weintrinker einen bestimmten Stil und Geschmack erwarten können“, so Benedicte. Das heißt fürs Hill Country: „Es hat mineralische Lehmböden, auch anteilig Sand und das Sediment von Flüssen. Es gibt zudem Terroir kalkhaltiger Böden mit hoher Mineralität. Die hiesige Hitze ist eher trocken, das Klima im Winter kühler. Wir können Hagel und Frost haben. Wir liegen ja höher auf bis zu 800 Meter.“ Benedictes Traubenauswahl als Winemaker bei Kuhlman: „Der White Estate Grown ist ein Mix aus 70 Prozent Marsanne und 30 Prozent Roussanne. Beide Trauben sind Varianten aus dem französischen Rhone-Tal und werden in Stahlbehältern gekeltert.“

Ein weißer Topwein der Kuhlman Cellars - noch gewinzert Foto Ulrike Wirtz
Ein weißer Topwein der Kuhlman Cellars, gewinzert von Benedicte Rhyne

Blass-gelblich ist die Farbe dieses Weißen, geschmacklich kommt leicht Zitrus mit Noten von Birne und Ananas auf den Gaumen. Vollmundig, leicht, und von texanischer Sonne am besagten texanisch-blauen Himmel verwöhnt. Und die Roten: „Das sind Blends mediterraner Trauben. Mauvais, Grenache, Tempranillo, Malbec, Sangiovese usw.. Mediterrane Trauben wachsen auf den Böden und im Klima des Hill Country sehr gut.“ Im Geschmack seien die Rotweine leicht, samtig. „Aber ein Blend mit Cabernet Sauvignon, Tempranillio und Malbec kann auch stärker Tanin enthalten.“ Benedicte gießt den weißen Estate White nach, nimmt selbst einen Probierschluck: „Mild, sanft, fruchtig.“

Inzwischen führt die Önologin mit französischen Wurzeln ihren eigenen Weinbaubetrieb nahe Fredericksburg, betreibt ihn mit ihrem Gatten Richy und berät auch weiterhin andere Winzer. „Wir haben Rhyne Wines 2023 offiziell gegründet.“ Während quasi parallel bei den Kuhlman Cellars der Eigentümer wechselte. Bei Rhyne Wines als so jungem Betrieb sei die Auswahl noch entsprechend klein. „Unsere Trauben wachsen in der Texas Hill Country AVA und in der High Plains AVA im nördlichen Texas.“ Einen eigenen Tasting Room hat Benedicte noch nicht, verkauft online; aktuell ihren Grenache Rosè für 34 Dollar sowie einen L‘ éclipse Merlot für stolze 106 Dollar.

Becker Vineyards – einer der ältesten und größten Winzer vor Ort

Recht jung sind im Vergleich zu Weinbauern an der Pfälzer Weinstraße selbst die Becker VY – sind aber anders als Rhyne Wines und selbst der Texas Heritage VY einer der frühen Winzer in der Texas Hill Country AVA. Am großen Gebäude steht Becker Est.1992, also ein Jahr später gegründet als die Texas Hill Country AVA. Becker liegt nicht direkt am US 290, sondern direkt um die Ecke an der Becker Farms Road. Hier liegen Weinfelder, große Parkflächen und ein großes Gebäude, zu dem auch eine große überdachte Terrasse gehört. Drinnen warten diverse Tasting Rooms. Tyler Long ist der Koordinator der diversen Tasting Rooms von Becker VYs, steht am Eingang des riesigen Gebäudes an der Becker Farms Road und erwartet den Gast. „Wir sind nicht nur alt, sondern auch groß“, bemerkt er und zeigt über das ganze Areal.

Becker Vineyards-draussen Scheune nach deutschem Stil,,  drinnen Weinparadies-Foto Ulrike Wirtz
Becker Vineyards – draussen Scheune nach deutschem Stil, drinnen Riesenauswahl ihrer guten Tropfen

In der Tat. Allein das Gebäude, in dem auch die Verkostungen stattfinden: erbaut im Stil einer alten deutschen Scheune und das mit den Dimensionen eines Amtsgebäudes, mit hohen Decken, Haupt- und Nebenräumen, Kellern, in denen Weinfässer lagern und Stahltanks stehen und offenem Kamin in der großen Eingangshalle. Die Dimensionen passen zur Größe eigener Anbauflächen: 66 acres gleich 26 Hektar. „Und wir kaufen Trauben noch bei rund 15 Weinbauern in der AVA zu.“ Die von Becker verarbeiteten Traubensorten: elf an der Zahl wie etwa Cabernet Sauvignon, Malbec, Merlot, Syrah, Viognier, Chardonnay oder Sauvignon Blanc. Zudem verfügen sie über 74 Tanks zum Fermentieren und mehr als 5.500 Fässer zum Altern der Weine. Koordinator Tyler: „Wir sind der Winemaker in Texas, der die meisten französischen und amerikanischen Fässer aus Weißeiche einkauft.“

Becker Vineyards_Wein und Texas gehen gut zusammen - nicht nur_beim Roten Foto Ulrike Wirtz
In Texas gehen Wein und Ranger gut zusammen – nicht nur als Roter der Becker Vineyards

Pioniere seien auch sie gewesen, betont Tyler. „Becker war der erste im Hill Country, der die Viognier-Traube anbaute. Das war 1996.“ Und meint mit Pionieren die Gründer-Familie: der Arzt Dr. Richard Becker und Gattin Bunny aus San Antonio, Stadt in Süd-Texas. Das Duo hatte in der Gegend bei Fredericksburg nach einer alten Holzhütte als Wochenenddomizil gesucht, war dabei auf den Geschmack gekommen, sich dank Böden und Klima als Weinbauer und Winzer zu betätigen. Zuvor waren die Beckers in Sachen Önologie-Expertise vor allem in Frankreich unterwegs gewesen und hatten auch Lavendel mitgebracht, den sie an ihrem neuen Weinbaubetrieb anpflanzten. Weitläufige Lavendelflächen zieren nach wie vor den Besitz.

