Containerschiff volle Kraft voraus

Frachtschiffreise – Zum Dinner ohne weißen Smoking

Reisen mit dem Frachtschiff sind die Langeweile selbst. Da passiert ja nichts – anders als auf Kreuzfahrten. So heißt es jedenfalls. Unser Autor Peter Morner fuhr mit dem Container „Rio Negro“ von Hamburg nach Buenos Aires. Er wollte es genau wissen: Passiert auf einem Frachter wirklich nichts?

Autor: Peter Morner/Archiv 2011

Spätestens als mich der Shuttlebus mit meinem kleinen Koffer und dem Rucksack in Greifnähe vor dem riesigen roten Schiff mit der Aufschrift „Rio Negro“ am Heck im Hamburger Hafen am Burchardkai ablädt und icg mir – plötzlich allein – auf einen Schlag verdammt verlassen vorkommt, bin ich fest davon überzeugt: Die Idee, mit einem Containerschiff nach Buenos Aires zu fahren, war doch ein Granatenfehler. Dabei bin ich gar nicht so ganz allein. Im Gegenteil. Hamburg ist schließlich nach Rotterdam und Antwerpen der größte Hafen Europas.

Hamburger Hafen

Um einen herum wieseln und wuseln zu Dutzenden Angst erregende, piepende Gabelstapler mit Containern in ihren Fängen. Gewaltige, laut tutende, auf Schienen hin- und her fahrende Kräne direkt neben einem wuchten so genannte Reefer (Kühlcontainer) in den mächtigen Bauch der „Rio Negro“.

Ladevorgang

Eigentlich will ich jetzt wirklich nicht mehr. Lieber zurück auf die andere Seite der Elbe und nach Hause. Nach wenigen Minuten, die sich für mich zu Ewigkeiten dehnen, kommt schließlich ein Mann in rotem Overall und weißem Helm auf mich zu und fordert mich beinahe mitleidig, aber doch unmissverständlich auf, ich dürfe hier nun wirklich nicht mehr länger herumstehen und solle bitte schleunigst die „Gangway“, gerade mal eine wacklige Leiter, die scheint’s im grau-dunstigen Himmel Hamburgs zu verschwinden droht, nur mutig nach oben klettern.

Endlich oben auf dem „Upperdeck“ angekommen, fragt ein mittelgroßer Mann mit weißen Zähnen im braunen, von schwarzen Haaren umrandeten Gesicht in einem speziellen kiribati-englisch, was der Ankömmling ausgerechnet jetzt beim Ladevorgang hier wolle. Schließlich telefoniert der Kiribati doch mit dem ersten Offizier, den sie an Bord Chief Mate nennen. „Sie sind also unser Passagier – unser einziger übrigens. Ich bringe Sie jetzt auf Ihre Kammer, und um sechs Uhr hole ich sie zum Abendessen ab – in die Offiziersmesse auf dem B-Deck“. Die knappe Ansage des Ersten, Mathis Ruby, heißt übersetzt für den Passagier eindeutig: Pack‘ erst mal deine Sachen aus und lass’ uns im Moment in Ruhe.

Gangway aufs Schiff

Der einzige Passagier

Containerschiff Rio Negro

Der Fahrstuhl bringt mich noch einmal sechs Stockwerke höher zum F-Deck in meine Kammer: eine richtig feine Suite – zwei Zimmer mit Fernseher, Telefon, Kühlschrank, Dusche und herrlichem Blick aus zwei großen Bullaugen flussabwärts in Richtung Blankenese. Das macht Mut: So schlecht ist es hier doch gar nicht.

Genau 287 Meter ist die Rio Negro lang und 40 Meter breit. Verglichen mit diesem Frachter ist zum Beispiel das Kreuzfahrtschiff Aidasol der Aida-Gruppe ein bescheidenes Boot mit nur 252 Meter in der Länge und 32 Meter in der Breite. Die Aidasol allerdings hat mehr als 1000 Gästekabinen. Ich dagegen bin auf der Rio Negro der einzige Passagier. Es gibt aber noch mehr, noch gewaltigere Unterschiede zu solch weißen Luxuslinern – wie sich schon sehr bald zeigen wird. Und genau dafür fahre ich in den nächsten drei Wochen auf der Rio Negro mit – um das Leben an Bord eines Containerschiffes zu erkunden.

Der Kapitän und seine Offiziere

Mathis Ruby, der erste Offizier, klopft pünktlich an die Tür der Kammer, an der draußen „Owner“ steht. Es ist die Suite des Passagiers. So hat Kapitän Thomas Berndt großzügig entschieden. Der Kapitän eines Schiffes ist noch immer wie in alten Zeiten der „Master next God“. Auch hier. Der Erste hüpft die saubere Treppe bis zum B-Deck hinunter. Dort in der Offiziersmesse, wo gegessen wird, gibt es zwei große Tische: den kleineren runden für Kapitän Berndt, für den Chefingenieur Martin-Georg Boehm, den Chief Mate sowie den Passagier. Der Rest der Offiziere sitzt am rechteckigen Tisch.

Alle Männer und eine Frau, der dritte Offizier, Rike Schettler, schütteln dem „Neuen“ die Hand: „Willkommen an Bord!“ Bei Tisch geht es um technische Probleme, um die „Reefer“, um den Lotsen, die Schlepper und ob denn pünktlich gegen 22 Uhr ausgelaufen werden kann. Ich höre still zu und verstehe nicht viel. Dann aber fragt der Kapitän mich recht direkt, was ich denn hier an Bord für die langen nächsten drei Wochen bis Buenos Aires überhaupt will: „Bei uns auf der Rio Negro passiert nichts.

Crew beim Lunch

Kein Feuerwerk zum Abschied, kein Tanz bei Kerzenschein, kein Kapitänsdinner im weißen Smoking, kein Rolling-Stones-Konzert, keine Shoppingmall, kein Spa- und Wellnesstempel, kein Kabarett, kein Hully Gully, kein Partnertreff – na das schon gar nicht. Ehrlich, hier bei uns passiert nichts. Rein gar nichts.“

Gar nichts? Wirklich nichts?

