Nach den Bränden der letzten Wochen tut Unterstützung gut, um das Los Angeles County wiederzubeleben. Dazu ruft Visit California, die offizielle Touristikorganisation des Bundesstaats am Pazifik, auf. Reisende könnten bei Besuchen die weltbekannten Angebote zur Unterhaltung, innovative Gastronomiebetriebe und vielfältige Attraktionen in der Region erleben. Legendäre Attraktionen und Erlebnisse wie das Hollywood Sign, die Universal Studios Hollywood, der Santa Monica Pier, das Griffith Observatory und viele andere mehr blieben unberührt und stehen Besuchern offen.
Diese Initiative von Visit California ist ein zentraler Bestandteil der Bemühungen, der lokalen Wirtschaft wieder Impulse zu geben und Arbeitsplätze in der Tourismusbranche zu fördern. „Unsere Botschaft an Reisende ist einfach“, sagt Caroline Beteta, Präsidentin und CEO von Visit California. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Los Angeles zu besuchen.“
Das Santa Monica Pier am Pazifik und sein Pacific-Park warten wieder auf Besucher Foto Ulrike Wirtz
Jetzt, wo die wirtschaftlichen Auswirkungen der Waldbrände zunehmend deutlich werden. Caroline Beteta: „Einer von fünf tourismusbezogenen Jobs in Kalifornien befindet sich im Los Angeles County, was unterstreicht, wie wichtig die Tourismusindustrie für die Wirtschaft und ihre Bemühungen zur Erholung der Region ist.“
Wichtig zu wissen für Reisende vor Ort
Visit California hilft zudem weiter. Denn die Organisation stellt FAQs zur Verfügung, die aktuell und künftig Reisenden wertvolle Details zu Los Angeles eröffnen. Und zwar von der aktuellen Luftqualität und von Straßensperrungen bis zu Auskünften dazu, welche Ziele und Attraktionen geöffnet sind und wie Reisende örtliche Unternehmen unterstützen können. Visit California hat das Wesentliche zusammengestellt, um Reisen nach L.A. verantwortungsvoll und sicher zu gestalten.
Stand heute sind 98 Prozent von Los Angeles County nicht von Waldbränden betroffen. Und die drei aktiven Feuer sind zu über 95 Prozent eingedämmt. Updates zu aktiven Waldbränden werden auf der Webseite des kalifornischen Forst- und Brandschutzamtes (CAL FIRE) zur Verfügung gestellt.
Nach der Brand-Katastrophe
Nicht zuletzt: „Unser tiefster Dank gilt den Ersthelfern, die unermüdlich im Einsatz waren. Und wir sind zutiefst berührt von der großen Hilfsbereitschaft, die wir inmitten dieser Tragödie erleben durften“, sagt Visit-California-Vertreterin Caroline Beteta. „Von Angelenos, die ihre Zeit ehrenamtlich zur Verfügung stellten, über lokale Restaurants, die kostenlose Mahlzeiten anboten, bis hin zur Tourismusbranche des Bundesstaates, die Spenden für Evakuierte organisierten. Wenn es hart auf hart kommt, stehen Kalifornier zusammen. Und jetzt zählen wir auf Sie.“
Zurück zur Routine, auch wenn es schwerfällt – hier eine Statue aus den Universal Studios Foto Ulrike Wirtz
Der US-Bundesstaat Texas steht bei vielen für große Ranches in weiten Steppen, Ölfelder bis in den Golf von Mexiko und für die Houston Mission Control der NASA und ihre Weltraum-Missionen. Dabei wartet mitten im Lone-Star-State – so genannt wegen des einen Sterns in seiner Flagge – das Texas Hill Country, in dem grüne Hügel übers Land rollen wie in der Pfalz. Wohin es deutsche Immigranten aus der Pfalz ab 1845 in Scharen zog. Die pflegen seither mal mehr, mal weniger ihr Erbe. Der Weinbau nimmt jedenfalls zu im texanischen Hill Country – siehe Beitragzum Teaxs Hill Country und seinen Weinen. (Alle Fotos unten Ulrike Wirtz)
New Braunfels begrüßt Besucher mit einem Flaggenmeer
Fehler passieren – so wie das Versehen im Sophienburg Museum and Archives in New Braunfels. Die Stadt mit 100.000 Einwohnern liegt mitten in Texas, Staat im Mittleren Westen der USA. Das Sophienburg, gegründet 1933, hegt und pflegt Tausende Memorabilien zu den deutschen Gründer-Familien der Region. Deren Herkunft erkennen heutige Reisende schon daran, dass Ortsnamen so deutsch klingen: Boerne, Fredericksburg, Gruene und eben New Braunfels. Was es mit letzterem Ort zum Beispiel auf sich hat: Die Stadt heißt nach dem Deutschen aus der Pfalz, der Siedlern aus seiner Region im 19. Jahrhundert den Weg nach Central Texas ebnete – ins Land der rollenden grünen Hügel ähnlich denen der Pfalz. Friedrich …Carl … Prinz zu Solms-Braunfels sein Name.
Drei Millionen Texaner deutscher Abstammung
Und wie das Museum zu seinem Namen Sophienburg kam: Es heißt nach der Gattin Sophie des selbigen Prinzen. Der lebte in Rheinland-Pfalz auf Schloss Rheingrafenstein, war mit weiteren Adelshäusern verwandt und reiste im Juli 1844 nach Texas, um vor Ort Land zur Ansiedlung für Einwanderer aus seiner Heimat zu organisieren und zu kaufen. Aus diesen Immigranten wurden bis heute drei Millionen Texaner, die als Deutsche qua Abstammung zählen.
New Braunfels und sein Sophienburg Museum zeigt Musikinstrumente früher deutscher Siedler
Das und vieles mehr wird im Museum Sophienburg mit alten Fotos, Dokumenten und neuen Infotafeln erklärt. Und dokumentiert auch mit Mobiliar und Kleidung anno dazumal made in Germany. Ebenso ausgestellt: etwa Kegel und Kugeln aus Holz und Musikinstrumente , alle mitgebracht vom einstigen Zuhause.
Mainzer Adelsverein und Texas-Carl
Und der Fehler? Den ersten Raum der Ausstellung schmückt prominent an seinem Eingang ein Gemälde der deutschen Fahne. Ihre Streifen: Schwarz, Rot, Gold in der Reihenfolge von links nach rechts. Jedoch verlaufen die Streifen von oben nach unten statt quer, wie es der deutschen Flagge entspricht und schon im 19. Jahrhundert entsprach, als Menschen zuhauf aus der Pfalz nach Texas umzogen. Auf den Fehler hingewiesen, reagiert Keva Hoffmann-Boardman peinlich berührt. Verständlich. Schließlich ist sie die Kuratorin des Sophienburg Museums und auch zuständig für Lernprogramme zum Thema: „Ist es wirklich falsch, wenn die Streifen hochkant stehen?“
Der Gast. „Das ist so, als hänge die US-Flagge mit ihren Stars and Strips oder eine Abbildung davon hochkant. Dann fänden sich die Sterne unten links statt oben links. Und ihre Streifen verliefen vertikal statt horizontal. Die Kuratorin: „Okay. Dabei sind wir immer so akkurat, wenn es um unsere deutsche Historie geht.“ Und verweist auf ihre eigene Herkunft: „Du siehst, ein Teil meines Nachnamens ist Deutsch. Meine Großmutter war die dritte Generation pfälzischer Immigranten hier im Hill Country und sprach noch Deutsch. Selbst meine Eltern sprechen noch deutsch. Ich leider nicht mehr“, so Keva Hoffmann-Boardman.
Prinz Solms – neben der falsch hängenden deutschen Flagge
Wie die deutsche Geschichte in Texas begann, erzählt das Museum Sophienburg en Detail: Friedrich …Carl … Prinz zu Solms-Braunfels und weitere Adlige seines Umfelds taten sich für den Zweck der Immigration in den US-Staat im mittleren Südwesten zusammen und gründeten den „Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas“, kurz „Mainzer Adelsverein“.
Das geschah 1842 in Biebrich am Rhein. In der Sache war man so erfolgreich, dass binnen kurzer Zeit Hunderte Pfälzer ins Hill Country umzogen, das mit seinen Hügeln und Flüssen – dem schmaleren Comal River und dem breiten Guadalupe River – so an die alte Heimat-Idylle erinnert. Das Gefühl stellt sich auch schnell bei dem ein, der heute als Tourist in diese Hügellandschaft von Texas reist. Die Idylle an Rhein, Mosel und Saar lässt grüßen. Doch zurück in den Sommer 1844. Seither weilte der Prinz höchstpersönlich vor Ort in der neuen Heimat und war so extrem rührig, dass er den Spitznamen Texas-Carl bekam.
Neues Zuhause mitten in Texas
Selbiger gründete dann am 21. März 1845 den Ort New Braunfels, gelegen auf rund 200 Meter an den Ufern des Comal River. Im Dezember 1945 kehrte Texas Carl zurück an den Rhein, heiratete besagte Sophie. Sein Nachfolger vor Ort in Texas wurde Otfried Hans Freiherr von Meusebach und gründete im Mai 1846 den Ort Fredericksburg und benannte den nach Prinz Friedrich von Preußen. Fredericksburg liegt rund 120 Kilometer nordwestlich von New Braunfels, zählt heute 11.000 Einwohnern und schmiegt sich buchstäblich auf 516 Meter in die Hügel im Hill Country. Dort warten Wein und Weinstraße ähnlich der in der Pfalz – siehe Teil 2 (folgt).
Kultiviertes Deutschtum – schöne Zeitreise
Doch zunächst steht New Braunfels an – wie bei den einstigen Einwanderern. In der Stadt pflegen die einstigen Pfälzer ihr Erbe im Museum und im Hier und Jetzt des täglichen Lebens: architektonisch, kulturell auch bei der Sprache und lukullisch. Somit treffen Besucher unweigerlich auf Deutschtum, angefangen bei den Ortsnamen. Oder bei den Siedlernamen, zu denen es im historischen Distrikt von Braunfels um die Straßen Comal Avenue (Ave) und East Mill Street (St) noch deren einstige Häuser gibt.
New Braunfels steht für sehr schönes Wohnen im Historic District
Heute ist hier überwiegend Wohngebiet mit Einfamilienhäusern: meist hübsche Holzhäuser umgeben von Blumenrabatten, Hecken und Laubbäumen – alles entlang schmaler Straßen, die sanft bergauf und bergab führen. Es sieht gemütlich aus und ist es auch, da kaum Betrieb herrscht. So können sich die alten Häuser hervortun, obschon sie klein bemessen sind, auch bei Fenstern und Haustüren. Sie haben also so gar nichts vom typischen Südstaaten-Stil nach griechisch-römischem Vorbild, sondern könnten so auch in Denkmal geschützten Dörfern an Ahr und Rhein stehen.
Hier wie da wurden sie von Pfälzern – hier als Siedler – in Fachwerk-Bauweise errichtet wie typisch zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Good Old Germany. In der neuen Heimat heißt die Bauweise Timber Framing und wird im Museum anhand einer Musterwand anschaulich erklärt. Im historischen Teil von New Braunfels informieren Hinweisschilder an einzelnen Häusern, wie mit ihnen alles anfing. Als da wäre das
Zeitzeugen In New Braunfels im heutigen Historic District – original alte Häuser früher deutscher Siedler wie das vom später berühmten Botaniker LIndheimer
Haus Nr. 491 in der Comal Ave, ein schlichter Bau in grau-blauer Farbgebung. Hier war um 1852 Ferdinand Lindheimer zu Hause, der als der Entdecker überhaupt der texanischen Botanik gilt und dem zu Ehren die Stadt New Braunfels 1928 nahe seinem Wohnhaus eine grüne Oase gewidmet hat: den Lindheimer Plaza mit Bäumen und Bänken und seit 2014 anerkannt als Lone Star Legacy Park. Diese Einstufung verleiht der Staat Texas als höchste Ehrung einer solchen Gedenkstätte und ehrt damit prominente Bürger, denen bereits lokal besondere Ehre erteilt wird.
Fachwerk-Bauweise wie in der Pfalz
Dann das Hohmann House an der 273 East Mill St, das durch spätere Anbauten und eine Veranda mit Säulen im Südstaatenstil nur noch wenig vom einst deutschen Baustil erkennen lässt. Es könnte sich aber auch am britisch-viktorianischen Stil orientieren, dem im späten 19. Jahrhundert etliche Zugereiste frönten. Wieder eher alt-pfälzisch kommt das Guessow House an der 234 Comal St daher: ein Haus in Weiß mit braunen Holztüren und Fensterläden und genauso vorstellbar an der pfälzischen Weinstraße.