Topqualitäten heißen Estate Wine

Die Weinspezialitäten der Becker VYs, die Wein-Manager Tyler besonders erwähnt: „Unser Sauvignon Blanc – von fruchtig bis trocken. Und an Roten große im Geschmack eichenlastige Weine im Bordeaux- und Rhone-Stil. Wir sind der größte Producer in Texas und verkaufen unsere Weine in ganz USA.“ Das bedeutet auch: „Wir ziehen Estate-Topqualitäten an Sauvigon Blanc und Petite Syrah.“ Und verkaufen rund 80.000 Kisten Wein.

Rebstöcke der Becker Vinyards - und sie kaufen Trauben bei Nachbarn dazu Foto Ulrike Wirtz
Eigene Rebstöcke der Becker Vinyards – und sie kaufen Trauben bei Nachbarn dazu

Viel kleiner ist da ist der Texas Heritage VY, den Susan und Billy gegründet haben. Sie bauen ihre Estate Wines aktuell auf den eigenen 15 Acres gleich sechs Hektar Fäche aus. Auch sie kaufen weitere Trauben zu – aber nicht in dem Maße. An Weißen machen sie Weine etwa von Viognier und Albarrino. An Roten zum Beispiel von Bouschet, Merlot, Cabernet Sauvignon. „Alles in allem kommen wir auf aktuell 5.000 Kisten Wein“, sagt Susan und stößt darauf mit ihrem feinen Rosé Malbec an.

Wichtige Websites und weitere Info   

Umfangreiche Info zum Ort und seiner Umgebung, zu Attraktionen, Aktivitäten und Historie, zur Auswahl an Lokalen und Unterkünften bietet das Fredericksburg Visitor Information Center; per Web sowie direkt vor Ort. www.visitfredericksburgTX.com

Anreise Fredericksburg: Das Einfallstor zur Weinregion ist für Gäste aus der Ferne Houston und sein internationaler Airport G. Bush Intercontinental. Direktflüge ab Frankfurt mit Lufthansa und United Airlines. Von Houston sind es 320 Kilometer per Auto nach New Braunfels, die „Großstadt“ im Hill Country mit 100.000 Einwohnern. Näher als Houston, aber derzeit kein Nonstopflug ab Deutschland, ist San Antonio. Von hier bis New Braunfels im Auto: 110 Kilometer.

Ab New Braunfels: 70 Auto-Kilometer gen Norden via US 281 bis Johnson City, wechseln zum US 290 West, nun 50 Kilometer bis Fredericksburg. Die oben beschriebene Weintour ab Fredericksburg folgt dem US 290 East, also in umgekehrter Richtung gen Osten.

Websites der Winzer und ihrer Weinbaubetriebe oben: www.texasheritagevineyard.com. www.kuhlmancellars.com. www.rhynewines.com. www.beckervineyards.com. Übersicht über die Texas Hill Country AVA: https://texashillcountrywineries.org

Extratipp Unterkunft – das Trueheart Hotel und seine gemütlich-eleganten Cottages. Jedes Cottage beherbergt ein Gästezimmer in Parterre und je nach Bauweise ein weiteres im ersten Stock. Alle sind elegant-gemütlich möbliert, die Bäder extragroß mit allen Annehmlichkeiten inklusive kuscheligem Bademantel. Alle Gäste können im lauschigen Garten am großen Kaminfeuer relaxen. Highlight zum Frühstück: ein Picknickkorb mit frischen Bisquits, Obst und Saft; der Korb steht morgens vor die Tür.  

Hübsch und gepflegt - das True Heart Hotel in Fredericksburg Foto Ulrike Wirtz
Hübsch, gepflegt, gemütlich – das True Heart Hotel in Fredericksburg
Das True Heart Hotel ist drinnen und draußen idyllisch Foto Ulrike Wirtz
Seine Cottages sind einzelne Gästezimmer, Kamin und Garten sind für alle da Fotos Ulrike Wirtz

Extratipp Restaurant – Sage Restaurant & Lounge Fisch und Fleisch vom Feinsten. Weinkarte exzellent. Service gut. www.sage-tx.com

Gutes texanisches Rind direkt vor Ort gezogen - serviert  im Restaurant Sage in Fredericksburg Foto Ulrike Wirtz
Gutes texanisches Rind direkt vor Ort gezogen – serviert im Restaurant Sage in Fredericksburg
Relaxt und gediegen - die Atmosphäre im Restaurant Sage Foto Ulrike Wirtz.
Relaxt und gediegen – die Atmosphäre im Restaurant Sage Fotos Ulrike Wirtz

Natur Special – Enchanted Rock State Natural Area und sein Gipfel. Das Areal liegt auf knapp 600 Höhenmeter, seine Spitze ragt nochmals 130 Meter empor als breiter Monolith. Den gilt es zu erklettern, gute Schuhe vorausgesetzt, Klettererfahrung nicht nötig. Allerdings nicht nur bei extremer Hitze immer genug Wasser mitführen. Der Ausblick übers Hill Country belohnt die Kraxelei, für die man eineinhalb bis zwei Stunden einplanen sollte. Sportliche sind schneller. Wer sich davor scheut: Im Gebiet rund um den Enchanted Rock lässt sich schön wandern.  www.tpwd.texas.gov/state-parks/enchanted-rock

Enchanted Rock im Bluetenmeer TX Foto Ulrike Wirtz
Eine Klettertour auf den Enchanted Rock im Texas Hill Country ist Kult Foto Ulrike Wirtz

Stopp in Sachen US-Historie: Am US 290 an der Route von New Braunfels nach Fredericksburg bzw. in umgekehrter Fahrtrichtung kommt der Ort Stonewall – die Heimat des 36. US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Stonewall war sein Geburtsort, hier steht seine Ranch. Hier lebte Johnson vor und nach seiner Amtszeit. Heute ist die Ranch Museum und Bibliothek und Teil des National Historical Park zum Gedenken an den 36. Präsidenten. https://wwwnps.gov/lyjo