6000 Container Fracht

Dabei gleitet das gigantische Schiff mit seinen fast 6000 Containern vom Lotsen geleitet und von zwei Schleppern gezogen und geschoben wenig später langsam ins Fahrwasser der Elbe, lässt den Michel, Neumühlen und die Landungsbrücken hinter sich, vorbei an Teufelsbrück. Der Kapitän hatte mich beim Dinner eingeladen: „Kommen Sie doch zu uns nach oben auf die Brücke.“ Dorthin ist es von meiner Kammer auf dem F-Deck nur eine kleine Treppe aufwärts. Nun kommt der Leuchtturm auf dem Kanonenberg zur Rechten. Links die Airbus Werke. Das im letzten Abendlicht wunderbar weiß schimmernde Blankenese auf Augenhöhe – auf der Brücke sind es 38 Meter über dem Wasser der dunklen Elbe.

Crew der Rio Negro

Für einige Minuten verlässt Kapitän Berndt, den sie an Bord auch Master nennen, den Kommandostand in der Glaskanzel, gesellt sich zu mir auf der Brücke im Freien und sagt: „Seemannsromantik bei Mondschein? Wenn Sie Lust haben, kommen Sie nur gern immer zu mir auf die Brücke. Wenn Sie uns stören, werden wir es Ihnen schon sagen. Anfangs ist das immer bei uns mit neuen Crews ein wenig hektisch. Alles in allem sind wir 25 zusammen gewürfelte Seeleute. Deutsche, Polen, die Männer aus Kiribati  und den Philippinen. Das spielt sich aber schnell ein. Morgen früh zeigt Ihnen unser dritter Offizier, die einzige Frau an Bord, das Schiff – Ihr Schiff“.

Vor dem Einschlafen in meiner ersten Nacht an Bord – beim leichten Wiegen des Schiffes und dem beruhigenden gleichmäßigen Stampfen des Diesels mit seinen 45 760 Kilowatt (1 Kilowatt gleich 1,36 PS) – bin ich mir zum zweiten Mal nicht mehr so ganz  sicher, ob die Entscheidung, mit der Rio Negro der zum Bielefelder Oetker-Konzern gehörenden Reederei Hamburg Süd nach Argentinien zu schippern, tatsächlich so granatenfalsch war.

Lotse an Bord

An- und Ablegemanöver sind auf der Brücke immer von einer gewissen Spannung begleitet. Der Passagier beobachtet den Lotsen, der jetzt die Steuerkommandos gibt, die der Erste – die angegebene Gradzahl penibel wiederholend – ausführt, ohne dass Kapitän Berndt die letzte Verantwortung für Schiff und Mannschaft verliert. Keine immer so ganz einfache Situation für beide. Schon vor dem Festmachen in Antwerpen ist der quirlige dritte Ingenieur Timm Lau nervös. Er möchte schnell zur Seemannsmission, um mit seiner „Süßen“ auf der Insel Rügen preiswert zu telefonieren. Der Seemannspastor hat eine Stadtrundfahrt für die drei Trainees und weitere Interessierte der Rio Negro arrangiert. Zum Abschluss ein schnelles Bier vor dem Rathaus der Stadt.

Schon wenige Stunden später geht es weiter nach Le Havre. Zeit ist Geld für den Reeder in Hamburg. Und Fahrplan ist eben Fahrplan. Und die Interessen der Seeleute? Na, lassen wir das Thema.

Lotse kommt per Helikopter an Bord

Hier in der Normandie kommt der junge französische Lotse mit dem Hubschrauber an Bord. Und das bei heftigem Wind und Schmuddelregen. Selbst der Laie erkennt: Das ist eine artistische Meisterleistung von Pilot und Lotsen.

Volle Fahrt voraus

Beim Auslaufen am nächsten Morgen muss die Rio Negro wenden. Der Laie steht wieder mit auf der Brücke und fragt sich: Das 287 Meter lange Schiff und ein nur 400 Meter breiter blinder Kanal – wie soll das gehen? Der Kapitän sieht mein besorgtes Gesicht und lacht: „Nur keine Bange. Da vorn sind es noch lässige hundert Meter bis zum Kai.“

Das Ziel ist Santos in Brasilien, zuvor geht es durch den Golf von Biskaya. Nun kehrt Routine ein. Mit 14 bis 19 Knoten (1 Knoten sind 1,852 Km oder 1 Seemeile) pflügt die Rio Negro durch die immer wärmer und blauer werdende See. Der kleine Pool an Deck wird mit Seewasser gefüllt.

Fliegende Fische, Delfine und später auch Wale zu Dutzenden tauchen auf, springen oft paarweise wie verliebt aus dem warmen Wasser. Der Pott schippert da so um 19 Grad Süd/38 Grad West. Es geht vorbei an Madeira und den Kapverden.

Schiffsdetails

Längst habe ich die schönsten Plätze an Bord entdeckt. Bis zum Bug, der Back, sind es allerdings mehr als zweihundert Meter dicht an den weiß und mächtig schäumenden Wellen vorbei, von denen mich nur die Reling trennt. Bei dem Fußmarsch hierher stellt sich bei mir schon ein wenig Angst ein. Doch hier hinten summt nur leise der Wind, das Dröhnen der Maschine ist nicht zu hören. Noch dazu gehört mir hier das komplette Deck mit Liegestuhl und Sonne satt.

Wespe im Bier

Eines Nachmittags sehe ich den Maschinenmeister Wilfried Hinz mit seinen Trainees auf dem E-Deck in der langsam untergehenden Sonne stehen. Willi, so nennen ihn an Bord alle. Er hat sich mit dem im Overall verstauten Schraubenzieher gerade sein Astra-Alsterwasser geöffnet. Da fliegt ihm eine Wespe in die Flasche. Er flucht: „Warum fliegt die einzige Wespe im Umkreis von 1000 Seemeilen ausgerechnet in mein Bier?“

Am Himmel die Sterne

Der „Neue“, der Passagier, gehört schon längst mit zur Crew. Ich trinke mit den Offizieren abends ein gemütliches Bier. Wir bewundern zusammen die sich immer ändernden Wolkenformationen.