Das hatte ein gewisser Gustav Schmidt anno 1865 für 100 Dollar gekauft und im folgenden Jahr für das Vierfache weiterverkauft. Wie geschäftstüchtig. Das Haus heißt heute aber nach Wilhelm Guessow, der das Haus 1881 erwarb. Wer die Übersichtskarte zur alten Downtown durchgeht, stößt immer wieder auf Deutsche aus den frühen Jahren im Hill Country; so etwa ein Joseph Klein mit Haus von 1852 (135 North Market St) oder ein Heinrich Voelker mit Haus von 1872 (424 Comal Ave). Die Liste ließe sich fortsetzen, die Zeitreise wie durch historische deutsche Idylle auch.
Krause’s Café ist gastronomisch alles – nur kein Café
Diese Reise geht in Downtown in Krause’s Café & Biergarten weiter, mit seinen Anfängen 1938. Ein Plakat draußen zeigt, was unter anderem zu erwarten ist: nämlich Masskrug-Stemmen mit Krügen made in Germany – das über den Sommer. Die Ankündigung könnte schon wegen ihrer Optik mit den Originalkrügen auch irgendwo in Bayern aushängen.
Noch mehr deutsches Erbe in New Braunfels – daran erinnert das Wandgemälde draußen bei Krause’s Café
Die hohe Wand schon draußen am Eingang schmückt ein groß dimensioniertes Wandgemälde mit dem Spruch „Gemütlichkeit zur Ewigkeit“ und dazu ein Mann in weißer Metzgerschürze, der Würste im Bündel in der Hand hält. Drinnen geht es stilistisch mit alemannischer Bierzelt-Atmosphäre weiter, denn die Gäste sitzen an den typisch deutschen Biergartentischen und -bänken.
Bierzelt-Atmosphäre und Jäger Schnitzel
So setzt es sich lukullisch fort: Die Karte bietet eine Munich Platter, bedeutet Sauerkraut, Schweinerippe und Würstchen nach bayerischer Art. Des Weiteren steht im O-Ton zu lesen: Jäger bzw. Wiener Schnitzel (letzteres vom Kalb); Schweinshaxe und German Meatball (deutsche Frikadelle) mit Spätzle. Der Spruch über den zig Bier-Zapfhähnen der Theke lautet „In New Braunfels ist das Leben schön“. Und unter den angekündigten 80 plus Biersorten aus den Hähnen reicht die Auswahl von Bitburger über Paulaner bis Warsteiner.
Germanische Tradition in nicht zu deftiger Bierzelt-Atmosphäre – dafür steht Krause’s Café in Downtown New Braunfels
Aber ehe es zu viel wird der gepflegten Deutschtümelei, gezapft wird auch Bud Light, ein US-weit verbreitetes Bier, oder Revolver Rewind, ein in Texas für Texas gebrautes Pils nach deutscher Manier, oder Yellow Rose, ein IPA-Bier mit viel Hopfen, also eher bitter und blond in der Farbe. Zu essen gibt es überdies noch Burger und Grilled Ribeye handcut von texanischen Rindern.
Mehr als deutsches Back to the Roots
Indes steht das Hill Country für noch mehr Fakten und Feeling, im Lone Star State unterwegs zu sein. Das zeigt sich an texanischen Autokennzeichen vor Krause’s Café oder Aufklebern auf Autos pro Trump bzw. mit der Aussage, dass Texas ein roter, also republikanischer Staat bleiben soll. Das ist er seit langem, und der Wunsch dieser Texaner ging mit Trump’s Wiederwahl im November 2024 in Erfüllung.
Trump-Fans gibt’s überall – auch in New Braunsfels
Das Flair vom Staat großer Ranches in weiten Prärien transportieren auch Leute mit Western-Stiefel und Cowboy-Hut auf den Asphaltstraßen. Und auch auf Plakaten kommender Life Acts bei Krause’s etwa für den Country-Western-Sänger Monte Good oder Reggae- und Rock-Interpret Rich Lockhart lassen sich beide Protagonisten mit Cowboy-Hut abbilden.
Metzgerei-Handwerk in 6. Generation
Deutsche Fleischwaren sind zwar auch die Spezialität der 1845Texas Meat Company und das seit 1845. Jedoch habe die Metzgerei ihre Produktpalette inzwischen nach texanischem Geschmack erweitert, betont Brandon Dietert, aktuell Vice President der 1845Meat Company und in direkter Linie ein Nachfahre der einen von zwei Gründerfamilien des Betriebs. „Wir waren zugleich Mitbegründer von New Braunfels – zeitgleich mit Texas-Carl“. Seinen Ritt durch die Tradition macht Brandon verständlicherweise mit einem gewissen Stolz. „Dietert – das sind wir als die eine Gründer-Familie der Metzgerei. Die andere waren Verwandte von uns, die Familie Tays. Unsere Vorfahren kamen auf einem kleinen Segelschiff nach hier. Drei Monate dauerte ihre Reise.“ Beide Familien sind auch heute Inhaber der Company mit genau 180-jähriger Tradition in 2025.
Seit 1845 üben die Nachfahren erster deutscher Familien in New Braunfels das Metzger-Handwerk aus
Brandon Dietert spricht von sich und seiner Familie als „Texas-Germans. Ich bin in sechster Generation direkter Nachfahre der Gründer. Meine Kinder also 7. Generation. Unsere Familie kam mütterlicherseits aus der Pfalz, väterlicherseits aus Norddeutschland“. Seine Großeltern und Eltern seien noch traditionell im Sinn ihrer Herkunft gewesen. Brandon: „Sie sprachen Deutsch miteinander und wollten die Tradition fortgesetzt wissen. Deutsch sprechen noch etliche Texas-Germans. Wie auch mein Großvater. Er war 90 und hat mich nie wirklich akzeptiert, da ich nicht Deutsch lernen wollte“. Ergänzt in Deutsch mit US-Akzent: „Verstehen kann ich Deutsch schon.“ Fährt wieder in seiner landessprache fort: „Meine Kinder lernen es in der Schule und lesen es gut. Aber wirklich sprechen können sie Deutsch auch nicht.“
Altdeutsche Rezepturen modernisiert mit würziger Schärfe
Brandon kommt auf den Betrieb zu sprechen: „Wir fertigen teils nach unseren alten deutschen Rezepten. Nämlich geräucherte Würste, Schinken und Bratwurst. So wie es unsere Eltern, Großeltern usw. taten.“ Aber schon die 5. Generation – seine Eltern – hätten die Ware weiterentwickelt. Konkret: „Sie nahmen die gleiche Würze, aber mehr davon. Wir heute stellen auch Würste mit scharfen Jalapeno her. Passend zum mexikanischen Einfluss in Texas.“ Schließlich habe texanischer Grund und Boden einst der Nachbarnation Mexiko gehört. Und heute leben viele Mexikaner samt ihrer Lieblingsgerichte im Lone Star State. „Zudem fügen wir heute unseren alten Rezepturen neue angesagte Geschmäcker hinzu, Schärfe etwa durch schwarze und grüne Pfefferkörner. Und bald starten wir mit Dry Aged Salami wie aus Italien.“ Was sie natürlich seit langem auch anbieten: „An Thanksgiving Truthahn. Ein Muss zum Erntedankfest“, betont Brandon. „Da sind wir ganz amerikanisch.“
Süße Verführungen in der 2Tarts Bakery
Die Unterhaltung findet statt in der 2Tarts Bakery in Downtown New Braunfels. Hier trifft man sich. Einige sagen sogar, hier sei der eigentliche Mittelpunkt von Downtown entstanden. Jedenfalls ist von hier vieles gut fußläufig erreichbar. So sind es von der Bäckerei 300 Meter zu Fuß zu Krause‘s Café und zum Brauntex Performing Arts Theatre; desgleichen zum Restaurant Huisache Grill, das mit modern-leichter Küche und internationaler Weinkarte sehr zu empfehlen ist, und zum Historic Schmitz Hotel, dessen Name ähnlich dem Namen Krause deutscher nicht sein könnte. Zum Farmer’s Market im Stadtzentrum sind es 400 Meter zu Fuß, zum Lindheimer Haus an der Comal Ave einen knappen Kilometer. Die 2Tarts Bakery brummt. Die Warteschlang ist lang. Man kommt einfach ins Gespräch.
In der 2Tarts Bakery warten viele süße Verführungen
Die Bäckerei gehört den zwei Schwestern Ashley und April, früher Weilbacher und beide gut 40 Jahre alt. Ashley Landerman: Köchin und Patissière mit Diplom der irischen Ballymaloe Cookery School und aus dem US-TV bekannt als Preisträgerin in Back- und Kochsendungen. April Ryan: studierte Künstlerin, verantwortliche Hochzeitskuchen-Planerin, als solche auch preisgekrönt und als Geschäftsfrau ehrenamtliche Lobbyistin für kleinere Betriebe wie den eigenen.
April Ryan ist eine der zwei Chefinnen des 2Tarts
Das Duo arbeitet mit einem Team von gut 30 Teilzeit-Kräften. Und untertreibt mit dem Namen Bakery – Bäckerei. Denn deren Kuchen, Teilchen, Nachtische, deren französische Eclair und Macaron, elsässische Tarte Tatin mit Apfel, Scones nach irischem Rezept und Hochzeitskuchen – alles ist süße Verführung und traditionelles Konditorhandwerk mit viel französischem Touch.
Alles frisch in den Backofen
April: „Wir wollten von Anfang an nicht „deutsch“ backen, sondern europäisch.“ Daher auch der französische Name 2Tarts für den Betrieb, gegründet 2010. Man arbeite mit hoher Qualität und nur mit frischen im Gegensatz zu nicht prozessierten Zutaten. „From Scratch“, sagt April und ergänzt. „Da arbeiten wir ganz anders als hierzulande die typischen Brot- und Kuchenfabriken.“ Die Philosophie beider Schwestern: „Wir machen alles von null selbst, arbeiten nur mit Bio-Mehl, frischen Eiern und jeder Menge frischer Butter“ (April). Und alles beziehen sie aus der Region, auch die Pecan-Nüsse für den für den Staat typischen Texan Pecan Pie. Der darf im Angebot nicht fehlen – und schmeckt köstlich.
Früher schon mal Ghost Town
Mit den Geschicken und Geschichten deutschstämmiger Familien aus den frühen Jahren hört es an der Peripherie von New Braunfels nicht auf. Zum Beispiel Gruene, 1850 gegründet als selbständiger Ort, heute ein Teil von New Braunfels und von 1950 bis in die 1970er Jahre zur Ghost Town geschrumpft. Einige alte Gebäude blieben erhalten, wurden restauriert und beherbergen nun auch Restaurants und Shops. Und zeugen von der Zeit, nachdem eine deutsche Familie Grüne 1845 hierher gezogen war, in eine Gegend, wo es noch nichts gab außer Land und Guadalupe River. Sie machten nach und nach mit Baumwolle Geld. Der Ort wuchs. Das Haus der Gründerfamilie überlebte und ist heute als Gruene Mansion Inn ein Hotel.
Das Gruene Mansion Inn war einst Wohnhaus der Gründerfamilie Gruene
Heute ist Gruene vor allem auch bekannt und gut frequentiert wegen seiner Dance Hall. Deren Bauherr war Heinrich Grüne, später genannt Henry Gruene. Er ließ sie 1878 errichten. Auch sie überlebte das Auf, Ab und Auf des Orts und gilt heute als eine der ältesten ihrer Art. Ihr Gebäude aus Holz mit Zinkdach erinnert in Größe und Bauart an eine groß dimensionierte Scheune. Eine Tür schwingt leicht quietschend auf und zu. Und im Rhythmus, wie die Tür auf- und zugeht, ist Musik von Violine, Gitarre und Klavier mal mehr, mal weniger laut zu hören.
In der Gruene Hall wird seit 1878 getanzt
Ihr Dance Floor sind alte Holzbohlen, auf denen sich Western-Boots mit normalen Schuhen, die mit Eisen beschlagen sind, ein kräftiges Klack-Klack-Duell liefern, egal ob darin die Füße von Männer oder Frauen stecken. Der Traditionstanz heißt Two-Steps. Sich vorzustellen, dass es so seit 150 Jahren geht – wow.
Klack klack fast täglich
Gedränge herrscht zwar nicht an diesem beliebigen frühen Donnerstagnachmittag. Aber der Tanzboden ist gut gefüllt. „Fast täglich ist hier Tanz. Da kommen Einheimische und Touristen hin“, erzählt später Margy vom B&B Historic Kuebler Waldrip Haus. Von hier sind es 15 Minuten im Auto zur Tanzhalle. „Gruene ist immer ein Tipp von uns für unsere Gäste.“ Ein Blick in die Annalen der Dance Hall zeigt: Hier traten und treten internationale Berühmtheiten auf, Country-Stars, darunter Garth Brooks und der jüngst verstorbene Kris Kristofferson.