Hill Country Texas oder Pfalz - Foto Ulrike Wirtz

Lone Star State – von Wein, Wurst und Texas-Carl

Der US-Bundesstaat Texas steht bei vielen für große Ranches in weiten Steppen, Ölfelder bis in den Golf von Mexiko und für die Houston Mission Control der NASA und ihre Weltraum-Missionen. Dabei wartet mitten im Lone-Star-State – so genannt wegen des einen Sterns in seiner Flagge – das Texas Hill Country, in dem grüne Hügel übers Land rollen wie in der Pfalz. Wohin es deutsche Immigranten aus der Pfalz ab 1845 in Scharen zog. Die pflegen seither mal mehr, mal weniger ihr Erbe. Der Weinbau nimmt jedenfalls zu im texanischen Hill Country – siehe Beitrag zum Teaxs Hill Country und seinen Weinen. (Alle Fotos unten Ulrike Wirtz)

New Braunfels begrüßt Besucher mit einem Flaggenmeer Foto Ulrike Wirtz
New Braunfels begrüßt Besucher mit einem Flaggenmeer

Fehler passieren – so wie das Versehen im Sophienburg Museum and Archives in New Braunfels. Die Stadt mit 100.000 Einwohnern liegt mitten in Texas, Staat im Mittleren Westen der USA. Das Sophienburg, gegründet 1933, hegt und pflegt Tausende Memorabilien zu den deutschen Gründer-Familien der Region. Deren Herkunft erkennen heutige Reisende schon daran, dass Ortsnamen so deutsch klingen: Boerne, Fredericksburg, Gruene und eben New Braunfels. Was es mit letzterem Ort zum Beispiel auf sich hat: Die Stadt heißt nach dem Deutschen aus der Pfalz, der Siedlern aus seiner Region im 19. Jahrhundert den Weg nach Central Texas ebnete – ins Land der rollenden grünen Hügel ähnlich denen der Pfalz. Friedrich …Carl … Prinz zu Solms-Braunfels sein Name.

Drei Millionen Texaner deutscher Abstammung

Und wie das Museum zu seinem Namen Sophienburg kam: Es heißt nach der Gattin Sophie des selbigen Prinzen. Der lebte in Rheinland-Pfalz auf Schloss Rheingrafenstein, war mit weiteren Adelshäusern verwandt und reiste im Juli 1844 nach Texas, um vor Ort Land zur Ansiedlung für Einwanderer aus seiner Heimat zu organisieren und zu kaufen. Aus diesen Immigranten wurden bis heute drei Millionen Texaner, die als Deutsche qua Abstammung zählen.

New Braunfels und sein Sophienburg Musikinstrumente deutscher Siedler Foto Ulrike Wirtz
New Braunfels und sein Sophienburg Museum zeigt Musikinstrumente früher deutscher Siedler

Das und vieles mehr wird im Museum Sophienburg mit alten Fotos, Dokumenten und neuen Infotafeln erklärt. Und dokumentiert auch mit Mobiliar und Kleidung anno dazumal made in Germany. Ebenso ausgestellt: etwa Kegel und Kugeln aus Holz und Musikinstrumente , alle mitgebracht vom einstigen Zuhause.

Mainzer Adelsverein und Texas-Carl

Und der Fehler? Den ersten Raum der Ausstellung schmückt prominent an seinem Eingang ein Gemälde der deutschen Fahne. Ihre Streifen: Schwarz, Rot, Gold in der Reihenfolge von links nach rechts. Jedoch verlaufen die Streifen von oben nach unten statt quer, wie es der deutschen Flagge entspricht und schon im 19. Jahrhundert entsprach, als Menschen zuhauf aus der Pfalz nach Texas umzogen. Auf den Fehler hingewiesen, reagiert Keva Hoffmann-Boardman peinlich berührt. Verständlich. Schließlich ist sie die Kuratorin des Sophienburg Museums und auch zuständig für Lernprogramme zum Thema: „Ist es wirklich falsch, wenn die Streifen hochkant stehen?“

Der Gast. „Das ist so, als hänge die US-Flagge mit ihren Stars and Strips oder eine Abbildung davon hochkant. Dann fänden sich die Sterne unten links statt oben links. Und ihre Streifen verliefen vertikal statt horizontal. Die Kuratorin: „Okay. Dabei sind wir immer so akkurat, wenn es um unsere deutsche Historie geht.“ Und verweist auf ihre eigene Herkunft: „Du siehst, ein Teil meines Nachnamens ist Deutsch. Meine Großmutter war die dritte Generation pfälzischer Immigranten hier im Hill Country und sprach noch Deutsch. Selbst meine Eltern sprechen noch deutsch. Ich leider nicht mehr“, so Keva Hoffmann-Boardman.

Prins Solms neben der falsch aufgehängten deutschen Flagge Foto Ulrike Wirtz
Prinz Solms – neben der falsch hängenden deutschen Flagge

Wie die deutsche Geschichte in Texas begann, erzählt das Museum Sophienburg en Detail: Friedrich …Carl … Prinz zu Solms-Braunfels und weitere Adlige seines Umfelds taten sich für den Zweck der Immigration in den US-Staat im mittleren Südwesten zusammen und gründeten den „Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas“, kurz „Mainzer Adelsverein“.

Das geschah 1842 in Biebrich am Rhein. In der Sache war man so erfolgreich, dass binnen kurzer Zeit Hunderte Pfälzer ins Hill Country umzogen, das mit seinen Hügeln und Flüssen – dem schmaleren Comal River und dem breiten Guadalupe River – so an die alte Heimat-Idylle erinnert. Das Gefühl stellt sich auch schnell bei dem ein, der heute als Tourist in diese Hügellandschaft von Texas reist. Die Idylle an Rhein, Mosel und Saar lässt grüßen. Doch zurück in den Sommer 1844. Seither weilte der Prinz höchstpersönlich vor Ort in der neuen Heimat und war so extrem rührig, dass er den Spitznamen Texas-Carl bekam.