Nächtlicher Himmel auf See

Beobachten gemeinsam die sich auf der Fischjagd ins Meer stürzenden Seevögel. Schwärmen nachts an Deck vom einmaligen Sternenhimmel und suchen am Firmament das Kreuz des Südens.

Acht-Meter-Propeller

Daniel Jacobs, der erste Elektriker, hat mir, dem Kameraden auf Zeit, inzwischen beigebracht, wie eine Bierflasche elegant mit dem Feuerzeug geöffnet wird. Chief Martin-Georg Boehm zeigte mir den an eine Kathedrale erinnernden Maschinenraum.

Maschinenraum

Mehr als zwölf Meter geht es tief und steil die Eisentreppen hinab in den lärmenden Hades des Chefingenieurs und seiner Leute. Allein rund einen Meter Durchmesser hat die Welle, die den Acht-Meter-Propeller antreibt. Die Zylinder, die sehr komplizierten Einspritzsysteme, die Steuerpulte: “In diesem Schiff ist mehr Technik eingebaut als in einer Boeing 747.“

Maschinenraum

Mit Dreizack

So richtig feierlich wird es, als der Äquator überschritten wird. Bis zur Back muss ich hinter dem dritten Offizier, der mit Topfdeckeln einen Angst erzeugenden Lärm macht, her marschieren. Vorne am Bug sitzt bereits der furcht erregende Neptun auf einer Ankerwinde mir seinem Dreizack.

Äquator-Taufe

Mit Netzen wird der Passagier gefangen, mit schwarzer Farbe bemalt, mit Wasser besprüht und endlich nach allen anderen Torturen auf den Namen „Tortuga Scribens“ getauft und in Neptuns Reich gnädig aufgenommen.

Stürmische Zeit

In der letzten Nacht – schon im Mündungsbereich des Rio de la Plata, Buenos Aires leuchtet bereits in der Ferne – fegt ein Pampero – ein gefürchteter Sturm aus Südwesten – heran. Blitze zucken. Donner rollt über die See. Regen schlägt sturmgetrieben waagerecht gegen die dicke Glaswand der Kommandobrücke. Kapitän Thomas Berndt entscheidet: „Wir ankern!“ Das Schiff dreht sich um den Anker. Die Kette legt sich über die Bugwulst. Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei.

Kapitän Berndt

Am nächsten Morgen im Hafen, als alle versammelten Offiziere ihren Tortuga Scribens auf dem Upperdeck verabschieden und ihn sogar freundschaftlich umarmen, sagt Kapitän Thomas Berndt trocken: „Der Süd-West-Sturm gestern. Na ja. Endlich ist auch bei uns mal was passiert“. 

Websites und wichtige Info

Frachtschiffreisen in alle Welt organisiert die Hamburg Süd Reiseagentur in Hamburg, Telefon 040-822115072; Website www.hamburgsued-frachtschiffreisen.de. Für die dreiwöchige Reise von Hamburg über das brasilianische Santos nach Buenos Aires waren Pficht: ärztliches Gesundheitszeugnis, Krankenreiseversicherung und gültige Gelbfieberimpfung. Bei solchen Reisen gibt es keinen Arzt an Bord. Nicht nur wegen der touristischen Attraktionen am Ziel: Für diese und andere Frachtschiff-Touren empfiehlt sich ein zumindest kurzer Aufenthalt am Zielhafen, weil Frachtschiffe nicht immer pünktlich sein können.

Die Reiseagentur besorgt auch Hotel im Zielhafen sowie den Rückflug. Eine gute Hotel-Adresse in Buenos Aires: das im Zentrum gelegene Reino del Plata Boutique Hotel; www.reno-del-plata.hotels-argentina.net.

Nicht zuletzt: Merken Sie sich bei Landgängen immer den Liegeplatz des Schiffes. Und vergessen Sie nie: Frachtschiffe warten nicht.

Autor und alle Fotos: Peter Morner (+)

Il Redentore

Venedig – zwischen Traum und Albtraum

Auf der Suche nach den versteckten Schätzen der Lagunenstadt – ein Rundkurs abseits vom Rialto-Rummel

Autor: Peter Morner/Archiv 2010

Im August ist es in der kleinen Altstadt mit ihren gerade mal 60 000 Einwohnern zu heiß und im Winter regnerisch, kalt und ungemütlich. Und im Rest des Jahres? Da drängeln und schieben sich übers Jahr Millionen Besucher über Markusplatz und Rialto-Brücke. Das auf überfüllten Terrassen am Wasser und auch sonst als „Touristenmenu“ angebotene Essen ist eher mies. Eine halbe Stunde Gondelfahrt kostet sage und schreibe Richtung 80 bis 100 Euro. Hunderte von Taschendieben treiben ihr Unwesen. Billiger Kitsch wartet zu überhöhten Preisen in reihenweise aufgestellten Souvenirbuden auf abzuzockende Käufer. In drückender Sommerhitze mischen sich Gerüche der schwitzenden Menschenmassen mit denen der Lagune.

Venedigs weltberühmte Lagune

Venedig ein Albtraum? – „Ja und nein“, antwortet Martina Boffelli, deren Mutter aus Würzburg der Liebe wegen nach Venedig kam – deshalb das perfekte deutsch der staatlich autorisierten Fremdenführerin –, diplomatisch. „Ich zeige meinen staunenden Gästen gern ein total verborgenes Venedig, eine wunderbare zauberhafte Perle, wie sie nur die wenigsten Besucher meiner Stadt für sich entdecken.“ Unser Treffpunkt ist der erst vor wenigen Jahren für 125 Millionen Euro sorgfältig renovierte Altbau – eine ehemalige Nudelfabrik -, seit 2007 das Hilton Hotel auf der Insel Giudecca und nicht viel mehr als einen weiten Steinwurf vom zentral gelegenen Markusplatz entfernt, von ihm getrennt lediglich einige hundert Meter durch das Wasser der Adria.