Den Ort Gruene gründeten Deutsche 1850, ein Schild weist den Weg heute zur Grillwurst
Auch die US-Rockband ZZ Top gab sich 2019 die Ehre, mit ihren texanischen Wurzeln in Houston, Millionenmetropole mit dem Flughafen G. Bush Intercontinental drei Autostunden entfernt. Aktuell steht Lyle Lovett, Ex-Gatte von Julia Roberts, auf der Bühne. Das deutsche Erbe manifestiert sich unübersehbar an der Werbung eines Imbiss, die deutsche gegrillte Wurst verheißt.
Ohne Pferd und Kutsche
Wie einst die Gruenes zog es auch die ersten Besitzer des heutigen B&B Kuebler Waldrip Haus in die Abgeschiedenheit außerhalb der neuen Stadt. Doch das sollte sich kaum ändern, der Besitz liegt nach wie vor abgelegen. Daher stellt sich hier ein Gefühl ein, wie es einst einmal gewesen sein muss. Wie es per Pferd oder Pferdekutsche oder zu Fuß nach New Braunfels ging – damals wie heute rund zehn Kilometer. Nur dass man heute im Auto bequem über asphaltierte Straßen fährt und in zehn Minuten in New Braunfels ist. Was angelegen bedeutet: Das Kuebler Waldrip Haus liegt inmitten von 18.000 Quadratmeter Weiden und Wiesen, hat nur einen Nachbarn sichtlich da hinten. Am Weg hierher zeigte sich nur an Gattern und Zäunen, dass sich irgendwo weitere Anwesen verbergen.
Hier checkt also gut ein, wer es so einsam mag. Margy ist die Hausherrin des B&B, zählt rund 80 Lenze und setzt sich gern zum einen und anderen Plausch zu den Gästen, erzählt von den Anfängen ihres Kuebler Waldrip Hauses, während unter blauem Himmel auf der Terrasse am Haupthaus gefrühstückt wird. „Das Haupthaus ist 1870 aus Limestone und schweren Hölzern gebaut worden. Haus und Land gehörten ab 1870 bis 1974 erst Andreas und Katherine Pape, dann Willie und Olga Kraft. Beide Familien sind auch deutscher Herkunft. Wir haben 1974 die Immobilie gekauft.“ Wir, das waren sie und ihr Gatte Larry Waldrip. „Mein Mann ist verstorben“, so Margy. „Nun führe ich das B&B mit unserem Sohn Darrell. Deutsche Gäste wissen wegen der Namen sofort, dass unsere Familien Kuebler und Waldrip auch aus Deutschland kamen. Die Waldrips sollen aus Westfalen stammen.“
Mit spanischem Erbe
Aber Margy hat sich eher weniger dafür interessiert – „sondern mehr fürs Spanische, zumal Texas einst Teil von Mexiko war. Später wurden wir zur Republic of Texas mit der langen Grenze zu Mexiko. Seit 1845 sind wir der 28. Staat der United States of America. Deutsch spreche ich nicht, aber Spanisch. Ich habe die Sprache sogar unterrichtet. Ich war Lehrerin.“ Bis sie in den Ruhestand ging und das Kuebler Waldrip Haus zum B&B machte. Das war 1987.
Rustikales Wohnen im B&B Kuebler Waldrip Haus außerhalb von New Braunfels
Heuer hat ihr Betrieb zehn Gästezimmer, verteilt auf drei Gebäude im rustikalen Stil: das im Jahr 2000 neu erbaute Haus plus das Haupthaus von 1870 plus das dritte von anno 1847. Letzteres ist aus Holz, hat drinnen alte Dielen, die beim Betreten knarzen, und draußen eine geräumige, überdachte Veranda.
Schul-Zeit zumFaulenzen
Es dient als Ferienwohnung für Familien, hat moderne Bäder und eine voll ausgerüstete Küche mit allem Pipapo. Noch dazu hat das Holzhaus von 1847 eine besondere Geschichte. Denn es wurde als Schulhaus erbaut, die Schüler der ersten Siedler drin unterrichtet. Hinzu komme noch etwas, erzählt Margy. „Die Schule stand früher woanders, war zuletzt zu alt und klein geworden und stand 1990 zum Verkauf. Wir haben das einstige Schulhaus erworben und es aufwändig per LKW zu uns transportieren lassen.“
Gäste wohnen im Kuebler Waldrip Haus auch in diesem einstigen Schulhaus
Doch genug der neuen und alten Geschichten. Vor der Veranda werfen Laubbäume angenehme Schatten und lassen einen in einem Schaukelstuhl von anno dazumal versinken und schön faul vor sich hindösen.
Wichtige Websites und Infos
Allgemeine Informationen zu New Braunfels und Umgebung unter https://visitnbtx.com. Zur Erkundung von New Braunfels Historic District auch zu Fuß https://walkingtournewbraunfels.com. Details zu Krause’s Café https://krausescafe.com. Zum Metzgereibetrieb mit 180jähriger Tradition https://1845Meat.com. Zur Konditorei der Schwestern April und Ashley www.2tarts.com. Zum Ort Gruene, einst eine Ghost Town, unter https://gruenetexas.com. Speziell zur Tanzhalle Gruene Hall von 1872 https://gruenehall.com. Zum ruhig gelegenen B&B Kuebler Waldrip Haus www.kueblerwaldrip.com
Extra-Tipps zum Essen: Huisache Grill and Wine Bar, die internationale Tropfen, auch deutsche, und natürlich texanische serviert. Die Wine-List ist sehr gut sortiert. Seine Küche beschreibt das Restaurant mit 30 Jahren Tradition selbst zurecht als kreativ und bezieht seine Zutaten aus der Region. Köstlich sind seine frischen gegrillten Forellen, sein Spinatsalat oder die klassischen Sandwiches modern-leicht interpretiert. Steaks gibt es natürlich auch. Das Restaurant im kleinen alten Gebäude aus den 1930er Jahren mit Bar, Kamin und Terrassenbetrieb hat zeitlos-gemütliches Flair mit angenehm-intimer Atmosphäre drinnen wie draußen. https://huisachegrill.com
Gristmill River Restaurant & Bar, gegründet 1977 und in Gruene direkt am Ufer des Guadalupe River gelegen. Seine Location: die Überbleibsel einer Baumwoll-Mühle von 1878. Sein Erkennungszeichen: der alte Wasserturm. Flair und Kochstil: leicht rustikal – von großer Steak-Auswahl über frischen Fisch und Burger bis zu Salaten. Durch die Lage und seine Bauart wirkt es klein und verwinkelt, ist aber sehr groß. An Getränken gibt es Biere und Weine, auch aus Texas, aber gerade auch Sangria und Margarita. https://gristmillrestaurant.com
Gruene – das Restaurant Gristmill tischt am Ufer des Guadalope River Leckeres auf Foto Ulrike Wirtz
Der Ort Tignes auf 2.100 Meter gelegen. Höchster Punkt der Pisten knapp unterhalb der 3.456 hohen Gletscherspitze La Grande Motte, zugleich Endstation der Seilbahn. Die oberen Hänge auf 3.000 Meter Höhe regelmäßig von der Winterwetter-Fee mit 100, 150 Zentimeter Neuschnee bedacht. Im Ort selbst frische weiße Pracht – gern auch 100 Zentimeter und mehr. Da leuchten die Augen nicht nur von regelrechten Brettl-Freaks, sondern auch von denen, die Skifahren einfach mögen. Eine weitere gute Nachricht: Das Wintersportrevier Tignes ist heuer wie jedes Jahr früh dran gewesen – die Lifte laufen in Tignes seit 23. November. Seither heißt es Ski und Rodel möglich im mit Liften verbundenen Revier von Val D’ Isère, dem Nobelort Frankreichs für Wintersport und auf 1.785 Meter gelegen.
Tignes ist ideal fürs Üben und Fahren – für Groß und Klein Foto andyparant.com
Wenn Tignes und Val D‘ Isère ihr gesamtes Skiparadies öffnen, erwarten den Gast wieder insgesamt 300 Kilometer Pisten mit 159 Abfahrten für alle Stufen des Könnens auf zwei Brettern oder einem Brett; auf den Pistenplänen oder draußen im Schnee markiert von grün (einfach) über blau (mittelschwer) bis rot (schwer) und schwarz (nur Experten). Wer es gut kann, der überwindet bei seinen Sausefahrten imposante Höhenunterschiede von bis zu 1.900 Meter. Vom höchsten Skigipfel über den Ort Tignes, bekannt auch als Tignes Val Claret, geht es noch einige hundert Meter tiefer Richtung Tal – mit dem Ort Brèvières auf 1.550 Meter als Endstation fürs winterliche Treiben im Areal.
Hier lang oder da lang – die Reviere Tignes und Val D‘ Isère sind auch Teil der superben Skiareana Trois Vallées Foto andyparant.com
Das Gesamtrevier Tignes/Val D’Isère umfasst 3.680 Hektar hochalpines Gelände in den schönen Savoier Alpen nahe der Schweizerischen Grenze jenseits von Genf. Davon 480 Hektar markierte beaufsichtigte Pisten und 2.600 Hektar off-pist – unbewachtes Gelände also, in dem sich nur die wirklichen Könner aufhalten sollten, um im Tiefschnee auf Skiern und Snowboards ihre Zöpfchen in den Tiefschnee zu flechten oder um auf Touren durch das winterliche Hochgebirge zu streifen. Was für Möglichkeiten.
Mehr als nur Fun auf Skiern und Snowboard
Die lassen einen auch schnell vergessen, dass Tignes und Val Claret wegen ihrer Lage in luftiger Höhe keine natürlich gewachsenen Orte sind, die mit alter Tradition und gemütlicher Architektur als Schneeziele locken wie bekannt aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. In diesem Teil der Dreitäler – der Trois Vallées, wie die Region im französischen Teil der Savoier Alpen auch heißt und zu der noch Val Thorens und Meribel gehören – fing der Skitourismus erst in den 1960er/1970er Jahren an; zu Zeiten, als Jean Claude Killy das Maß aller Dinge unter den Skirennfahrern weltweit war. Mit Unterkünften damals in ultramodernen Hochhäusern, die später als unansehnlich galten.
In Tignes waren früher High-Riser angesagt, danach zog der Chalet-Stil ein Foto andyparant.com
Doch viele Bausünden aus den Anfängen ließ man hinter sich, bietet nun eine ganze Palette – vom modernen, umweltfreundlichen Komfort der Résidences Le Kalinda bis zur stilvollen Eleganz des Fünf-Sterne-Hotels VoulezVous. Ganz neu ab dieser Saison: das schicke Chalet Hôtel Quartz in Val Claret.
Und war anfangs lange nur Skifahren die Hänge und Pisten hinunter angesagt, werden nunmehr auch andere Winteraktivitäten geboten, auch für Kids. So frönen Free-Styler ihrem Brettlsport im eigens angelegten DC Park. Für Langläufer werden Loipen gespurt. Andere wiederum entspannen sich vom sportlichen Tun in dünner Höhenluft beim Schlittenfahren – das gilt für Große wie Kleine.
Schnee en masse am Weg in den hochalpinen Savoier Alpen Frankreichs Foto Tignes
Wieder andere nehmen als Fußgänger Lifte in die Höhe, genießen oben das Bergpanorama verschneiter Gipfel inklusive Mont Blanc, der höchste Berg Europas. Man relaxt oben ( und natürlich auch in den Orten unten) auf Terrassen unter blauem Himmel und genießt Lunch und/oder Drinks zum Après-Ski im Angesicht schroffer Gipfel mit und ohne Schneekuppen. Zum geselligen Treff lädt zum Beispiel auch die Berghütte Le Palet auf 2.431 Höhenmeter ein und das bei stimmungsvoller Live-Musik.
Besonders genüsslich blieb einem selbst vor Ort in Erinnerung, wenn nach der letzten Talfahrt ein leckeres heißes Gericht wartet – in Landesmanier am besten ein Fondu oder Raclette mit dem berühmten Käse der Savoier Alpen.
Anreise Per Auto zum Ziel geht es schön durch die Schweiz – am besten am idyllischen Lac d’ Annecy im hübschen französischen Städtchen Annecy vorbei. Der nächstgelegene Flughafen ist Chambéry rund zwei Auto-Stunden von Tignes. Alternativen: drei Stunden entfernt die Flughäfen Genf (Schweiz) und Lyon. Wer im Zug anreist, fährt bis zum Städtchen Bourg-Saint-Maurice und nimmt von hier für die 30 Kilometer bis Tignes Bus oder Taxi.