Neues Zuhause mitten in Texas

Selbiger gründete dann am 21. März 1845 den Ort New Braunfels, gelegen auf rund 200 Meter an den Ufern des Comal River. Im Dezember 1945 kehrte Texas Carl zurück an den Rhein, heiratete besagte Sophie. Sein Nachfolger vor Ort in Texas wurde Otfried Hans Freiherr von Meusebach und gründete im Mai 1846 den Ort Fredericksburg und benannte den nach Prinz Friedrich von Preußen. Fredericksburg liegt rund 120 Kilometer nordwestlich von New Braunfels, zählt heute 11.000 Einwohnern und schmiegt sich buchstäblich auf 516 Meter in die Hügel im Hill Country. Dort warten Wein und Weinstraße ähnlich der in der Pfalz – siehe Teil 2 (folgt).

Kultiviertes Deutschtum schöne Zeitreise

Doch zunächst steht New Braunfels an – wie bei den einstigen Einwanderern. In der Stadt pflegen die einstigen Pfälzer ihr Erbe im Museum und im Hier und Jetzt des täglichen Lebens: architektonisch, kulturell auch bei der Sprache und lukullisch. Somit treffen Besucher unweigerlich auf Deutschtum, angefangen bei den Ortsnamen. Oder bei den Siedlernamen, zu denen es im historischen Distrikt von Braunfels um die Straßen Comal Avenue (Ave) und East Mill Street (St) noch deren einstige Häuser gibt.

New Braunfels Schöner Wohnen im Historic District  Foto Ulrike Wirtz
New Braunfels steht für sehr schönes Wohnen im Historic District

Heute ist hier überwiegend Wohngebiet mit Einfamilienhäusern: meist hübsche Holzhäuser umgeben von Blumenrabatten, Hecken und Laubbäumen – alles entlang schmaler Straßen, die sanft bergauf und bergab führen. Es sieht gemütlich aus und ist es auch, da kaum Betrieb herrscht. So können sich die alten Häuser hervortun, obschon sie klein bemessen sind, auch bei Fenstern und Haustüren. Sie haben also so gar nichts vom typischen Südstaaten-Stil nach griechisch-römischem Vorbild, sondern könnten so auch in Denkmal geschützten Dörfern an Ahr und Rhein stehen.

Hier wie da wurden sie von Pfälzern – hier als Siedler – in Fachwerk-Bauweise errichtet wie typisch zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Good Old Germany. In der neuen Heimat heißt die Bauweise Timber Framing und wird im Museum anhand einer Musterwand anschaulich erklärt. Im historischen Teil von New Braunfels informieren Hinweisschilder an einzelnen Häusern, wie mit ihnen alles anfing. Als da wäre das

Bescheidene Anfänge In New Braunfels im Historic District - erste Siedler-Häuser wie das vom später berühmten   Botaniker LIndheimer Foto Ulrike Wirtz
Zeitzeugen In New Braunfels im heutigen Historic District – original alte Häuser früher deutscher Siedler wie das vom später berühmten Botaniker LIndheimer

Haus Nr. 491 in der Comal Ave, ein schlichter Bau in grau-blauer Farbgebung. Hier war um 1852 Ferdinand Lindheimer zu Hause, der als der Entdecker überhaupt der texanischen Botanik gilt und dem zu Ehren die Stadt New Braunfels 1928 nahe seinem Wohnhaus eine grüne Oase gewidmet hat: den Lindheimer Plaza mit Bäumen und Bänken und seit 2014 anerkannt als Lone Star Legacy Park. Diese Einstufung verleiht der Staat Texas als höchste Ehrung einer solchen Gedenkstätte und ehrt damit prominente Bürger, denen bereits lokal besondere Ehre erteilt wird.

Fachwerk-Bauweise wie in der Pfalz

Dann das Hohmann House an der 273 East Mill St, das durch spätere Anbauten und eine Veranda mit Säulen im Südstaatenstil nur noch wenig vom einst deutschen Baustil erkennen lässt. Es könnte sich aber auch am britisch-viktorianischen Stil orientieren, dem im späten 19. Jahrhundert etliche Zugereiste frönten. Wieder eher alt-pfälzisch kommt das Guessow House an der 234 Comal St daher: ein Haus in Weiß mit braunen Holztüren und Fensterläden und genauso vorstellbar an der pfälzischen Weinstraße.

Das hatte ein gewisser Gustav Schmidt anno 1865 für 100 Dollar gekauft und im folgenden Jahr für das Vierfache weiterverkauft. Wie geschäftstüchtig. Das Haus heißt heute aber nach Wilhelm Guessow, der das Haus 1881 erwarb. Wer die Übersichtskarte zur alten Downtown durchgeht, stößt immer wieder auf Deutsche aus den frühen Jahren im Hill Country; so etwa ein Joseph Klein mit Haus von 1852 (135 North Market St) oder ein Heinrich Voelker mit Haus von 1872 (424 Comal Ave). Die Liste ließe sich fortsetzen, die Zeitreise wie durch historische deutsche Idylle auch.

Krause’s Café ist gastronomisch alles – nur kein Café

Diese Reise geht in Downtown in Krause’s Café & Biergarten weiter, mit seinen Anfängen 1938. Ein Plakat draußen zeigt, was unter anderem zu erwarten ist: nämlich Masskrug-Stemmen mit Krügen made in Germany – das über den Sommer. Die Ankündigung könnte schon wegen ihrer Optik mit den Originalkrügen auch irgendwo in Bayern aushängen.

Deutsches Erbe in New Braunfels - daran erinnert das Mural bei Krause's Café Foto Ulrike Wirtz
Noch mehr deutsches Erbe in New Braunfels – daran erinnert das Wandgemälde draußen bei Krause’s Café

Die hohe Wand schon draußen am Eingang schmückt ein groß dimensioniertes Wandgemälde mit dem Spruch „Gemütlichkeit zur Ewigkeit“ und dazu ein Mann in weißer Metzgerschürze, der Würste im Bündel in der Hand hält. Drinnen geht es stilistisch mit alemannischer Bierzelt-Atmosphäre weiter, denn die Gäste sitzen an den typisch deutschen Biergartentischen und -bänken.