Hilton Molino Stucky

Gelegentlich gestattet das Hotel Gästen und lieb bittenden Besuchern den Aufstieg auf den Turm der Molino Stucky, der einst mit Abstand größten Nudelfabrik Italiens. Keine Frage, der Rundumblick von hier oben ist der wohl unübertroffen schönste weit über die Lagune und die vielen kleinen Inseln, über weiße Kreuzfahrtschiffe, gewaltige Kathedralen, Kanäle und Paläste der altehrwürdigen Dogenstadt. Da kosten royale Hotel-Suiten auch über 10.000 Euro die Nacht. Martina Boffelli deutet mit der Hand auf ein Fabrikgebäude tief – ebenfalls auf Giudecca.

Venezianische Traditonen

Es ist nur durch einen winzigen Kanal – über den eine Brücke führt – vom mächtigen, rot leuchtenden Hotel getrennt: Fortuny. Giuseppe Iannó ist der Chef des Hauses, öffnet selbst auf das Klingeln das Fabriktors und macht später sogar den Weg frei in einen verwunschenen Park. Über den Gründer der Fabrik Mariano Fortuny könne er stundenlang erzählen, so Giuseppe. Fortuny war geborener Katalane aus Granada, brachte es zum angesehenen Maler, begehrten Designer, zum pfiffigen Erfinder, Fotograf, Architekt, Bühnenbildner. Er war, wie die Venezianer liebevoll sagen, ein echter „Leonardo da Vinci des Kunstgewerbes“ des 20. Jahrhunderts. Auf den von ihm um 1920 entwickelten Maschinen werden – sogar streng geheim – noch immer wie Seide glitzernde Baumwollstoffe hergestellt. Sie sind gedacht für erlesene zum spontanen Kauf einladende Tagebucheinbände ebenso wie für – von den berühmtesten Innenarchitekten von New York bis Paris verwendeten – Tapeten mit zeitlos modernen Mustern des Jugendstils, für Möbelbezüge oder Kissen und auch Damenkleider vom Feinsten.

.Traditionshandwerk Edelstoffe

Aber nicht nur die Fabrik ist ein versteckter Schatz auf der Insel Giudecca. Der Palazzo Fortuny am Campo San Beneto stellt die einmalige Märchenkulisse für eine Bühne der ganz besonderen Art dar. Denn gleich neben der Fabrik Fortuny braute früher „Dreher“ sein venezianisches Bier. Heute haben am noch immer in den Himmel ragenden Brauerei-Schornstein Künstler aus aller Welt ihre Ateliers gemietet. Da arbeiten etwa die junge, talentierte und dazu hübsche Argentinierin Carolina Raquel Antich ebenso wie der eigenwillige 29jährige Riccardo Muratori und der Römer Daniele Bianchi. Sie erklären den das grüne Kleinod aufsuchenden wenigen Besuchern gern, wie sie ihre Kunst durch die Lagunenstadt Venedig veredeln. Klingeln also erlaubt bei den Künstlern auf der Insel Giudecca, die früher ein billiger Arbeitervorort mit großen Fabriken war; sogar die deutschen Junghans-Uhrenwerke produzierten hier. Heute gilt es als extrem schick, auf dem beschaulichen Eiland zu wohnen.

Brautradition in Venedig

Einen Schatz ganz anderer Art: die Kirche „Il Redentore“ mit Kloster und Klostergarten. An der Pforte steht Franziskaner Agostino und führt auf freundliches Nachfragen gern durch Kirche und Kloster. Und erzählt derweil vom Fest aller Feste Venedigs: „Wie jedes Jahr wird am dritten Wochenende des Juli – dieses Jahr am 18. Juli – wieder in Erinnerung an die ganz Venedig im 16. Jahrhundert so verheerend heimsuchende Pest das Fest der Feste aller Venezianer mit tausenden Booten auf dem Canale della Giudecca, einem riesigen Feuerwerk und einer eigens errichteten Pontonbrücke über den Kanal gefeiert.“ Und erzählt weiter, dass noch 25 Mönche das Kloster bewohnen. Es geht auch in den riesigen Klostergarten. Der liegt direkt am Wasser hinter einer uralten, schon teils verwitterten Mauer, verströmt eine geradezu würdige Stille und ist so leicht nicht wieder zu finden.

Klosterkirche Il Redentore

Kirchen gibt es in Venedig ungefähr 130. Ein Muss für Pater Agostinos: „seine“ von Andrea Palladio gebaute Votivkirche „Il Redentore“. Ebenfalls ein Muss – gegen drei Euro Eintritt: die dreischiffige Santa Maria Gloriosa dei Frari. Auf deren Besuch besteht die auf ihre Stadt – bei aller Kritik – stolze Venezianerin Martina Boffeli . Und das nicht nur deshalb, weil Tizian in der großartigen Pfeilerbasilika begraben liegt. Vielmehr sind hier zwei von Tizians Hauptwerken zu bewundern. Und das von Niemandem übertroffene tizianrot auf dem prächtigen Bild der Himmelfahrt Maria.

Szenenwechsel. Auf der anderen Seite des Kanals –  in der Altstadt von Venedig – am Campo San Trovaso befindet sich eine der zwei noch komplett echte venezianische Gondeln herstellenden Werften. „Gondeln, so schreibt es das Gesetz streng vor“, erklärt der Besitzer der klitzekleinen Werft,  „müssen in Venedig alle schwarz sein. Sie sind in alter Tradition sämtlich asymmetrisch gebaut und bestehen aus genau sieben verschiedenen Holzarten – von der Eiche bis zur Ulme.“ Genau 425 lizensierte Gondeln gibt es in der Stadt. Ohne die Dekoration, die allein bis zu 30 000 Euro kosten kann, ist bei Lorenzo delle Toffale eine nagelneue Gondel für rund 20 000 Euro zu haben.