Lifttickets Hier einige Varianten. So kostet ein Skipass bis Weihnachten nur für das Skirevier Tignes 366 Euro für 6/7 Tage (bis 20.12.24). Der Skipass für die Skireviere Tignes/Val D‘ Isère zusammen kostet in der Zeit bei 6/7Tagen 426 Euro. Wer nur einen Tag das ganze Revier erkunden möchte, zahlt im gleichen Zeitfenster für den eintägigen Skipass 71 Euro. Der Fußgänger-Pass für Lift bzw. Gondel kostet in Tignes für einen Tag 26 Euro. Damit geht es hinauf zu höchstgelegenen Aussichtspunkten mit Blick auf den fernen Mont Blanc und den nahen La Passe.
Ausrüstung leihen Skier und Skistöcke sowie Snowboards, jeweils plus Ski-Stiefel können bei mehreren Anbietern vor Ort geliehen werden. Leihe ist schon vorab online möglich.
Schlechtwetter oder nach dem Skitag Dann gilt als Treffpunkt das Tignespace mit 3.500 Quadratmeter für Wellness und Fitness. Hier kommen bequem wieder alle Könner-Gruppen zusammen, auch die Kids, die tagsüber in der Skischule waren. Perfekt auch das Aqua-Center Le Lagon im Tignespace.
Unsere Autorin Ulrike Wirtz war für Lebensart-Reise.com vor Ort. Alle Fotos Ulrike Wirtz, außer anders vermerkt.
Die Hafen- und Universitätsstadt Charleston ist mit 150.000 Einwohnern für US-Verhältnisse klein – und gilt als großes Reiseziel. Das liegt am Historic District mit seiner Dichte schön restaurierter Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, mit schmucken Gärten und schattigen Alleen. Und dann die maritime Lage am Charleston Bay, einer Ausbuchtung des Atlantiks. Und obschon Charleston heute fast kleinstädtisch-idyllisch wirkt: Groß waren vor Ort Ereignisse zu Zeiten der Sklaverei – mit Folgen bis zur Gegenwart.
1. Tag früher Morgen – einstimmen mit Walk zum Bay
Der erste Morgen beginnt mit einem Spaziergang durch das historische Downtown – vorbei an hübsch restaurierten Wohnhäusern und Amtsgebäuden, an alten Gemäuern mit Hotels und Shops aller Art. Vieles ist echt alte Südstaaten-Architektur, erzeugt Beschaulichkeit und führt auf eine Zeitreise. Das Flanieren lässt sich genießen – über einladende Bürgersteige. Ziel: das Charleston Bay, an dem die Stadt liegt.
Flanieren und Häuser bewundern – diese zum Beispiel aus dem 18. Jahrhundert
Viel Attraktives im Historic District ist fußläufig zu erreichen, gerade auch von den zahlreichen Hotels im Viertel aus wie das Mills House Charleston, ein Boutiquehotel der Curio Collection by Hilton, die Bleibe meiner Wahl und seit 1853 Grand Hotel am Platze. Von außen kommt das Traditionshaus im blassen Pink wie typisch im Süden daher. Drinnen ist alles modern-elegant, auch die Zimmer und Bäder.
Das Mills House Hotel ging 1863 als Grand Hotel an den Start. Heute gefällt seine zeitlose Eleganz – nicht nur die in seiner Lobby
Das Mills House Hotel liegt zentral an der Ecke Meeting Street/Queen Street (St.), so dass es zum Bay-Ufer nur wenige hundert Meter Spaziergang sind – die Queen St. East immer geradeaus. An ihrem Ende wartet der fünf Hektar große Water Front Park und sein Pineapple Fountain: ein mehrstöckiger Brunnen in Form einer Ananas und beliebt bei Hochzeiten fürs Gelübde. www.visit-historic-charleston.com
Beliebt für Hochzeitsgelübde – der Pineapple Fountain im Water Front Park am Charleston Bay Foto Visit South-Carolina
Kein Wunder vor dem Panorama: Bay, sprich Wasser bis zum Horizont. Überhaupt die Lage: Das Bay fängt die Flüsse Ashley, Cooper und Wando River auf, die vom Binnenland im Norden kommend ins Bay münden. Die Stadt Charleston verteilt sich über eine grüne Halbinsel zwischen Ashley und Cooper River. Und wenige Seemeilen südlich der Stadt geht das Bay in den offenen Atlantik über. Die gute Lage ließ die Stadt im 17. Jahrhundert entstehen und prosperieren.
Einst Charles Town nach dem britischen König
Es begann damit, dass 1663 der britische König Charles seinen Freunden Land in den Südstaaten schenkte, auch genau am Ort. Einer davon – ein gewisser Ashley – schickte 1670 erste Siedler in die Übersee-Latifundien. Die Leute benannten den Fluss vor Ort Ashley River nach ihrem Landlord und besiedelten das heutige Stadtgebiet – benannt anfangs Charles Town nach dem König. Später wurde daraus Charleston. Zurück im Hier und Jetzt sind zu früher Stunde auf dem Wasser Boote von Fischern zu sehen, die ihrem Job nachgehen, und in Ufer-Nähe Regatta-Boote, die trainieren. Am Wasser nach rechts kommen Water St. und East Battery St. mit Wohnhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Hot Spots für Wohlstand, Sklaverei und Civil War
Weil die später Teil der City Tour, sind , heißt es nun links – parallel zum Bay über die Concord St. Richtung Charleston Harbor, einem großen Handelshafen. Zuvor kommt das Maritime Center mit einer Marina für Privatboote (bis hierher ab Mills House rund 1,6 Kilometer). An den Stegen der Marina sind Segel- und Motoryachten von klein bis groß fest gemacht, schaukeln leicht hin und her. Im Moment unvorstellbar, dass über das Idyll Hurrikans peitschen wie anno 1989 Hurrikan Hugo oder 1954 Hurrikan Hazel.
Paradies für Wassersport – Charleston am Charleston Bay und eine seiner Marinas
Von der Marina starten auch die Ausflugsboote der Charleston Harbor Tours und die Shuttles zur FestungsinselFort Sumter, ein Hot Spot des Civil War von 1861 bis 1865 zur Abschaffung der Sklaverei. Am Marine Center befindet sich auch das International African American Museum (IAAM) zur Geschichte der Sklaven und ihrer Nachfahren, die sich heute African Americans nennen. Da Befestigungsanlage und IAAM Ziele am 2. Tag sind, geht es nun wieder zum Hotel – bei Durst auf Kaffee oder Tee über die Kings St., wo zum Beispiel an der Nummer 387 ein Starbucks lockt und vieles andere mehr.
1. Tag ab zehn Uhr bis 12 Uhr – Ante Bellum Mansionmit Führung
Das nächste Ziel am Morgen: das Edmondston–Alston-House an der 21 East Battery St. zehn Geh-Minuten vom Mills House. Das einst private Stadthaus dient heute als Museum in Sachen Ante Bellum Pracht im Süden ab Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Civil War. Das lateinische Ante Bellum bedeutet „vor dem Bürgerkrieg“ und findet sich oft zur Einordnung von Ära und Architektur und markiert damit auch Sklaverei, Reichtum der Sklavenbesitzer und scharfe Zäsur. Das Edmondston–Alston-House hat Bay-Lage und öffnet täglich um zehn Uhr – außer montags ab 13 Uhr. Erbaut 1825, ist die Villa nur ein Beispiel von vielen in Charleston für den Pomp bei Architektur und Wohnqualität Ante Bellum.
Prunkvolle Stadthäuser waren Anfang des 19. Jahrhunderts Insignien des Wohlstands – auch wenn auf Kosten der Sklaven
Draußen begrüßt einen eine geräumige Terrasse mit breitem Vordach auf Säulen und mit Schaukelstühlen, typisch damals und immer noch ein Anblick, der Lust auf Müßiggang macht. In der Etage darüber Balkone wieder mit Säulen und Dach drüber. Drinnen schmücken das Haus antik-elegantes Mobiliar, üppige Gardinen, kostbares Porzellan, geschliffene Gäser, Besteck und Kerzenleuchter aus Silber und jede Menge Gemälde.
Fernrohr für schöne Aussichten auf das Charleston Bay
Guide Jeff zeigt auf sein Namensschild, da steht auch Chicago: „Da komme ich her. Aber mir gefällt das gute Wetter hier im Süden besser.“ Keine Frage: In Charleston erreichen die Temperaturen 23 Grad Celsius im Jahresdurchschnitt, über den Sommer spielend auch gut 30 Grad. Im Hinterland, wo die Brise vom Bay fehlt, ist es noch heißer. Jeff: „Daher leistete man sich Ante Bellum außer einem Mansion auf der Plantage oft auch ein Stadthaus, um vor der Sommerhitze zu flüchten. Und in der Stadt war mehr Entertainment.“ Film und Roman „Vom Winde verweht“ lassen grüßen.
Und noch ein schönes historisches Zuhause in Charleston
Auf den Plantagen in South Carolina drehte sich fast alles um den Reisanbau. „Und es ging um den Farbstoff Indigo. Und den Handel mit beidem“, so Guide Jeff. „Baumwolle und Zuckerrohr wuchsen bevorzugt in den benachbarten Südstaaten Louisiana, Alabama, Mississippi und Georgia.“ Und hier wie dort das gleiche: Die Plantagenbesitzer ließen vor allem aus Westafrika Menschen als Sklaven herbeischaffen und auf ihren Feldern schuften. Diese Großgrundbesitzer und Geschäftsleute, die unmittelbar oder mittelbar am Plantagen-Business mitverdienten, wurden reich und reicher. Man wohnte in den Städten oft als Nachbarn in den Städten – in den Vierteln des Geldadels. Bis der Civil War der Barbarei und dem Business 1865 ein Ende setzte: mit dem Sieg der Union der Nordstaaten gegen die Konföderierten der Südstaaten, die sich von den USA losgesagt hatten und weiter an der Sklaverei festhielten.
In South Carolina wuchs vor allem Reis auf den Plantagen
Guide Jeff kehrt bei seinem Erzählen zurück zum Edmondston–Alston-House: „Sein Bauherr war vor fast 200 Jahren Transportunternehmer Charles Edmondston. Der verkaufte sein Stadthaus 1838 an den Reis-Plantagenbesitzer Charles Alston.“ Daher der Doppelname. „Alston besaß sechs Plantagen außerhalb von Charleston. Viele Einrichtungsstücke von heute gehören original zum Haus. Alles andere stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde für den Museumszweck zusammengestellt.“ 6000 Square Feet, also fast 600 Quadratmeter, ist das Stadthaus groß und hatte ausreichend Platz auch für die damals größte Privatbibliothek weit und breit.
Kunst, Kultur und Mobiliar aus Europa gehörten zum guten Ton der Ante Bellum Ära – wie hier im Edmondston-Alston-House
Selbst für heutige Zeiten wirkt die private Bücherei groß – „Bildung schrieb man groß“ (der Guide). „Zum angesagten Lebensstil gehörten auch Reisen nach Europa. Und es war en vogue zu musizieren. So hielten es auch die Alstons.“ In den nächsten Zimmern stehen denn auch Piano und Harfe, herangeschafft damals wie das feine Mobiliar aus New York oder Europa. Im Esszimmer gibt’s einen Tisch zu bewundern: mit feinem Silber bestückt, Teetassen, Weingläsern aus Kristall. „Alles ist echt alt“, betont Jeff. Was seine Zuhörer hörbar beeindruckt: „Wenn der Tisch ausgezogen ist, passen 22 Leute dran.“ Wow. www.edmonstonalston.org
1. Tag über Mittag – Market St. und City Market Hall
Über Mittag bietet sich die Market St. an – wegen ihrer Lokale und Geschäfte und der historischen City Market Hall an der Ecke Market St./Meeting St. Der Markt besteht sein 1807 und hat neben Ständen draußen auch geräumige Verkaufshallen mit Ständen rechts und links – mit vielerlei Tinnef für Touristen. Ein Stand verkauft aber schicke Hüte der US-Kultmarke Stetson.
In der Markthalle wartet viel Tinnef, aber auch diese Hüte der US-Kultmarke Stetson
Das Hauptgebäude des Marktes ist ein von vier Säulen verziertes Gebäude, zu dem zwei schmale steile Treppen hinauf führen. Es erinnert an einen Tempel, wurde in der Tat einem Vorbild in Athen nachgebaut und zwar 1841. Damals beherbergte das Gebäude die Verwaltung des Marktes, heute ein Confederate Museum mit Waffen etc. und erinnert an die Verfechter und Verteidiger der Sklaverei. www.thecharlestoncitymarket.com.
1. Tag nach 14 Uhr – Stadtführung mit Guide
Auf Stadttouren mit professionellen City Guides gibt es den besten Überblick über die Alt-Stadt, ihre architektonischen Highlights sowie Historie und Histörchen. Unser Guide: Gordon von Bulldog Tours. Er macht seine Touren bevorzugt an Nachmittagen – „dann kühlt es sich schon wieder ab. Ihr wisst, es wird hier ziemlich heiß.“ Und betont, was unser Spaziergang am Morgen schon gezeigt hat: „Charleston hat viele schöne Ante Bellum Häuser, auch im Hinterland finden sich Mansions aus der Ära und können besichtigt werden. Das alles zieht viele Touristen an – auch die nahen Strände von South Carolina wie Myrtle Beach im Süden von Charleston oder Hilton Head Island im Norden. Meist kombinieren Besucher beides.“ Genau.