Bierzelt-Atmosphäre und Jäger Schnitzel

So setzt es sich lukullisch fort: Die Karte bietet eine Munich Platter, bedeutet Sauerkraut, Schweinerippe und Würstchen nach bayerischer Art. Des Weiteren steht im O-Ton zu lesen: Jäger bzw. Wiener Schnitzel (letzteres vom Kalb); Schweinshaxe und German Meatball (deutsche Frikadelle) mit Spätzle. Der Spruch über den zig Bier-Zapfhähnen der Theke lautet „In New Braunfels ist das Leben schön“. Und unter den angekündigten 80 plus Biersorten aus den Hähnen reicht die Auswahl von Bitburger über Paulaner bis Warsteiner.

Viel Tradition, gute Bierzelt-Atmosphäre in Krause's Café Foto Ulrike Wirtz
Germanische Tradition in nicht zu deftiger Bierzelt-Atmosphäre – dafür steht Krause’s Café in Downtown New Braunfels

Aber ehe es zu viel wird der gepflegten Deutschtümelei, gezapft wird auch Bud Light, ein US-weit verbreitetes Bier, oder Revolver Rewind, ein in Texas für Texas gebrautes Pils nach deutscher Manier, oder Yellow Rose, ein IPA-Bier mit viel Hopfen, also eher bitter und blond in der Farbe. Zu essen gibt es überdies noch Burger und Grilled Ribeye handcut von texanischen Rindern.

Mehr als deutsches Back to the Roots 

Indes steht das Hill Country für noch mehr Fakten und Feeling, im Lone Star State unterwegs zu sein. Das zeigt sich an texanischen Autokennzeichen vor Krause’s Café oder Aufklebern auf Autos pro Trump bzw. mit der Aussage, dass Texas ein roter, also republikanischer Staat bleiben soll. Das ist er seit langem, und der Wunsch dieser Texaner ging mit Trump’s Wiederwahl im November 2024 in Erfüllung.

Trump-Fans gibt's auch in New Braunsfels Foto Ulrike Wirtz
Trump-Fans gibt’s überall – auch in New Braunsfels

Das Flair vom Staat großer Ranches in weiten Prärien transportieren auch Leute mit Western-Stiefel und Cowboy-Hut auf den Asphaltstraßen. Und auch auf Plakaten kommender Life Acts bei Krause’s etwa für den Country-Western-Sänger Monte Good oder Reggae- und Rock-Interpret Rich Lockhart lassen sich beide Protagonisten mit Cowboy-Hut abbilden.

Metzgerei-Handwerk in 6. Generation

Deutsche Fleischwaren sind zwar auch die Spezialität der 1845Texas Meat Company und das seit 1845. Jedoch habe die Metzgerei ihre Produktpalette inzwischen nach texanischem Geschmack erweitert, betont Brandon Dietert, aktuell Vice President der 1845Meat Company und in direkter Linie ein Nachfahre der einen von zwei Gründerfamilien des Betriebs. „Wir waren zugleich Mitbegründer von New Braunfels – zeitgleich mit Texas-Carl“. Seinen Ritt durch die Tradition macht Brandon verständlicherweise mit einem gewissen Stolz. „Dietert – das sind wir als die eine Gründer-Familie der Metzgerei. Die andere waren Verwandte von uns, die Familie Tays. Unsere Vorfahren kamen auf einem kleinen Segelschiff nach hier. Drei Monate dauerte ihre Reise.“ Beide Familien sind auch heute Inhaber der Company mit genau 180-jähriger Tradition in 2025.

Noch immer Metzger-Handwerker üben die Nachfahren erster Familien in New Braunfels aus Foto Ulrike Wirtz
Seit 1845 üben die Nachfahren erster deutscher Familien in New Braunfels das Metzger-Handwerk aus

Brandon Dietert spricht von sich und seiner Familie als „Texas-Germans. Ich bin in sechster Generation direkter Nachfahre der Gründer. Meine Kinder also 7. Generation. Unsere Familie kam mütterlicherseits aus der Pfalz, väterlicherseits aus Norddeutschland“. Seine Großeltern und Eltern seien noch traditionell im Sinn ihrer Herkunft gewesen. Brandon: „Sie sprachen Deutsch miteinander und wollten die Tradition fortgesetzt wissen. Deutsch sprechen noch etliche Texas-Germans. Wie auch mein Großvater. Er war 90 und hat mich nie wirklich akzeptiert, da ich nicht Deutsch lernen wollte“. Ergänzt in Deutsch mit US-Akzent: „Verstehen kann ich Deutsch schon.“ Fährt wieder in seiner landessprache fort: „Meine Kinder lernen es in der Schule und lesen es gut. Aber wirklich sprechen können sie Deutsch auch nicht.“ 

Altdeutsche Rezepturen modernisiert mit würziger Schärfe

Brandon kommt auf den Betrieb zu sprechen: „Wir fertigen teils nach unseren alten deutschen Rezepten. Nämlich geräucherte Würste, Schinken und Bratwurst. So wie es unsere Eltern, Großeltern usw. taten.“ Aber schon die 5. Generation – seine Eltern – hätten die Ware weiterentwickelt. Konkret: „Sie nahmen die gleiche Würze, aber mehr davon. Wir heute stellen auch Würste mit scharfen Jalapeno her. Passend zum mexikanischen Einfluss in Texas.“ Schließlich habe texanischer Grund und Boden einst der Nachbarnation Mexiko gehört. Und heute leben viele Mexikaner samt ihrer Lieblingsgerichte im Lone Star State. „Zudem fügen wir heute unseren alten Rezepturen neue angesagte Geschmäcker hinzu, Schärfe etwa durch schwarze und grüne Pfefferkörner. Und bald starten wir mit Dry Aged Salami wie aus Italien.“ Was sie natürlich seit langem auch anbieten: „An Thanksgiving Truthahn. Ein Muss zum Erntedankfest“, betont Brandon. „Da sind wir ganz amerikanisch.“