Venedigs Gondeln sind schwarz

Mittagszeit: Jenseits der von Nepplokalen beherrschten Altstadt weiß Guide Martina Boffelli ein auf örtliche Meeresfrüchte spezialisiertes, dennoch nicht so teures Restaurant und zwar nicht weit von der die zwei Hälften der Altstadt verbindenden Rialto-Brücke. „Hier holt der Wirt die echte Adria-Dorade morgens noch frisch vom Markt und macht es nicht wie einige andere Köche hier, die den Farmfisch billig einkaufen und gutgläubigen Touristen als echte Meerdorade teuer anbieten.“ Anders eben die anheimelnde Trattoria „Antiche Carampane“, genauer ihre Tische in der Gasse davor. Hier sitzt man übrigens direkt im ehemaligen Rotlichtdistrikt San Cassiano, in dem die vom regierenden Dogen peinlich genau lizensierten Damen einst barbusig Kunden lockend aus den Fenstern schauten. Gleich um die Ecke geht es mit der an solche alten Liebeshändel erinnernde „Ponte delle Tette“, der Brücke der Brüste, über einen winzigen Kanal.

Wer nach Venedigs verborgenen Schätzen sucht, begibt sich zudem zur nur schwer, praktisch nur von Kennern zu findenden Scala Contarini dai Bovoio, der weltberühmten 1499 auf Geheiß von Pietro Contarini im Innenhof seines Palastes errichteten Treppe, die ein wenig dem schiefen Turm von Pisa ähnelt.

Scala Contarini dai Bovoio, 1499 von Conatrini

Wer eine venezianische Maske erwerben möchte, der wird beim Kunsthandwerker des „Casanova“ in San Polo gut beraten. Und nicht weit vom Artigianato „Casanova“ lädt die famose Cioccolateria VizioVirtù – ganz unübersehbar an den vielen, leckeres Gefrorenes lutschenden Leuten – zum Gelato oder zum Kauf erlesener Schokoladen-Patisserien ein.

Venezianische Masken

Für das Abendessen geht es zurück aus der quirligen Altstadt auf die Insel Giudecca und konkret in das seit Generationen im Familienbesitz befindliche Restaurant „Trattoria Altanella“. Auf dessen von viel Grün umrankten Terrasse unmittelbar am Wasser haben bereits der Dichter Ernest Hemingway und Filmstar Robert de Niro diniert. Das Altanella ist mit Sicherheit die angenehmste und lauschigste kulinarische Adresse auf der Insel Giudecca und Beispiel par excellence der zu Recht so gelobten italienische Küche.

Menschenleerer Markusplatz

Die Entdeckungstour auf der Suche nach den versteckten Perlen Venedigs findet um Mitternacht ihren überraschenden Abschluss: Da wartet ein schmuckes Wassertaxi nur einige wenige Schritte neben dem Restaurant „Altanella“ in der Calle delle Erbe. In schneller Fahrt geht es unter strahlend leuchtendem  Sternenhimmel zum  derweil fast menschenleeren Markusplatz. Dort tanzt umschlungen und weltvergessen ein einsames Paar. Vor dem Café Florian spielt in der lauen Nachtluft die Kapelle eine letzte, eine deutsche Melodie: „Schau mich bitte nicht so an….“ Ob die Musiker damit voller venezianischem Humor ihre eigene Stadt gemeint haben?

Venezianische Masken

Wichtig zu wissen und Websites

Venedig ist über den internationalen Flughafen Marco Polo erreichbar. Von dort stimmt eine nicht einmal halbstündige Bootsfahrt zur zehn Kilometer entfernten Insel Giudecca auf die Lagunenstadt ein. Die beschauliche Insel liegt gegenüber Venedigs quirliger Altstadt. Hotelpackages wie das vom Hilton Molino Stucky beinhalten oft schon den Transport im komfortablen hauseigenen Wassertaxi (www.molinostuckyhilton.it). Die Fremdenführerin dott.ssa Martina Boffelli ist zu erreichen über die Website www.tourguidevenice.com. Info über die Fabrik Fortuny im Web www.fortuny.com. Die Trattoria Altanella, Giudecca Calle delle Erbe 268, hat die Telefonnummer +39-41-5227780, das Altstadt-Restaurant Antiche Carampane 041-5240165 www.antichecarampane.com. Da beide Restaurants begehrt sind, ist eine Reservierung erforderlich. Sehr Leckereses bietet die Cioccolateria Vizio Virtù in der Sestiere Polo www.viziovirtu.com. Die Monate Mai und Juni sind für einen Venedig-Besuch, so sagen die Venezianer, die schönste Jahreszeit.

Peter Morner (+)

Polarmeer

“We have made it! The Arctic Sea!”

Horton River: Eine Kanu-Tour auf dem nördlichsten Fluss Kanadas in das Polarmeer.

Autor: Peter Morner/Archiv 2010

Irgendwo im Westen Britisch Kolumbiens zwischen Prince George und Prince Rupert am kanadischen Pazifik liegt die Stadt Smithers. Hier versteckt sich das Häuschen von Gladys Atrill tief im grünen Wald, einen Katzensprung entfernt vom Yellowhead Highway. Das Haus steuere ich nicht zum ersten Mal mit dem Vierradantrieb-Pick up an. Mein Dodge Ram 2500 Diesel steht im Winter in Vancouver – bei Freund Rod Pybus in der Lagerhalle von Signal Trucking am südlichen Ende der Main Street. Im Sommer aber zieht es die starke Maschine wie automatisch hoch nach Norden.

Gladys sieht den dunkelgrünen Truck schon von weitem kommen. Sie erwartet mich bereits seit einigen Stunden, ihr Freund Roger McColm ebenfalls. Der montiert gerade das vierte und letzte der roten Kanus auf dem Hänger seiner Zugmaschine. Gladys und Roger sind seit Jahren nicht nur beste Kameraden, sondern auch Kanu-Tourguides der Extraklasse – und startklar für unsere Tour mit insgesamt acht Leuten. Noch dabei: Valery aus Smithers, ebenfalls begeisterte Kanutin, sowie die Amerikaner Terry und Tom aus Boulder in Colorado, die in Eagle Plains am Dempster Highway zur Gruppe stoßen. In Inuvik kommen Scott und sein Sohn Daren dazu.