Mit Guide Gordon wandern wir durch lauschige Sträßchen an Wohnhäusern vorbei, die es schon Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts gab. Manche Sträßchen führen schön am Ufer entlang, haben manchmal noch das alte Kopfsteinpflaster vergangener Zeiten. Alles ist gepflegt. Hier blassgelbe Fassaden mit grünen Fensterläden, dort weiße Fassaden und Fensterläden in zartem Beige, hier Balkone aus kunstvoll geschmiedetem Eisen, dort ebensolche Zäune um Vorgärten und Grundstücke.
Mit Guide Gordon auf City Tour durch Charleston
South of Broad nennt sich die Gegend, war schon früher das Viertel für Reiche und Schöne und ist es auch heute. Der Guide: „Die Häuser aus dem 18. Jahrhundert sind Georgian Style und weniger üppig wie der danach angesagte Greek-Roman-Style. Alle sind Ante Bellum und stehen als Historic Landmarks unter Denkmalschutz. Und sie sind schnell einige Millionen Dollar wert.“
Nur ein Beispiel: das Heyward-Washington House in rotem Backstein an der 87 Church St.. Das ließ Reis-Farmer Daniel Hayward 1772 errichten. Den Doppelnamen trägt das Haus heute, weil 1791 US-Präsident George Washington drin nächtigte; einer der Gründervater der Vereinigten Staaten von Amerika, ihr 1. US-Präsident von 1789 bis 1797 und verehrt als Ikone der Demokratie, auch wenn Washington selbst einst als Plantagenbesitzer Sklaven beschäftigte, aber frühzeitig der Sklaverei abschwor.
Schattengestalt, aber nur als Statue im Park von Charleston: George Washington ist eine Ikone der US-Präsidenten bis heute
Weiter geht‘s zur Tradd St. und Bedons Alley, wo Wohnhäuser noch pompöser werden, auch sie renoviert, als Denkmäler geschützt und original Ante Bellum. Gordon: „Sie sind Greek-Roman-Revival. Der Stil kam rund 1830 in Mode und war en vogue bis zum Bürgerkrieg. Das galt für die Mansions auf dem Land wie für die Stadthäuser.“ Römisch-griechisch bedeutete vor allem mächtige Säulen und verzierte Kapitele – alles in Weiß, um dem Marmor der Antike zu entsprechen. Sie waren wohl aus Holz, nur weiß gestrichen. Die Säulen schmückten die Fronten und Terrassen vor und hinter den Häusern und auch das Innere der Hallen und Flure. Gordon. „Unsere alten Stadthäuser in Charleston haben oftmals größere Grundstücke mit Gärten und kosten dann oft noch einige Millionen Dollar mehr.“
Mein Baum, mein Bentley, mein Stadthaus in Charleston’s Historic District
Ein amtliches Gemäuer in dem Stil und regelrecht wuchtig ist das United States Custom Houseam Hafen 200 E Bay St. Es steht jedoch auch für eine andere Seite der damaligen Ära, weil nämlich schon lange vor Kriegsbeginn die politischen Zeichen auf Sturm standen. Gordon: „Denn mit seinem Bau wurde 1852, also neun Jahre vor dem Civil War, begonnen. Noch vor Kriegsbeginn ruhte die Baustelle wegen Geldmangels – bis 1879“. In dem Jahr wurde der Monumentalbau wieder in Angriff genommen und abgeschlossen und dient seither und bis heute seinem Zweck als Zollamt. www.bulldogtours.com
Ante Bellum angesagt – der Greek-Roman-Revival-Stil; hier das Zollamt der Stadt am Bay
1. Tagspäter Nachmittag – Mrs. Whaley’s Garden
Weil sich die Gärten der Ante Bellum Stadthäuser hinter Mauern und Hecken verstecken, empfiehlt sich folgender Abstecher auf eigene Faust: zur historischen Villa an der 58 Church St.. Denn hier steht Mrs. Whaley’s Garden jedem offen – gegen zehn Dollar Eintritt. Er ist offiziell der einzige seiner Art und das ganze Jahr geöffnet jeweils nachmittags von Donnerstag bis Sonntag. Die Anlage stellt sich heraus als feine Oase mit Brunnen und Wasserspeier, mit Blumenrabatten aus Rosen und Azaleen, mit schmalen Pfaden und Rasen. Hier Vogelzwitscher, da Bienensummen. Im Teich spiegelt sich kitschig-schön der Himmel über Charleston.
2. Tag morgens – der einstige Sklavenmarkt
Der 2. Tag in Charleston steht im Zeichen der Sklaven und des Krieges um ihre Befreiung. Der erste Weg führt zum einstigen Markt, an dem Sklaven wie Ware gehandelt wurden: der Old Slave Mart an der 6 Chalmers St. und ebenfalls im Historic Distric (350 Meter zu Fuß vom Mills House). Die Sklaven waren zuvor aus Afrika auf Galeerenschiffen unter unmenschlichen Bedingungen „angereist“. Sie gingen am Bay nahe heutigem Maritime Center von Bord und zogen die wenigen hundert Meter zum Markt – über die Jahrzehnte zu Tausenden. Das Entrée zum Old Slave Market ist damals wie heute ein steinernes Tor, danach folgt eine Art Galerie. Das Tor wurde 1856 in der Prunkarchitektur des Ante Bellum erbaut.
Dabei war die Sklaverei seit 1808 bereits gesetzlich verboten – vom Parlament der USA. Tonangebend waren hier die Nordstaaten, die Union, und schafften die Sklaverei ab. Die Südstaaten dagegen hielten weiter daran fest, schlossen sich daher als Konföderierte Staaten zusammen und sagten sich 1861 von den USA los. Um das Verbot durchzusetzen, begann im gleichen Jahr der Bürgerkrieg. Aber selbst dieser Civil War stoppte vorerst nicht die Sklaverei der Süd-Staatler quer durch den Deep South, auch nicht in South Carolina. Am Old Slave Markt wurden Menschen noch bis 1863 verkauft. Da tobte der Krieg schon zwei Jahr, bevor er 1865 mit einer desaströsen Niederlage der Südstaaten endete.
2. Tag vormittags – International African American Museum
Ein weiterer Ort des Erinnerns und ein Muss: das IAAM – siehe oben – am Marine Center. Aber anders als der Old Slave Mart ist es hochmodern, wurde 2023 – nach 20 Jahren Planungs- und Bauzeit – am Bay eröffnet. Sein Gebäude ist modern-schlicht, auch durch Fassaden in sandfarbenen Ziegelsteinen. Auffällig ist, dass der Bau auf 18 Säulen ruht. Sie sind vier Meter hoch und schützen vor Überflutungen vom nahen Bay. Drinnen warten diverse Hallen mit modernem Ausstellungskonzept.
Das neue IAAM erzählt die Geschichte von der Sklaverei und den Sklaven bis ins Heute
So erzählen Videos auf wandhohen High-Tech-Screens die Geschichten versklavter Menschen und ihrer Nachfahren, unterlegt das ganze mit Klängen ihrer alten Heimat und ihrer Musik bis heute. Fotografien und Schautafeln, auch interaktiv bzw. virtuell gestaltet, stellen geschichtliche Kontexte her und bringen den Betrachtern auch die Heimat der Vorfahren der African Americans näher; sowohl ihre Geografie als auch ihre Geschichte seit 300 v.Chr. bis heute.
Schautafel im IAAM zur unrühmlichen Rolle des Südstaats South Carolina
Fotografien, Dokumente, Bücher und Videos zeigen auf, wie Bürger afrikanischer Herkunft ihre neue Heimat seit Jahrhunderten mitgestalten und beeinflussen: kulturell, politisch, in der Musik, der Sprache, zudem auch bei der Kulinarik – bis hinein also ins tägliche Leben in den USA, wo sie vor 300 Jahren mit Gewalt unterjocht anlandeten. Zum Programm des IAAM gehören daher auch Wechselausstellungen mit Werken zeitgenössischer afro-amerikanischer Künstler. Und einzigartig: Nachfahren der African Americans können in einem großen Bereich im Museum systematische Ahnenforschung betreiben: mittels einer Fülle akribisch zusammengetragener Dokumente, auch von Soldaten unter den Sklaven, die als Freiwillige im Bürgerkrieg bei den Nordstaaten kämpften, nachdem ihre „Herren“ sie in die Freiheit entlassen hatten.
Aktivster Hafen einst für den Sklavenhandel
Warum genau hier das moderne Museum – an der 14 Wharfside St.? „Hier war einst das Schiffspier, wo Abertausende Sklaven an Land kamen“, betont Jamilah Frazier vom IAAM. Von hier ging es für viele weiter zum Old Slave Mart, um wie Ware versteigert zu werden. Oder sie wurden zu anderen Märkten der Südstaaten gebracht, um auch dort als Sklaven verkauft zu werden. Am Pier in Charleston landeten laut offizieller Statistik rund 40 Prozent der aus Afrika verschleppten Menschen an. „Damit war Charleston der aktivste nordamerikanische Hafen für den Sklavenhandel“, besagt eine Infotafel im Museum.
Den Ort der Ankunft in Unfreiheit markiert heute draußen am Museum ein Brunnen, um den herum steinerne Wege führen. Darin sind Mosaiken aus Muscheln eingelassen und stellen liegende Menschen dar. Jamilah Frazier: „Das erinnert daran, wie die Sklaven liegend – man muss sich das mal vorstellen – wie übereinander gestapelte Kisten unter Deck über Wochen angekettet transportiert wurden.“ Auch Bilder im Museum dokumentieren die grausamen Transporte, lassen einen erschüttert zurück.
Bodenmosaik am IAAM prangert die Barbarei gegenüber den Sklaven an
Noch mehr Symbole, noch mehr Mahnmale draußen am Gebäude auf seinen hohen Säulen. Hier ein Garten aus Süßgras und afrikanischen Palmen und mit Bänken zum Verweilen. Dort ein Feld von Stelen aus Metall – ähnlich den Stelen in Berlin, die dort an die Verfolgung der Juden im Dritten Reich erinnern. Aber doch auch nicht nur das, betont Jamilah. „Drinnen wie draußen verschmilzt alles beim IAAM zu einer Erinnerung an das dunkle Kapitel der US-Geschichte. Zugleich wollen wir ein Ort der Hoffnung sein und zeigen, was die früheren Sklaven bis heute alles bewegt haben.“
Mahnmal aus Granit soll auch ermutigen – mit „I Rise“ – „Ich erhebe mich“
Hinter der Granitmauern kauern Gestalten – erinnern an Abertausende Sklaven
Genau die Botschaft vermittelt auch die große Skulptur aus schwarzem Granit, bestehend aus zwei langen Mauern, die zusammen einen Gang bilden. Der Granit der Mauer außen ist matt und innen poliert wie ein Spiegel. Man kann durch den Gang gehen, vorbei an Statuen in Weiß. Sie stellen Menschen in geduckter Haltung dar. Aber außen an den Mauern steht in Stein gemeißelt: „I Rise“. Ich erhebe mich. https://iaamuseum.org
2. Tag ab Mittag – Bootstour nach Fort Sumter
Im Meer vor Charleston wartet mehr große Südstaaten-Historie zur Befreiung der Sklaven. Dafür geht es per Boot nach Fort Sumter – heute Gedenkstätte und Teil eines National Monument und National Park. Genau am Fort hat nämlich der Bürgerkrieg offiziell begonnen: am 12. April 1861. Der Ausflug hierher startet nahe IAAM ab Maritime Center und beginnt anders als einst für die Soldaten für unsereins heute mit Sightseeing. So passiert das Boot das Pier der Kreuzfahrt-Schiffe. Den Flugzeugträger USS Yorktown – ein schwimmender Gigant von 266 Meter Länge, 1940 in Dienst gestellt und seit 1970 im Hafen von Charleston als Museumsschiff vertäut.
Am Weg nach Fort Sumter liegt der einstige Gigant der Marine am Kai – die USS Yorktown – und dient heute als Museum
Fährt vorbei an Frachtschiffen, die vielleicht gar deutsche Automarken (BMW produziert in Spartanburg/South Carolina und Mercedes in Montvale/Georgia) transportieren. Und Delphine kreuzen den Weg, drehen sich wie bei einem schön anzusehenden Tanz raus aus dem Wasser und wieder rein, wieder raus und rein – fast wie bestellt. 150 solcher Bottle Nose Dolphins sollen im Bay zu Hause sein.