Süße Verführungen in der 2Tarts Bakery

Die Unterhaltung findet statt in der 2Tarts Bakery in Downtown New Braunfels. Hier trifft man sich. Einige sagen sogar, hier sei der eigentliche Mittelpunkt von Downtown entstanden. Jedenfalls ist von hier vieles gut fußläufig erreichbar. So sind es von der Bäckerei 300 Meter zu Fuß zu Krause‘s Café und zum Brauntex Performing Arts Theatre; desgleichen zum Restaurant Huisache Grill, das mit modern-leichter Küche und internationaler Weinkarte sehr zu empfehlen ist, und zum Historic Schmitz Hotel, dessen Name ähnlich dem Namen Krause deutscher nicht sein könnte. Zum Farmer’s Market im Stadtzentrum sind es 400 Meter zu Fuß, zum Lindheimer Haus an der Comal Ave einen knappen Kilometer. Die 2Tarts Bakery brummt. Die Warteschlang ist lang. Man kommt einfach ins Gespräch.

In der 2Tarts Bakery warten viele süße Verführungen Foto Ulrike Wirtz
In der 2Tarts Bakery warten viele süße Verführungen

Die Bäckerei gehört den zwei Schwestern Ashley und April, früher Weilbacher und beide gut 40 Jahre alt. Ashley Landerman: Köchin und Patissière mit Diplom der irischen Ballymaloe Cookery School und aus dem US-TV bekannt als Preisträgerin in Back- und Kochsendungen. April Ryan: studierte Künstlerin, verantwortliche Hochzeitskuchen-Planerin, als solche auch preisgekrönt und als Geschäftsfrau ehrenamtliche Lobbyistin für kleinere Betriebe wie den eigenen.

New Braunfels - eine der zwei Chefinnen des 2Tarts, ist April Ryan Foto Ulrike Wirtz
April Ryan ist eine der zwei Chefinnen des 2Tarts

Das Duo arbeitet mit einem Team von gut 30 Teilzeit-Kräften. Und untertreibt mit dem Namen Bakery – Bäckerei. Denn deren Kuchen, Teilchen, Nachtische, deren französische Eclair und Macaron, elsässische Tarte Tatin mit Apfel, Scones nach irischem Rezept und Hochzeitskuchen – alles ist süße Verführung und traditionelles Konditorhandwerk mit viel französischem Touch.

Alles frisch in den Backofen

April: „Wir wollten von Anfang an nicht „deutsch“ backen, sondern europäisch.“ Daher auch der französische Name 2Tarts für den Betrieb, gegründet 2010. Man arbeite mit hoher Qualität und nur mit frischen im Gegensatz zu nicht prozessierten Zutaten. „From Scratch“, sagt April und ergänzt. „Da arbeiten wir ganz anders als hierzulande die typischen Brot- und Kuchenfabriken.“ Die Philosophie beider Schwestern: „Wir machen alles von null selbst, arbeiten nur mit Bio-Mehl, frischen Eiern und jeder Menge frischer Butter“ (April). Und alles beziehen sie aus der Region, auch die Pecan-Nüsse für den für den Staat typischen Texan Pecan Pie. Der darf im Angebot nicht fehlen – und schmeckt köstlich.

Früher schon mal Ghost Town

Mit den Geschicken und Geschichten deutschstämmiger Familien aus den frühen Jahren hört es an der Peripherie von New Braunfels nicht auf. Zum Beispiel Gruene, 1850 gegründet als selbständiger Ort, heute ein Teil von New Braunfels und von 1950 bis in die 1970er Jahre zur Ghost Town geschrumpft. Einige alte Gebäude blieben erhalten, wurden restauriert und beherbergen nun auch Restaurants und Shops. Und zeugen von der Zeit, nachdem eine deutsche Familie Grüne 1845 hierher gezogen war, in eine Gegend, wo es noch nichts gab außer Land und Guadalupe River. Sie machten nach und nach mit Baumwolle Geld. Der Ort wuchs. Das Haus der Gründerfamilie überlebte und ist heute als Gruene Mansion Inn ein Hotel.

Das Gruene Mansion Inn war einst Wohnhaus der Gründerfamilie Gruene Foto Ulrike Wirtz
Das Gruene Mansion Inn war einst Wohnhaus der Gründerfamilie Gruene

Heute ist Gruene vor allem auch bekannt und gut frequentiert wegen seiner Dance Hall. Deren Bauherr war Heinrich Grüne, später genannt Henry Gruene. Er ließ sie 1878 errichten. Auch sie überlebte das Auf, Ab und Auf des Orts und gilt heute als eine der ältesten ihrer Art. Ihr Gebäude aus Holz mit Zinkdach erinnert in Größe und Bauart an eine groß dimensionierte Scheune. Eine Tür schwingt leicht quietschend auf und zu. Und im Rhythmus, wie die Tür auf- und zugeht, ist Musik von Violine, Gitarre und Klavier mal mehr, mal weniger laut zu hören.

In der Gruene Hall wird seit 1878 getanzt Foto Ulrike Wirtz
In der Gruene Hall wird seit 1878 getanzt

Ihr Dance Floor sind alte Holzbohlen, auf denen sich Western-Boots mit normalen Schuhen, die mit Eisen beschlagen sind, ein kräftiges Klack-Klack-Duell liefern, egal ob darin die Füße von Männer oder Frauen stecken. Der Traditionstanz heißt Two-Steps. Sich vorzustellen, dass es so seit 150 Jahren geht – wow.