Paddeln, bis das Eis kommt

Wir alle haben ein Ziel: 69 Grad 50 Minuten Nord – das Polarmeer -, und das wollen wir paddelnd erreichen. Genau gesagt den Amundsen Golf, noch präziser die Franklin Bay. Keiner von uns hat den Horton River, einige hundert Kilometer östlich von Inuvik und weit nördlich des Großen Bärensees in den Northwest Territories Kanadas, je erblickt – geschweige denn gepaddelt. Und das haben überhaupt nur wenige je getan. Denn der 618 Kilometer lange Horton River ist der nördlichste Fluss des kanadischen Festlandes, und seine Ufer sind über keine Straße zu erreichen.

Polarmeer
Kajak-Tour bis zur Arctic Sea

Die Anreise ist lang, führt erst einmal im Auto nordwärts über den Cassiar Highway 37 durch die Spatsizi Wildnis. Als die Gruppe den Stikine River überquert, lächelt der sonst eher schweigsame Roger. Der rothaarige, untersetzte Mann ist irischer Abstammung: „Na, Junge, erinnerst du dich – an Happy Lake, Laslui Lake und dann in den an der Quelle so winzigen Stikine, den Großen Fluss, wie ihn die Tahltan Indianer nennen?“ Bis zu diesem Grand Canyon Kanadas paddelte ich bei einer anderen Gelegenheit. Weiter geht es nicht – jedenfalls nicht für Kanuten. Nein, für niemanden. Nur danach geht es flott weiter flussabwärts mit dem Kanu über Telegraph Creek und Glenora bis nach Alaska und in den Nord-Pazifik.

Langer Weg zum Horton River

Horton River Kanadas Nordwesten
Horton River und sonst nichts

Der Stikine war der Fluss des wilden Goldrauschs zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die gierenden Abenteurer kamen zu Tausenden flussaufwärts aus dem Süden. Jeder Stein im hohen Westen Kanadas könnte noch heute von diesen Schicksalen erzählen – von den Strapazen, vom Leiden, vom Tod. Verwitterte Kreuze zeugen von Gangstern, friedlichen Siedlern ebenso wie von den in rauer Winterskälte bei ihren Patrouillen umgekommenen Helden der Royal Canadian Mounted Police. Glenora, einst eine Stadt mit mehr als zehntausend Einwohnern, existiert heute nicht mehr. Als wir das erste Mal dort hinkamen und auf einer Baum bestandenen Wiese Rast machten, fragte man sich: „Wo ist denn nun Glenora?“ Da lachte einer der herum stehenden Indianer mit zwei leckeren, just aus dem Netz geholten Sockeye Lachsen im Arm: „Hier! Genau hier!“ Nun aber wartet der Horton River mit seinen Abenteuern.

Zwischenstopp mit Zimtkuchen

Doch noch mal halt: Kaum haben wir auf dem Alaska Highway Johnson’s Crossing mit der stählernen Brücke über den Teslin River erreicht, stoppt Roger. So hält es jeder, der sich in der Gegend auskennt – wie Roger. Hier, in einem kleinen Café, gibt es die bei weitem besten Cinnamon Rolls, diese Zimtkuchen, weit und breit. Für mich aber gibt es noch einen Grund: An genau dieser Stelle, direkt unter dieser kühnen Brückenkonstruktion, begann es mit der Sucht – der Sucht zu kanuten. Jessica hatte mich seinerzeit samt Kanu in Whitehorse ins Auto gepackt und die 137 Kilometer an diesen Platz gefahren – an den Teslin River. Ich schickte Jessica weg, um sie nicht an meinem Elend als absolutes Kanu-Greenhorn teilhaben zu lassen. Ich war allein. Um mich herum Tausende Mücken. Oben donnerten die Laster über die laut hallende Brücke. Die vielen Schwalben lachten mich mit ihrem Kiwitt aus und besprenkelten mein Hab und Gut für eine gute vierwöchige Reise flussabwärts runde 800 Kilometer bis Dawson City.

Nichts für Kanu-Greenhorns

Zuvor – in Hamburg – hatte ich mir vor einigen Wochen für einen Nachmittag ein Kanu ausgeliehen, um durch die Alster-Kanäle zu schippern und danach fröhlich und unbedarft behauptet: „Kanu fahren – pah, das kann doch jeder.“ Danach dann am Teslin River packte ich und packte und packte – und das grüne Boot sank immer tiefer. Als ich vier Stunden später endlich ablegte, regnete es, der aufkommende Sturm blies ins Gesicht, es wurde immer dunkler, und der Fluss wurde immer breiter. Bin ich etwa in die falsche Richtung gepaddelt – in den Teslin Lake? Ich fand auch nach Stunden keinen geeigneten Platz zum Anlegen und Übernachten.

Ziele zuvor – wie der Teslin River

Nur überall Gebüsch, Steine, Steilufer. Außerdem wie anlegen? Bitte wie? Wie macht man das mit Sack und Pack im Kanu? Irgendwie war es dann doch geschafft. Als ich in der Helle des Morgens am nächsten Tag frische Wolfs- und Bärenspuren extrem nah an meinem Zelt entdeckte, wurde ich wohl blass, wollte jedenfalls nur noch nach Hause. Doch zu spät – trotz aller Angst im Bärenland Kanada.