Das Fort kommt in Sicht, sein Bootsanleger näher. Ein Park Ranger begrüßt am Eingang die neue Besuchergruppe. Dienst heuer hat laut Namensschild Robert Reinhard. Nach kurzem Welcome zählt er Fakten und mehr Erhellendes zur Befestigungsanlage auf: erbaut 1860 auf einer befestigten Sandbank am Übergang vom Bay in den Atlantik. Benannt nach Thomas Sumter, ein General im Unabhängigkeitskrieg gegen England. Militärisch genutzt bis 1948. Seither Teil des Fort Sumter National Monument. Ranger Robert: “Weitere Info findet Ihr unterwegs auf Infotafeln. Zudem gibt es hier ein Museum mit Fotos, Landkarten, Bauplänen und alten Kanonen. Und seht Euch den Film an – er lohnt sich.“ Und: Man könne sich nicht verlaufen, alles sei zugänglich, wenn nicht explizit verboten. „Und verpasst nicht die Rückfahrt.“
Ranger Robert begrüßt Gäste am Fort Sumter – im Civil War Ort des ersten Angriffs
Fort Sumter ist heute National Monument und National Park
Auf eigene Faust geht es also durch das Fort und auf seine hohen Mauern hinauf: Dafür gilt es, steile Treppen zu erklimmen. Oben auf einer Art Plattform angekommen, wartet ein 360-Grad-Panorama übers Meer wie zu Zeiten der Schlacht vom April 1861. Was damals geschah: Die Unions-Truppen hatten das Fort gebaut und harrten hier in Vorbereitung des Krieges gegen die Konföderierten Truppen aus. Als den Unionisten der Nachschub ausging, machte sich für sie schlagkräftige Hilfe auf den Weg.
Angesichts dessen eröffneten die Konföderierten das Feuer auf das noch geschwächte Fort, setzten es in Brand und brachten die Unionisten am 13. April zur Aufgabe. Denn deren Pulvermagazin drohte zu explodieren. Doch so erfolgreich blieben die Sklavenhalter nicht und mussten sich am 9. April 1865 weiter nördlich im Bundesstaat Virginia ergeben. https://fortsumtertours.com
3. Tag vormittags – das Gibbes Museum of Art
Zum Ausklang dreht sich alles um die schönen Künste im Gibbes Museum (135 Meeting St). Sein Gebäude von anno 1905 beeindruckt in der eleganten Architektur der Beaux Art. Das heißt, alles, auch seine Säulen, sind filigraner als beim zuvor angesagten Greek Roman Revival. Drinnen sind gut 10.000 Kunstwerke aus vier Jahrhunderten ausgestellt, viele davon Gemälde mit Bezug zur Region. Sie stammen teils von „alten Meistern“ aus der Gegend. Darunter vor allem Jeremy Theus, geboren 1716 als Jeremiah im Schweizerischen Chur, verstorben 1774 in Charleston und berühmt als Maler von Porträts, die sogar das weltberühmte Metropolitan Museum of Art in New York zeigt.
Zeitgeschichte und auch spannend anzusehen: Fotografien vom Ende des 19. Jahrhunderts. Sie zeigen auch die Zerstörungen in der Stadt durch ein heftiges Erdbeben von 1886. Andere lassen gut erkennen, wie seither Charleston wieder auferstanden ist – als internationales Ziel am Bay mit viel mehr als Kleinstadt-Beschaulichkeit. www.gibbesmuseum.org
Das Hotel Mills House Charleston liegt zentral im historischen Distrikt, gefällt drinnen durch Eleganz und draußen durch große Terrasse mit Bar, mit Pool und Cabanas. www.millshousehotel.com; www.hilton.com
Extratipps Essen – Bintu Atelier Der Einfluss der African Americans auf die Kulinarik zeigt sich an der Gullah Geechee Cuisine. Wobei Gullah auch der Name der Sprache ist, die von den versklavten Afrikanern einst nach ihrer Ankunft in der neuen Welt entwickelt wurde. Die sprechen sie teils auch noch heute. Typische Gullah Geechee Speisen kredenzt Küchenchef Bintu im Cottage namens Bintu Atelier. Das Hauptgemüse ist Okra. Zum Reis gesellen sich Meeresfrüchte wie Krebse und lokaler Fisch gegrillt oder frittiert. www.bintuatelier.com
Leon’s Austern und Geflügel sind die Spezialitäten im Lokal, dessen ganzer Name Leon’sFine Poultry and Oysters selbiges besagt. Aber Locals sagen nur kurz Leon’s zur Location an der 698 King Street in einer einstigen Autogarage. Das Erbe wird gepflegt durch offen zur Schau gestellte Eisenträger.
Zucchini mit Sesam gehört zur Südstaaten-Küche
Der Laden ist riesig und brummt – wegen gebratener Hähnchen, roher frischer Austern und Shrimps, jeweils mit leckeren Saucen, wegen Sandwiches mit Chicken, mit gegrilltem Fisch oder gebackenen Austern. An Drinks kredenzt Leon’s Weine aus alter und neuer Welt, Biere national wie international und Cocktails. www.leonsoystershop.com
Charleston ist als kleinere Stadt ein Ort sogenannter Dive Bars, was in deutschen Landen so viel meint wie Kneipe um die Ecke. Das besagt nicht, dass eine Dive Bar in Charleston ein kleiner Laden ist. Aber es heißt meist: bis 2 am – also weit nach Mitternacht – geöffnet. Eine Auswahl:
A.C.’s Bar & Grill,467 Kings St.; www.acsbarcom. Burn’s Alley Tavern, 354 King St.; https://Burnsalley.com. Local 616, 616 Meeting St.;www.charlestonguru.com. Recovery Room Tavern, 685 King St.; www.recoveryroomtavern.com. The Griffon, 18 Vendue Range; www.griffoncharleston.com
Die Welt der Dive Bars, bei uns Eckkneipen genannt – hier die Recovery Room Tavern in Charleston
Kleidung und Wohnliches einzukaufen ist das eine. Noch dazu am gleichen Ort den Prozess des Entwerfens, der Materialauswahl oder Materialaufarbeitung mit zu erleben, das ist das andere. Solche Kreativ-Shopping-Events bei den Designern eröffnet Arnheim, die südholländische Stadt am Nederrijn nahe der deutschen Grenze. Denn hier am Sitz der tradierten Akademie der Künste ArtEZ wartet ein so auch heißendes „Modekwartier“ mit 60 Studios und Shops individueller Macher von Mode, Taschen und Wohn-Accessoires. Noch dazu mit Fokus auf Nachhaltigkeit – anders also als das, was als Fast-Fashion um die Welt kreist. Auch hat das Arnheimer Mode-Viertel so gar nichts von Glamour oder Exaltiertheit, wie beides der Branche oft zugeschrieben wird.
Vielmehr draußen relaxtes Flair, während sich drinnen in Sachen Mode gutes Design mit handwerklichem Können vereint. Die Besucher finden sich nämlich nicht weit von den Ufern des Nederrijn in einer typischen Alt-Holland-Beschaulichkeit wieder. Hier verteilt sich schön fußläufig das Modekwartier in einem Gewirr enger Straßen mit oft kleinen Wohnhäusern und kleinen Handwerksbetrieben aller Art wie typisch in Wohnvierteln. Das Flair verstärken Cafés und Restaurants wie das Goed Proeven im historischen Gebäude, in dem einst die Post residierte.
Auch nachhaltig: neuer Zweck für altes Gebäude – Restaurant Goed Proeven im einstigen Postkantor (alle Fotos Ulrike Wirtz, soweit nicht anders vermerkt)
Das Modekwartier begann 2006 als Projekt zur Stadtentwicklung und wurde von der Politik gefördert mit dem Ziel, individuelle kleine Studios und Ateliers nahe Zentrum anzusiedeln. Das ist knapp 20 Jahre her und gelungen.
Designer-getrieben und nachhaltig-ambitioniert
Inzwischen ist das Kreativ-Quartier das ganze Jahr über busy und das gerade auch in den Wochen bis Weihnachten und alljährlich im Juni mit einem Monat voller Events zu Mode, Design und Kultur, genannt Modemaand. Um nur einige etablierte Fashion-Designer zu nennen: das Schneideratelier Aarden mit Mode für sie und ihn, das auch vegane Maßanzüge offeriert.
Veganer Anzug des Ateliers Aarden – sein Chef Erik Toenhake, gelernter Biologe, geht nachhaltige Wege
Oder Begane Grond mit den Studios Net-A und Angel Hard, die beide Neues aus Getragenem schaffen.
Begane Grond steht für die Macherinnen Annet Veerbeek und Mirte Engelhard
Oder das Studio von Elsien Gringhuis, die Hochwertiges zum angemessenen Preis in Kleinstmengen fertigt.
Im besten Sinn klassisch – Modeschöpferin Elsien Gringhuis schafft Zeitloses
Oder Fraenck: Das Taschen-Studio schafft aus Gebrauchtem wie ausgemusterten Stoffen und Filzen von Möbelherstellern und aus Kunstleder schicke Handtaschen, Rucksäcke und Shopper. Das Studio ist als Vegan-Betrieb zertifiziert, daher eben nur Kunstleder.
Fraenck macht schicke Taschen aller Art aus Kunstleder und Filz, also vegan
Studio Hul le Kes
Der Besuch im Studio Hul le Kes zeigt exemplarisch, wie in diesem kreativen Kosmos in Arnheim der besondere Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt wird. Unter der Marke Hul le Kes macht ein Männer-Duo Mode für „m/v/x“ und legt dabei Wert auf neue Paradigmen für ihre Kreationen. Das Duo sind Sjaak Hullekes und Sebastiaan Kramer; ersterer der kreative Part und das Gesicht nach außen, letzterer studierter Designer, zudem der Mann für Strategie und Zahlen.
Das Duo hinter der Modemarke Hul le Kes – Sjaak (li.) und Sebastiaan Foto Scott van Kampen Wieling
Die zwei und ihr Hul-le-Kes-Team schaffen Nachhaltiges in minimalistischem Design, indem sie zum Beispiel aus ehemaligen Bettlaken hochwertige Hemden und Blusen schneidern oder aus einstigen Wolldecken Jacken und Mäntel für Herbst und Winter. Zudem fabrizieren sie Mode aus Kaschmir und Baumwolle für Kinder im Babyalter, machen aus Wollstoffen Taschen und Wohn-Accessoires, etwa Kissen. „Mehr als 95 Prozent unseres Materials diente zuvor anderen Zwecken“, so Sjaak von Hul le Kes.
Mode made in Arnheim – ein Blick in den Hul le Kes-Flagship-Store Foto Scott van Kampen Wieling
Alles ist im internationalen Jargon der Branche up-cycling, also gute Qualität in Schnitt und Stoff – „with Focus on Character“, so Sebastiaan. Up-cycling heißt gerade auch: „Wir arbeiten bei den Bettlaken zum Beispiel nur mit altfranzösischem Leinen. Das finden wir in Holland und Deutschland und natürlich vor allem in Frankreich“, so Sjaak. „Und die Wolldecken sind handgemacht und kommen meist aus Holland.“ Das Duo setzt auf Klasse, kombiniert mit Nachhaltigkeit, so dass ihre Mode made in Arnhem im mittleren bis hohen Preis-Segment liegt.
Sjaak zeigt, was bei Hul le Kes durch Up-Cycling entsteht – zum Beispiel elegant-rustikale Wolljacken
Unter der Modemarke Hul le Kes werden Kollektionen von der Tunika über Mäntel bis zu Kleidern, Röcken, Hosen und Tops entworfen und geschneidert. Ihre Größen reichen von null bis fünf, passen und getragen werden soll alles über Geschlechter hinweg. Der Name steht zudem für Maßgeschneidertes nach Kundenwunsch, sogar mit eigenem Material der Kunden. Hul le Kes fertigt teils auch „made to order – das heißt, Stücke werden erst nach dem Kauf komplett nach Kundenwunsch gestaltet. So vermeiden wir Überproduktion und Wegwerfartikel“, so Sjaak.
Made in Arnheim für internationale Kunden
Das Duo zeigt seine Stücke international an renommierten Fashion-Adressen in Paris, Florenz und Düsseldorf und hat Handelspartner in Boutiquen von Rotterdam über Zürich bis Tokio und Kapstadt. Sie selbst verkaufen an Endverbraucher in ihrem Hul le Kes-Flagship-Store in einer einstigen Werkshalle in Arnheim und über ihren Online-Shop in Europa und bis nach USA. Und es gibt nicht jede Saison eine neue Kollektion. Zur Philosophie gehört, dass sie Materialien selbst umfärben und dabei experimentieren – „umweltschonend mit Naturstoffen, seien es Zwiebel, Nüsse und ähnliche Naturwerkstoffe“ (Sebastiaan).