Klack klack fast täglich

Gedränge herrscht zwar nicht an diesem beliebigen frühen Donnerstagnachmittag. Aber der Tanzboden ist gut gefüllt. „Fast täglich ist hier Tanz. Da kommen Einheimische und Touristen hin“, erzählt später Margy vom B&B Historic Kuebler Waldrip Haus. Von hier sind es 15 Minuten im Auto zur Tanzhalle. „Gruene ist immer ein Tipp von uns für unsere Gäste.“ Ein Blick in die Annalen der Dance Hall zeigt: Hier traten und treten internationale Berühmtheiten auf, Country-Stars, darunter Garth Brooks und der jüngst verstorbene Kris Kristofferson.

Den Ort Gruene gründeten Deutsche 1850, ein Schild weist den Weg heute zur Grillwurst  Foto Ulrike Wirtz
Den Ort Gruene gründeten Deutsche 1850, ein Schild weist den Weg heute zur Grillwurst

Auch die US-Rockband ZZ Top gab sich 2019 die Ehre, mit ihren texanischen Wurzeln in Houston, Millionenmetropole mit dem Flughafen G. Bush Intercontinental drei Autostunden entfernt. Aktuell steht Lyle Lovett, Ex-Gatte von Julia Roberts, auf der Bühne. Das deutsche Erbe manifestiert sich unübersehbar an der Werbung eines Imbiss, die deutsche gegrillte Wurst verheißt.

Ohne Pferd und Kutsche

Wie einst die Gruenes zog es auch die ersten Besitzer des heutigen B&B Kuebler Waldrip Haus in die Abgeschiedenheit außerhalb der neuen Stadt. Doch das sollte sich kaum ändern, der Besitz liegt nach wie vor abgelegen. Daher stellt sich hier ein Gefühl ein, wie es einst einmal gewesen sein muss. Wie es per Pferd oder Pferdekutsche oder zu Fuß nach New Braunfels ging – damals wie heute rund zehn Kilometer. Nur dass man heute im Auto bequem über asphaltierte Straßen fährt und in zehn Minuten in New Braunfels ist. Was angelegen bedeutet: Das Kuebler Waldrip Haus liegt inmitten von 18.000 Quadratmeter Weiden und Wiesen, hat nur einen Nachbarn sichtlich da hinten. Am Weg hierher zeigte sich nur an Gattern und Zäunen, dass sich irgendwo weitere Anwesen verbergen.

Hier checkt also gut ein, wer es so einsam mag. Margy ist die Hausherrin des B&B, zählt rund 80 Lenze und setzt sich gern zum einen und anderen Plausch zu den Gästen, erzählt von den Anfängen ihres Kuebler Waldrip Hauses, während unter blauem Himmel auf der Terrasse am Haupthaus gefrühstückt wird. „Das Haupthaus ist 1870 aus Limestone und schweren Hölzern gebaut worden. Haus und Land gehörten ab 1870 bis 1974 erst Andreas und Katherine Pape, dann Willie und Olga Kraft. Beide Familien sind auch deutscher Herkunft. Wir haben 1974 die Immobilie gekauft.“ Wir, das waren sie und ihr Gatte Larry Waldrip. „Mein Mann ist verstorben“, so Margy. „Nun führe ich das B&B mit unserem Sohn Darrell. Deutsche Gäste wissen wegen der Namen sofort, dass unsere Familien Kuebler und Waldrip auch aus Deutschland kamen. Die Waldrips sollen aus Westfalen stammen.“

Mit spanischem Erbe

Aber Margy hat sich eher weniger dafür  interessiert – „sondern mehr fürs Spanische, zumal Texas einst Teil von Mexiko war. Später wurden wir zur Republic of Texas mit der langen Grenze zu Mexiko. Seit 1845 sind wir der 28. Staat der United States of America. Deutsch spreche ich nicht, aber Spanisch. Ich habe die Sprache sogar unterrichtet. Ich war Lehrerin.“ Bis sie in den Ruhestand ging und das Kuebler Waldrip Haus zum B&B machte. Das war 1987.

Rustikales Wohnen im B&B Kuebler Waldrip Haus außerhalb von New Braunfels Foto Ulrike Wirtz
Rustikales Wohnen im B&B Kuebler Waldrip Haus außerhalb von New Braunfels

Heuer hat ihr Betrieb zehn Gästezimmer, verteilt auf drei Gebäude im rustikalen Stil: das im Jahr 2000 neu erbaute Haus plus das Haupthaus von 1870 plus das dritte von anno 1847. Letzteres ist aus Holz, hat drinnen alte Dielen, die beim Betreten knarzen, und draußen eine geräumige, überdachte Veranda.

Schul-Zeit zum Faulenzen

Es dient als Ferienwohnung für Familien, hat moderne Bäder und eine voll ausgerüstete Küche mit allem Pipapo. Noch dazu hat das Holzhaus von 1847 eine besondere Geschichte. Denn es wurde als Schulhaus erbaut, die Schüler der ersten Siedler drin unterrichtet. Hinzu komme noch etwas, erzählt Margy. „Die Schule stand früher woanders, war zuletzt zu alt und klein geworden und stand 1990 zum Verkauf. Wir haben das einstige Schulhaus erworben und es aufwändig per LKW zu uns transportieren lassen.“

Gäste wohnen im Kuebler Waldrip Haus auch in einem einstigen Schulhaus Foto Ulrike Wirtz
Gäste wohnen im Kuebler Waldrip Haus auch in diesem einstigen Schulhaus

Doch genug der neuen und alten Geschichten. Vor der Veranda werfen Laubbäume angenehme Schatten und lassen einen in einem Schaukelstuhl von anno dazumal versinken und schön faul vor sich hindösen.