Übernachten in der Wildnis

Bärenstarke Begegnungen

Die Einsamkeit. Die Stille. Das Bewusstsein, dass Hunderte von Kilometern kein einziger Mensch ist. Nur Bären, Wölfe, Elche. Die Angst blieb, ich hatte Kompass und Karte – also das mindeste -, aber kein Satellitentelefon, kein GPS. Der erste Schwarzbär kam am Abend gegen sieben Uhr. Ich empfand lähmende Stille, stand wie zur Salzsäule erstarrt. Acht, sieben, sechs, fünf Meter. Doch dann drehte der schwarze Riese ab, wiegte seinen Kopf wie nachdenklich hin und her und verschwand lautlos im Gebüsch. Über die schlaflosen Nächte vor dem Passieren der „Roaring Bull Rapids“, der Name allein jagt Schrecken ein, oder den „Five Finger Rapids“ später auf dem Yukon mag ich besser nichts erzählen. Beim Durchfahren war dann nämlich alles halb so wild, die „Roaring“ Stromschnellen habe ich überhaupt nicht bemerkt, und die Fünf-Finger-Enge hat im Nachhinein gar nicht beeindruckt. Rutsch und durch.

Der zweite Bär dagegen, den ich aber nie sah, hinterließ noch lange im Nachhinein ein seltsames, das Blut schneller fließen lassendes Gefühl. Mein Nachtlager stand schon wegen der vielen Mücken – um diese Erfahrung schon bald reicher – auf baumlosen Inselchen, wo stetiger Wind die Blutsauger vertrieb. Am Morgen also, die Sonne stand bereits hoch am Himmel, kroch ich aus dem Zelt und sah eine frische Bärenspur. Sie kam aus dem Wasser, hielt genau auf mein winziges Tonnenzelt zu, umkreiste es extrem dicht und verschwand dann auf der anderen Seite der Insel im Yukon.

Flüsse wie wilde Küsse

Kanute Peter Morner
Reise auch zum eigenen Innern

Auf dieser ersten Kanu-Reise durchs wilde Kanada habe ich alles, aber auch alles falsch gemacht und doch überlebt. So kaufte ich Tomatensaft in riesigen Gebinden, die – einmal geöffnet – den Saft in der Hitze schnell zum Kippen brachten. Kartoffeln faulten in der Plastiktonne. Im frischen Fleisch tummelten sich bald weiße Würmer. Ich kannte keinen einzigen Paddelschlag. Von Lining, Eddies, Portagen oder Biberfieber hatte ich bis dahin nie gehört. Und doch. Es war das erste Mal. Wie der erste Mann auf dem Mond, der erste Kuss, die erste Liebe. Und daher war die Teslin-Tour die schönste meiner Kanufahrten. Denn ich hatte die Herausforderung angenommen und kam nach 800 Kilometer im Kanu in Dawson City an. Stolz. Gewagt. Gewonnen. Allein! Die Prüfung bestanden.

Das war der erste Schritt in eine neue Welt. Auch in eine lange, nie zu Ende gehende Reise in das eigene Innere. Ein mitunter mühevoller und gelegentlich verdammt einsamer Weg über die weite kanadische Wildnis zu sich selbst.

Nun der Horton River -erste Etappe im Auto…

Inzwischen liegen einige 1000 Kanukilometer und viele Erfahrungen hinter mir. Jetzt geht es also zu Acht zum Horton River weit nördlich des Großen Bärensees in den Northwest Territories Kanadas. Da muss man erst mal hin – zunächst im Auto. Cassiar, Alaska, Klondike – so heißen unterwegs die Straßen zum Ausgangspunkt dieser wilden Kanutour. Die Straßennamen klingen nach Gold und Gewehr, nach Jack London, Wolfsblut, Abenteuer. Die Königin aller Straßen aber ist und bleibt für mich der Dempster Higway mit seinen nur mit Schotter aufgeschütteten 783 Kilometer – von Dawson City bis Inuvik – mit den Gebirgen, den Flüssen vom Ogilvie und Peel bis zum Mackenzie River. Mit den vielen Blumen und Flechten der Tundra. Mit den Karibus, den Wölfen und Bären. Mit dem den Highway schneidenden Polarkreis nördlich der Tankstelle Eagle Plains. Ein unübertroffenes Farbenmeer im Herbst, ein unvergessliches Erlebnis.

...weiter mit dem Klein-Flugzeug

Flugzeug für die Anreise
Alles muss ins kleine Flugzeug passen

In Inuvik wird umgestiegen: Das letzte Stück Weges zum Horton River geht es weiter im Flugzeug. Die Gruppe belädt die eigens gecharterte DC3 der örtlichen Fluggesellschaft Aklak Air. Die vier Kanus samt Paddeln, Zelten, Seesäcken, Verpflegung inklusive Crew  – alles verschwindet im Bauch der kleinen Maschine.

Der Landepunkt – nach meiner Berechnung exakt 124 Grad 23 Minuten West, 68 Grad 45 Minuten Nord – ist ebenso abgesprochen wie die Koordinaten des Abholpunktes einschließlich des kleinen Zeitfensters, zu dem die Gruppe dort sein will. Falls alles nach Plan läuft. Dann ist alles gut. Aber vergisst uns womöglich der Pilot und funktioniert das Sattelitentelefon nicht, ist alles schlecht. Der Pilot setzt hart, aber gekonnt auf dem Kiesstrand unmittelbar neben dem glasklaren Horton River auf. Diesen Fluss werden in diesem Juli und August wohl nur wir befahren -, so weit ab von allem liegt er. Gegen elf Uhr abends ist es noch immer taghell. Die Sonne brennt vom Himmel. Es ist 25 Grad Celsius, die Luft trocken. Die Zelte sind schnell aufgebaut – die Routine vieler Jahre in der kanadischen Wildnis.