Nachhaltig und mit Ethos bei der Arbeit
Überdies bieten sie Flick- und Änderungsservice an. Diese Arbeiten erfolgen im auf den ersten Blick überhöht genannten Recovery Studio. So heißt es, weil Recovery auch die Erholung von Menschen meint. Denn Sjaak und Sebastiaan setzen sich auch für soziale Komponenten ein, indem sie sozial Schwache, die etwa ein Burnout erlitten haben, im Handwerklichen anlernen. „Das geschieht bei uns als Safe Space. Das heißt, die Betreffenden arbeiten ohne Leistungs- und Termindruck“, so Sjaak, von Haus aus studierter Sozialarbeiter. „Dafür kooperieren wir mit anerkannten Sozialorganisationen. Das Soziale gehört zu unserer Philosophie von Nachhaltigkeit und Ethos.“
Hul le Kes verwendet fürs Färben Naturstoffe
Um das Handwerklich-Individuelle jedes einzelnen Stücks der Modemarke Hul le Kes zu betonen, haben Sjaak und Sebastiaan ein originelles Markenschild erdacht. Das informiert zur Herkunft des Produkts aus ihrem Haus, enthält Angaben, woher sein Material kommt oder wann das Teil fertiggestellt wurde. Das Schild ähnelt optisch einem Pass – nur dass es an einem Bändchen am Produkt befestigt ist.
Sjaak prüft Wollballen in der Schneiderei
Und was passiert, wenn jemand genug hat von seinem Modestück? Sjaak: “Der kann es uns zurückgeben. Wir machen wieder etwas Neues daraus, halten damit also den Lebenszyklus des Materials so langlebig wie möglich.“
Websites und weitere Info
Die Geschäfte und Studios liegen auf der gleichen Seite des Nederrijn wie der Hauptbahnhof Arnhem Centraal und sind von dort gut zu Fuß, per Bus oder Leihfahrrad erreichbar. Details zum Modekwartier und seine 60 Studios und Shops, zu Adressen, Anfahrt und Öffnungszeiten www.modekwartier.nl. Die quasi garantierten Öffnungszeiten: donnerstags bis sonntags; einige Geschäfte öffnen an weiteren Tagen.
Die genannten Studios/Ateliers: Aarden, Sonsbeeksingel 147, @aarden_responsible_wear; www.aarden.space. Begane Grond – Studios Net-A und Angel Hard, Klarendalseweg 476, www.net-a.nl. Elsien Gringhuis, Klarendalseweg 182, @elsiengringhuis, www.elsiengringhuis.com. Fraenck, Beekstraat 30, www.fraenck.com, @fraenck www. Hul le Kes, Wezenstraat 5, www.hullekes.com/hul-le-kes-store
Arnheim positioniert sich als Zentrum der Mode in Holland – auch durch die Initiative „Mode Partners 025“: eine Zusammenarbeit im Bereich Kreativer Kunst und Industrie von Museum Arnheim, Universität der Künste ArtEZ, Rijn Ijssel Creative Industry sowie State of Fashion und Fashion+Design Festivals Arnhem. Ihr Fokus liegt auf nachhaltiger und fairer Textilmode und Forschung und Entwicklung dazu auch auf internationaler Ebene https://stateoffashion.org.
Hoteltipp: das Fünf-Sterne-Hotel Haarhuis am Bahnhof, weil zentral gelegen und schick-relaxt bei Ambiente und Atmosphäre . Es wird gemanagt von Best Western und geht zurück auf das einstige Koffiehuis der Familie Haarhuis von 1918 am gleichen Ort.
Nahe Bahnhof und relaxte Atmosphäre – das Hotel Haarhuis, hier die Lobby
Mit Rooftop-Bar Blou; mit der Wein- und Whiskey-Bar Storage im Keller; dem Restaurant Locals mit üppigem Kräutergarten, dem etliche klimatisierte Glas-Container als Gewächshäuschen dienen; und natürlich mit dem Café Hoek für Coffie und Patisserie. https://hotelhaarhuis.nl
Der neue Park ist eine Traumlandschaft im Süden Hollands in der Provinz Noord-Brabant – und eine Hommage an den weltberühmten holländischen Maler. Der wurde hier in einem kleinen Dorf geboren und entdeckte später hier seine Affinität zum Malen.
Landschaft wie gemalt im neuen Van Gogh Nationalpark Foto Visit Brabant
Das geschah auf seinen langen Wanderungen durch die Natur und die Weiler. Zu Noord-Brabant gehört noch heute ein Potpourri ausgedehnter Wälder, Wiesen und Bäche und vitales Bauernland, gehören prächtige Landgüter und idyllische Orte. All das macht den Van Gogh Nationalpark aus und wird flankiert von den Städten S’ Hertogenbosch, Helmond, Eindhoven, Tilburg und Breda.
Alte Kultur im neuen Nationalpark und Teil moderner Naturparkkonzeption – genannt Niewe Stijl Foto Visit Brabant
Im Gebiet warten 46 Van-Gogh-Denkmäler auf Erkundung und zeigen auf, wie der berühmte Vincent van Gogh seine Heimat, das Landleben und die Leute bei der Arbeit in den Feldern und andernorts erkundete und in seinen Werken verewigte. Auf Van Goghs Spuren – im neuen Van Gogh Nationalpark – lässt sich gut zu Fuß oder per Fahrrad auf insgesamt 435 Kilometer wandeln. Am Weg liegen Motive des Meisters, die er suchte und fand. Oder es geht zu lokalen Museen wie dem Noordbrabants Museum, das Originale des berühmten Malers ausstellt. Oder es gibt die Opwettense Wassermühle im Ort Nuenen zu bestaunen, die Van Gogh einst malte. Alles ist gut zu finden, denn die Attraktionen sind ausgeschildert, die Fiets-Routen und Wanderwege markiert.
De Niewe Stijl als Gesamtkonzept
Aber der neue Nationalpark ist viel mehr als das. Die Verantwortlichen nennen das „Niewe Stijl“ und den neuen Park sein internationales Aushängeschild. Dabei geht es um Gesamtkonzepte von Gebietsentwicklungen, auf dass eine gute Lebensumgebung für Mensch, Pflanze und Tier entsteht.
Blick aus der Vogelperspektive bis nach Eindhoven Foto Hans Avontuur
Das bedeutet konkret: Ein Park im neuen Stil besteht nicht nur aus Naturschutzgebieten und schöner Landschaft, sondern in seinem Umfeld sind Wirtschaft und Gesellschaft mit der Natur und der Biodiversität in Einklang zu bringen.
Alle Player in einem Boot
Einbezogen sind die wirtschaftliche Entwicklung, der Wohnungsbau und eine vitale Landwirtschaft. Das alles soll als Mehrwert Natur, Wasser und Vielfalt von Flora und Fauna stärken. Den ganzheitlichen Ansatz verfolgt das dafür zuständige Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei, Ernährungssicherheit und Natur, kurz LVVN, und involviert alle möglichen staatlichen und nichtstaatlichen Stellen wie Unternehmen, Landwirte und Naturschutzorganisationen.
Beim neuen Van Gogh Nationalpark steht Niewe Stijl zum Beispiel dafür, das Gebiet bis in die Herzen der Städte in seinem Umfeld – siehe oben – zunehmend zu begrünen. Der neue Stil steht zum Beispiel dafür, im Einzugsgebiet des Van Gogh Nationalparks 1.000 Kilometer an Hecken, Teichen und Bäumen anzulegen, auch auf Bauernland, am besten in Kombination mit Wanderwegen, die auch über Bauernland führen dürfen.
Des Wanderers Lust, zugleich Hommage an Van Gogh – der neue nach ihm benannte Nationalpark Foto Visit Brabant
Dieser grüne Faden wird sich durch alle Aktivitäten im Park und von dort bis in die Städte hinein ziehen. Das alles ist im neu ernannten Nationalpark Work in Progress. Doch schon jetzt können Besucher vor Ort Natur und Kultur genießen.
Alljährlich – seit 2002 – öffnet die Dutch Design Week in Eindhoven ihre Tore. Heuer vom 19. bis 27. Oktober. Und wieder pilgern an Form & Function Interessierte aus aller Welt in die holländische Universitäts- und Wirtschafts-Metropole. Die Dutch Design Week, kurz DDW, bietet Ausstellungen mit Vorführungen von Experimenten für interessierte Laien und genauso Vorträge und Talk-Runden für Design-Profis zu beruflichen Perspektiven. Auf der internationalen Plattform für innovatives und richtungsweisendes Design stellen sich verschiedenste Bereiche vor, ob nachhaltige Stoffentwicklungen auf Recycling-Basis oder Avantgarde-Formsprache für Dinge des Alltags. Die Rolle von Design wird analysiert und diskutiert, Expertisen werden ausgetauscht – sowohl in technischer Hinsicht als auch zu Effekten auf die Umgebung und die Gesellschaft.
Design-Metropole Eindhoven durch Campus und Historie. Gekonnt auch das architektonische Nebeneinander von alt und neu Foto Ulrike Wirtz
Der Anspruch der DDW an sich selbst ist hoch, getrieben durch die Design Academy Eindhoven, durch den High-Tech-Campus der Eindhoven University of Technology und durch die Tradition der Stadt mit ihrer Technik-Historie. Hier in der ländlichen Provinz Brabant in der Stadt Eindhoven hatte vor allem einst Philips seinen Sitz, entwickelte sich zum internationalen Elektrik- und Elektronik-Konzern und legte den Grundstein für den heutigen Status als High-Tech- und Design-Schmiede. An Philips erinnert manches, am sichtbarsten das Klokgebow, eine frühere Werkshalle von Philips. Denn nach wie vor thront von weithin sichtbar auf dem Gebäude das Firmen-Logo, darunter die alte Uhr; und beides scheint über das einstige Werksgelände rundum zu wachen, auf dem nun Wohnungen entstanden sind und entstehen, flankiert von schicken Shops und Lokalen. Das alles bildet den trendigen Distrikt namens StrijpS. Und genau hier hält die DDW ihre neuntägige Veranstaltung ab, auch in den Hallen des Klokgebow.
Klokgebouw – einst Werkshalle von Philips, heute ein Hot Spot der DDW als Show-Room und mehr Foto Ulrike Wirtz
Zu den Besuchern gehören alljährlich neben interdiszplinären Design-Profis deren Berufsorganisationen sowie privat an künftigem Design Interessierte. Ihnen präsentieren sich moderne Form- und Function-Lösungen und neue Denkschulen. Dabei geht es der DDW ausdrücklich auch um eine bessere Zukunft und den dafür nötigen Wandel. Hier einige Beispiele von Programmpunkten, was es zu sehen und zu entdecken gibt: zum Beispiel unter dem Punkt Living Environment innovatives Mobiliar und Installationen für den Garten, hergestellt aus recyceltem Abfallmaterial. Oder unter dem Punkt Thriving Planet eine Kooperation zwischen Designer und Natur, um dem urbanen Hitzestress zu begegnen. Oder unter dem Punkt Pokka eine Chrom-Kreatur, die aufzeigt, wie sich die menschliche Verbindung aus digitaler Welt und evolutionärer Empathie fortentwickelt.
Übernachtungstipp: das Hotel Pullman Eindhoven Cocagne in zentraler Lage mit angesagter Bar, schickem Interieur und gutem Service. https://www.pullman-eindhoven-cocagne.com
Lokaltipp: das frühere Energiehaus von Philips und nun das für seine französisch-deutsche Küche bekannte Restaurant Radio Royaal. Sein Ambiente ist Industrie-Design pur der alten Zeit, verteilt auf 1300 Quadratmeter. https://radioroyaal.be
Gut essen, wo einst Energie erzeugt wurde – Restaurant Radio Royaal nahe Klokgebouw Foto Ulrike Wirtz
Was noch mehr: Eindhoven bietet Kultur und Shopping, auch jenseits des Department Store de Bijenkorf an der Piazza 1 in Downtown. Allein die Fassade des modernen Gebäudes in kunstvoller grüner Keramik lohnt den Besuch, gilt sie doch als ein Wahrzeichen der Stadt und als Symbol moderner Architektur. Drinnen hält der Bijenkorf hochwertige internationale Marken an Mode, Kosmetik etc. vor.
Mit grüner Keramik-Fassade1962 errichtet als Symbol der Moderne – das Warenhaus de Bijenkorf Foto Ulrike Wirtz
Der Afsluitdijk in Nordholland entstand 1932 als Jahrhundertprojekt niederländischer Ingenieurkunst und schützt seither das Land vor Flutkatastrophen durch die Nordsee. Nun wird am Abschlussdeich mittels modernen Technik- und Natur-Know-how ein neues Wunder vollbracht, das die Fischwanderung wieder ermöglicht wie vor dem Bau des Damms. Besucher können das ganze bestaunen.