Wichtige Websites und Infos

Allgemeine Informationen zu New Braunfels und Umgebung unter https://visitnbtx.com. Zur Erkundung von New Braunfels Historic District auch zu Fuß https://walkingtournewbraunfels.com. Details zu Krause’s Café https://krausescafe.com. Zum Metzgereibetrieb mit 180jähriger Tradition https://1845Meat.com. Zur Konditorei der Schwestern April und Ashley www.2tarts.com. Zum Ort Gruene, einst eine Ghost Town, unter https://gruenetexas.com. Speziell zur Tanzhalle Gruene Hall von 1872 https://gruenehall.com. Zum ruhig gelegenen B&B Kuebler Waldrip Haus www.kueblerwaldrip.com

Extra-Tipps zum Essen: Huisache Grill and Wine Bar, die internationale Tropfen, auch deutsche, und natürlich texanische serviert. Die Wine-List ist sehr gut sortiert. Seine Küche beschreibt das Restaurant mit 30 Jahren Tradition selbst zurecht als kreativ und bezieht seine Zutaten aus der Region. Köstlich sind seine frischen gegrillten Forellen, sein Spinatsalat oder die klassischen Sandwiches modern-leicht interpretiert. Steaks gibt es natürlich auch. Das Restaurant im kleinen alten Gebäude aus den 1930er Jahren mit Bar, Kamin und Terrassenbetrieb hat zeitlos-gemütliches Flair mit angenehm-intimer Atmosphäre drinnen wie draußen. https://huisachegrill.com

Feine Kücheim alten Gebäude - der Huisache Grill in New Braunfels Foto Ulrike Wirtz

Gristmill River Restaurant & Bar, gegründet 1977 und in Gruene direkt am Ufer des Guadalupe River gelegen. Seine Location: die Überbleibsel einer Baumwoll-Mühle von 1878. Sein Erkennungszeichen: der alte Wasserturm. Flair und Kochstil: leicht rustikal – von großer Steak-Auswahl über frischen Fisch und Burger bis zu Salaten. Durch die Lage und seine Bauart wirkt es klein und verwinkelt, ist aber sehr groß. An Getränken gibt es Biere und Weine, auch aus Texas, aber gerade auch Sangria und Margarita. https://gristmillrestaurant.com

Gruene - das Restaurant  Gristmill  tischt am Ufer des Guadalope auf Foto Ulrike Wirtz.
Gruene – das Restaurant Gristmill tischt am Ufer des Guadalope River Leckeres auf Foto Ulrike Wirtz
camper-fraserway-calgary.jpeg

Frühstart – im Wohnmobil durch Nordamerika

Auf den Bucket-Lists deutscher Reisender stehen die Ziele USA und Kanada in Nordamerika oft ganz oben. Wer die Traumziele jenseits des Atlantiks – ob Städte-Safari oder Roadtrip durch grandiose Natur inner- und außerhalb von National Parks – per Wohnmobil erkunden möchte, dem raten Experten, für 2023 frühzeitig zu buchen. Sprich ab sofort – wie bei Canusa in Hamburg, Spezialist für Wohnmobil- und Autoreisen, möglich. Nur so lässt sich der Luxus des gewünschten Zeitraums und der bevorzugten Karosse sichern.

Denn Canusa geht davon aus, dass ein Anfrageschub wie in diesem Jahr zu knappen Kapazitäten bei Mietautos und Wohnmobilen auch in 2023 führen kann. Canusa-Chef Tilo Krause-Dünow betont: „Nach der langen Zeit mit geschlossenen Grenzen sehnen sich die Reisenden nach einem USA- oder Kanada-Urlaub. Beide Länder haben eine sehr treue Fangemeinde, die es derzeit kaum erwarten kann, nach Übersee zu starten und den nächsten US-Bundesstaat bzw. die nächste kanadische Provinz zu entdecken.“

Auch interessant: “We have made it! The Arctic Sea!”

nordamerika-bryce-canyon
Im US-Staat Utah fährt sich nicht nur schön durch Bryce Canyon National Park Foto Canusa Touristik

Hot Spots in USA für Wohnmobilisten führen zum Beispiel in die National Parks Bryce Canyon im Staat Utah oder den Grand Teton National Park in Wyoming oder etwa HW 1 die kalifornische Küste entlang oder über die Route 66 ab Chicago/Illinois.

toronto-skyline-scaled.jpeg
In Kanada warten nicht nur Skylines wie die von Toronto mit dem bekannten CN-Tower in Ontario Foto Canusa Touristik

In Kanada rollen Fans durch eher kleinere Metropolen, dafür noch mehr fast menschenleere Natur – ob gen die Northern Territories oder entlang der Pazifik-Küste durch British Columbia mit den Traumzielen Vancouver am Pazifik und Whistler im Hochgebirge.

Bequemer buchen mit fertigem Paket

Canusa macht das Reisen per Wohnmobil noch zusätzlich leichter, bietet nämlich nicht nur einfach ein Wohnmobil für eine gewisse Zeit. Vielmehr stellt der Nord-Amerika-Experte ganze Pakete zusammen, die nicht nur für Anfänger hilfreich sind. Ein Beispiel für Kanada nennt sich „Frühlingserwachen in den Rockies“.

Kanada-Bow-Lake Foto Canusa Touristik
Nordamerika zum Träumen – hier Bow Lake im Banff Nationalpark, Provinz Alberta Foto Canusa Touristik

Es steht für eine 14-tägige Rundreise ab/von Calgary bzw. Edmonton – beide Städte in der Provinz Alberta – zu den einfach schönen Nationalparks Banff und Jasper – mit Reisezeit im April/Mai, also nach der Schneeschmelze.

camper-interior-van-conversion.jpeg
So lässt sich Pause machen: Sitzecke im Van Conversion von Fraserway Foto Fraserway

Die 14 Tage kosten bei Buchung eines größeren Van Conversion und Belegung mit zwei Personen pro Person 659,00 Euro inklusive Wohnmobilausstattung und 1500 Freikilometer. Die einfachere Version eines Motorhome kostet pro Person ab 399,00 Euro, auch dieses Paket mitsamt Wohnmobilausstattung sowie 1500 Freikilometer.

Wichtige Websites und weitere Info:

Alle Frühbucherangebote von Canusa finden sich unter https://canusa.de/reisethemen/fruehbucher. Hier stehen auch die weiteren inkludierten Leistungen sowie die Stationen für die Annahme und Abgabe des Mobils.