Taghelle Nächte

Mit „Chefkoch“ Gladys bereitet die Gruppe das Abendbrot. Auch abgewaschen wird gemeinsam. Gladys dirigiert. Alle parieren aufs Wort. Später gibt es ein Glas Wein – aber kein Baum, kein Holz, also kein Lagerfeuer. Roger liest ein Gedicht von Robert Service: “Men of the high North.” Terry, der kluge Elektronik-Ingenieur und Tüftler, beschäftigt sich mit seiner Videokamera. Scott geht mit Sohn Daren angeln. Tom liest im Buch „The Lost Patrol“ von Dick North. Der Schlaf ist kurz. Die Kanus werden früh zu Wasser gelassen. Das Packen benötigt viel Zeit. Alles muss sicher verstaut werden. Alles hat seinen Platz. Als es los geht, schlägt Roger mit dem flachen Paddel auf das Wasser und ruft: „Guten Morgen, Horton – hier sind wir!“

Kochen in der Wildnis
Üppige Küche in der Wildnis

Kanu raus Kanu rein

Kanus sind ladefertig
Erst beladen, dann ablegen

Die Expedition beginnt. Das Wetter bleibt schön. Einige Wasserfälle müssen umtragen werden, also raus aus dem Fluss mit den Kanus und wieder hinein – nach beschwerlichem Fußmarsch. Das alles kostet Kraft und Schweiß und Zeit. Kanus ausladen. Kanus einladen. Manchmal heißt es, 1500 Meter hin und her und hin und her. Roger meint, Portagen gehören zum Kanuten. Der dicke Banker Tom ist da ganz anderer Ansicht: „Shit!“ Am dritten Tag sehen wir einen Vielfraß. Am fünften Tag einen seltenen Moschusochsen, der sich gern in den kanadischen Barren Grounds aufhält. In der sechsten Nacht schleicht ein an den Spuren identifizierter Grizzly um mein etwas abseits aufgestelltes Zelt. Je nördlicher wir kommen, desto mehr Wolfsspuren finden sich. Die Smoking Hills qualmen tatsächlich irgendwie schweflig – gefüttert von unterirdischem Jarosit und Lignit.

Stelldichein mit Wolf und Grizzly

Enge, von Felswänden begrenzte Kanäle mit flink fließendem Wasser wechseln mit flachen  weiten Ufern ab, zwischen denen der Horton River eher träge dahin fließt. In einer weiten Flusskurve taucht eine riesige schwarze, im warmen Sonnenlicht tauende Erdwand auf. Gewaltige Brocken fallen in den Fluss. Es knallt und kracht. Das Wasser schäumt. Wer der Wand zu nahe kommt, riskiert Kanu und Leben. Uns gelingt es, Abstand zu halten. Wir schleichen uns quasi vorsichtig mit den Booten davon. Im vorletzten Camp tauchen kurz hintereinander zwei Grizzlies auf. Der erste Bär ist eine stattliche braunschwarze Mama. Sie hütet – eigentlich selten – gleich drei kleine Bärchen. Mama nähert sich dem Lager bis auf sechzig Meter, erhebt sich zu ihrer vollen Größe, wittert und trollt sich in weitem Bogen um uns herum mit ihren drei sich fröhlich balgenden Springinsfelden.

Weite Kanadas hoher Nordwesten
Endlose Weite und nichts als endlose Weite

Endlich die Arctic Sea

Kanadas hoher Nordwesten
Wunder der Evolution und gewaltige Natur

Noch ein Tag. Dann ist es so weit. Rechts ein kleiner Hügel. Ein letzte Wand, die uns vom Nordmeer trennt. Die Kanus werden in Windeseile gesichert, und zu Fuß jagen wir den Hügel hinauf – acht erwartungsvolle Kanuten. Und da liegt das arktische Meer vor uns – die Franklin Bay.

Wir alle, Gladys, Roger, Tom, Terry, Scott, Daren, Valery, wir alle springen mit Klamotten ins Meer. Wir umarmen uns und rufen immer wieder: „We have made it – the Arctic Sea. The Arctic Sea!“

Wichtig zu wissen und Websites

Derart „einfach“ durch die kanadische Wildnis zu reisen ist keineswegs preiswert. Ganz abgesehen vom Flug Frankfurt-Vancouver retour – etwa mit Air Canada. Danach geht es per Inlandsflug nach Smithers, Inuvik oder Whitehorse. Oder man fährt mit dem Auto zu diesen Zielorten. Das ist möglich, kostet viel Zeit, ist aber extrem interessant und einstimmend auf den hohen Norden Kanadas. Allein die Strecke Whitehorse – Inuvik ist 1227 km lang.

Mit Gladys Atrill und Roger McColm lassen sich individuelle Arrangements treffen, aber nur weit im Voraus: Northern Sun Tours in Smithers; www.northernsun.bc.ca; tours@northernsun.bc.ca. Neben den Flüssen Teslin, Yukon und Stikine sind Wind sowie Horton River zu empfehlen. Alle sollten mit einer gewissen Kanu-Erfahrung bezwungen werden. Über die nötige Ausrüstung erteilt jeder Veranstalter Auskunft. Ein Schweizer Anbieter solcher Touren ist Para Tours: www.para-tours.ch; info@para-tours.ch. Hier kostet eine 13-tägige Kanutour auf dem Horton River von und bis Inuvik aktuell rd. 9.300 Euro.

Tipps für die Reiselektüre: Trail to the Interior, R. M. Patterson; Spatsizi, T.A.(Tommy) Walker; Descent into Madness. The Diary of a Killer, Vernon Frolick; The Lost Patrol, Dick North; The Best of Robert Service, Robert Service. Für Vogelfreunde unverzichtbar: National Audubon Society, Field Guide to North American Birds. Für Botaniker: Plants of Northern British Columbia, Andy MacKinnon, Jim Pojar, Ray Coupé.

Viel weniger abenteuerlich, viel näher und gut geeignet zum Einstimmen sind Kayak-Touren auf der britischen Kanal-Insel Guernsey. Selbst totale Anfänger paddeln hier bei Ebbe in den Küstengewässern und werden von Guides vertraut gemacht mit Welle und Strömung. Keine Frage: Paddeln macht die Muskeln müde, an den Händen gibt es Schwielen, aber meist erst einmal dicke Blasen. Nass wird man auch – trotz Funktionskleidung www.outdoorguernsey.co.uk. In Absprache mit Outdoor-Chef Ant Ford-Parker sind Paddeltouren rund um Guernsey möglich – gute Kondition für die Zehn-Stunden-Tour über 25 Meilen vorausgesetzt.

Autor und Fotos Peter Morner (+)