Vismigratierivier NL als weltweites Pilotprojekt
Chris Bakker ist in seinem Element, wenn er über sein Großprojekt am Afsluitdijk im Norden Hollands spricht. Der Abschlussdeich wehrt brachiale Flutwellen der Nordsee ab, seit er 1932 am Übergang von Nordsee und Zuiderzee, damals eine Ausbuchtung der Nordsee gen Süden, gebaut wurde. Mit dem Damm wurden Nordsee und Ausbuchtung getrennt, die Zuiderzee wurde Binnensee und umbenannt in Ijsselmeer. Das Ziel des neuen Projekts: „Wir bringen die Fischwanderung zurück, wie sie vor dem Bau des Afsluitdijk war“, so Bakker. Das Projekt heißt Vismigratierivier NL und ist ein Projekt der Provinz Friesland. Und Chris Bakker, Direktor der friesischen Naturschutzorganisation IT Fryske GEA, verantwortet das Vorhaben.
Chris Bakker wacht für die Naturorganisation IT Fryske GEA über die neue Fischwanderhilfe am Afsluitdijk Foto Merel Tuk
Durch den Vismigratierivier NL sind auch die Fische wieder in ihrem Element. Das wortwörtlich und zwar konkret Aale, Lachse, Flundern, Meeresforellen, Stichlinge, Störe und weitere Arten. Denn die sind durch die Evolution „Wandervögel“. Das heißt: Sie wechseln zwischen Salzwasser – Meer – und Süßwasser – Flüsse und Seen – hin- und her. „Für diese Fische haben wir einen Wasserweg mitten durch den Afsluitdijk gebaut, damit sie wieder wandern können – von der Nordsee pbers Wattenmeer ins Ijsselmeer und in die verbundenen Flüsse wie Rhein und Maas und retour.“ 250 Mio. Fische, so Bakker, werden pro Jahr den Weg machen.
Die meisten Wanderfische konnten 90 Jahre nicht mehr von der Nordsee ins Ijsselmeer und zurück schwimmen, weil der Afsluitdijk das verhinderte Foto Ulrike Wirtz
Initiatoren des Vismigratierivier NL sind neben der IT Fryske Gea etwa Waddenvereniging, NetVis Werk oder Sportvisserij Nederland. Finanziers unter anderen die Provinzen Friesland und Nord-Holland, der Waddenfonds, die nationale Postcode Loterij etc. Realisiert wird das Naturprojekt im Rahmen eines Gesamtprojekts rund um den Afsluitdijk, für den das Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft bzw. seine Organisationseinheit Rijkswaterstaat zuständig ist, die auch weitere Wassermanagement-Bauwerke betreut
Aale, Lachse und andere Fische brauchen Salz- und Süßwasser für Leben und Fortpflanzung
Die Kosten des Gesamtprojekts: 55 Mio. Euro. Dazu gehört De Nieuwe Afsluitdijk mit baulichen und technischen Maßnahmen am Bollwerk, um es für den Klimawandel und damit einhergehende höhere Wasserstände fitzuhalten. Etwa in Form eines neuen Rolltors von 52 Meter Länge, das als zusätzliche Absicherung ausfährt, wenn von der Nordsee immer mehr Wassermengen Richtung Ijsselmeer drücken.
Für paradiesische Zustände wie vor den 1930er Jahren steht der neue Vismigratierivier NL Foto Merel Tuk
Der Grund für das ökologische Projekt der Provinz Friesland: Die Migration der Wanderfische hat der Afsluitdijk seit gut 90 Jahren größtenteils bis ganz verhindert – mit Folgen bis in die Anrainer-Staaten Deutschland und Schweiz, wo bekanntlich der Rhein entspringt. Wirkt das Bauwerk nicht mehr als derartige Barriere, passiert alles wie früher: Die Wanderfische leben in der Nordsee, aber laichen im Süßwassergefilde Ijsselmeer und den verbundenen Flüssen. Ist der Nachwuchs groß, schwimmt er wie die Eltern zurück in die Nordsee, lebt dort. Wandert zum Laichen retour ins süße Nass, wenn geschlechtsreif. Experte Bakker: „Ein Zyklus von Fortpflanzung und Fortbestand, den der Afsluitdijk jäh unterbrach.“
Präsentation zur Lage am Afsluitdijk ohne Vismigratierivier NL (li.) und mit (re.) Foto Ulrike Wirtz
Der Zyklus lebt nun also wieder auf. „Das ist positiv für den Naturschutz, die Berufsfischer und die Hobbyangler“ (Bakker). Zumal das Süßwasserrevier nun größer sei. Das Ijsselmeer ist nämlich Süßwasser pur, seit es nur noch von Flüssen und Regen gespeist wird, seit der Damm Wattenmeer und Nordsee aussperrt. So wurde es zum größten Trinkwasserreservoir weit und breit. Der Ökologie-Manager: „Wir hoffen, dass die Fische auch wieder in den Rhein nach Deutschland und bis in die Schweiz wandern.“
Bei Planung und Bau des Bollwerks gegen die Fluten damals musste jedoch das „ökologische Desaster“, wie Bakker die Folgen der Barriere für die Fischwelt benennt, zurücktreten. „Auch nahm man in Kauf, dass mangels Fischwanderung Tausende Fischer ihren Job verloren.“ Aber keine Frage, so Bakker: „Der Afsluitdijk ist und bleibt ein Wunder der Technik, auf das man zurecht stolz ist.“
Nordsee mit Wattenmeer rechts, Ijsselmeer links – früher bauten sich hier desaströse Flutwellen auf, bis das Bollwerk Afsluitdijk entstand; inzwischen mit Autobahn on top Foto Merel Tuk
Sein Hauptzweck als Damm ging und geht vor und ist erreicht: den Fraß durch stürmische Nord- und Zuidersee am Land zu stoppen und Tausende Todesopfer in Folge von Überflutungen wie einst zu verhindern. „Das war umso wichtiger, da viel Land der nördlichen Niederlande sogar einige Meter unter dem Meeresspiegel liegt“, so Hans Boogert, verantwortlicher Ingenieur für den Afsluitdijk beim Rijkswaterstaat bis zu seinem Ruhestand und weiter am Bollwerk zu Diensten.
Schon in den Jahrhunderten vor dem Dammbau versuchten die Holländer in ihrem Norden, das immer wieder überflutete bzw. unterm Meeresspiegel liegende Land mit kleinen Deichen, Kanälen und Windmühlen trocken zu halten und trocken zu legen. Und haben so schon viel neuen Grund und Boden dazugewonnen: die Polder. Dann wurde von 1927 bis 1932 der Afslutidijk zwischen den Gemeinden Den Oever im Westen und Harlingen im Osten gebaut und verbindet seither die Provinzen Friesland und Nord-Holland. Dafür die treibende Kraft: Ingenieur Cornelis Lely, damals Minister für Wasserwirtschaft. Ganz Ingenieur stellt Boogert klar: „Der Afsluitdijk ist fachlich gesehen ein Damm, da er Wasser von Wasser trennt und nicht Wasser von Land wie ein Deich.“
Die Lorentzsluisen besorgen seit 1932 die Passage der Schifffahrt zwischen Nordsee und Ijsselmeer Foto Merel Tuk
Und nennt einige wenige Daten zum Bollwerk: 32 Kilometer lang, an seiner breitesten Stelle 90 Meter, an der höchsten 7,8 Meter. Er bietet Platz für die vierspurige Autobahn A7 plus Rad- und Fußgängerweg. In zirka seiner Mitte wurde die Arbeitsinsel Kornwederzand künstlich angelegt. Hier verrichten auch die Lorentzsluizen ihre Arbeit als die Nordsee, Wattenmeer und Ijsselmeer verbindenden Schleusen für die Schifffahrt, ob Berufsschifffahrt oder Hobbysegelyacht.
Wissenschaft für sich – Tests, wie Fische den neuen Weg durch das Ijsselmeer finden Foto Ulrike Wirtz
Nun also der neue Vismigratierivier NL, der außer Ökologie-Know-how auch ausgefeiltes Statik-Können in Sachen Wassertechnologien erfordert. Denn auch das ist keine Frage, so Ingenieur Boogert: „Für den Wasserdurchlass zugunsten der Fische mussten wir den Damm an einer Stelle dauerhaft öffnen. Ganz entgegen seiner ureigenen Aufgabe, dicht zu halten. Dass der Damm bei der Öffnung nachgeben könnte, hat mir schlaflose Nächte bereitet. Als konkret die Bohrung der Öffnung anstand, dachte ich, nicht dass ausgerechnet jetzt ein Jahrhundertsturm kommt. Aber alles hat geklappt.“ Nach Vorbereitungen seit 2011 mit Berechnungen, Modellierungen, akribischer Planung der Bauarbeiten und ihren Durchführungen.
Nun ist es vollbracht: Der Damm bekam eine Öffnung über eine Breite von 15 Meter, damit Süßwasser aus dem Ijsselmeer wie ein Kanal schnurgerade durch die Öffnung zur Nordsee fließt, wenn deren Wasser sich wegen Ebbe zurückzieht. Boogert: „Den Durchfluss steuert der Rhythmus der Gezeiten. Alles geht ohne Pumpen.“ Das geschieht 24/7 an 365 Tagen im Jahr. Es sei denn, so Boogert, es kommt Sturm auf und könnte Salzwasser ins Ijsselmeer drücken. Das darf nicht passieren, weil das Ijsselmeer – siehe oben – die Region mit Trinkwasser versorgt. „Damit das nicht geschieht, schließen wir die Öffnung vorsorglich auf Zeit durch zwei neue Schotten. Die Schotten bzw. Schieber sind sechs Meter hoch und aus innovativem faserverstärktem Kunststoff angefertigt. Dadurch sind sie leichter im Handling und rostfrei.“
Wissenschaft für sich – Modellierungen, wie der Vismigratierivier NL im Ijsselmeer die Gezeiten von Nordsee und Wattenmeer nutzt Foto Ulrike Wirtz
Im Ijsselmeer verläuft der Wasserstrom als Teil des Wanderwegs wie ein mäandernder Fluss – als eine Art Korridor für die Fische – von 4,5 Kilometer Länge. Soll heißen: Er fließt in großen Schleifen durch das Ijsselmeer bis zum Afsluitdijk und dann geradeaus durch die Durchflussöffnung. Bakker: „Durch die Länge bekommen die Fische Zeit, um sich vom Salzwasser ans Süßwasser und umgekehrt anzupassen.“ Überdies ist die reine Durchflussöffnung im Damm in zwei unterschiedlich breite Öffnungen aufgeteilt – quasi in zwei Schwimmbahnen fürs Hin und Her: Die eine ist für die starken Schwimmer unter den Wanderfischen wie Aal, Lachs oder Renke bestimmt.
Loch im Damm für zwei Schwimmbahnen – eine schmale und eine breite, damit die großen wie die kleinen Fische ihren Weg machen können Foto Ulrike Wirtz
Die andere ist sichtlich schmaler und der Weg für schwache Schwimmer wie Glasaal, Heilbutt oder Stichling. Die Kleinen werden unterstützt durch die stärkere Wasserströmung, die der schmale Durchfluss erzeugt – ist also eine echte Wanderhilfe. Wenn man das alles hört und sieht, wird einem klar, dass auf Seiten der Ökologen ebenso jede Menge Analysen, Modellierungen etc. für den Vismigratierivier NL erforderlich waren. Zumal er ein Pilotprojekt bezüglich Biodiversität und technischen Möglichkeiten ist, an dem international Interesse besteht. Bakker: „Erstmals wird nämlich solch ein Fluss in einem Gezeitenrevier angelegt. Noch dazu genau auf der Grenze von Salz- und Süßwasser. Er gilt als wegweisend, wie Wassermanagement und Naturschutz Hand in Hand funktionieren können. Und wie auch die Fischerei profitieren kann.“
Wassermanagement und Naturschutz gehen Hand in Hand
Und das alles gerade auch, indem hydraulische Ingenieurskunst und natürliche Ingredienzien gekonnt austariert werden: sprich Wasserhöhen von Flüssen, Ijsselmeer und Nordsee, die Gezeiten des Meeres und das Wetter. Und natürlich weil den Wanderfischen der kraft Evolution erzeugte Drang nach Süßwasser nach wie vor in der Nase sitzt. Hin- und herwandern am Afsluitdijk – das versuchten sie nach dem Dammbau daher zwar auch weiterhin, kamen von der Nordsee aber 90 Jahre nur bis zum Afsluitdijk und standen hier quasi vor verschlossener Tür.
Vogelschwärme lauern bisher erfolgreich vor dem Damm auf leichte Beute Foto Ulrike Wirtz
Das war umso übler, weil die fischfressende Vogelschar das ausnutzte, sich auf die vergeblich vor dem verschlossenen Afsluitdijk wartenden Fische stürzte und verspeiste. Da half es nur wenig, dass sich die Schifffahrtsschleusen tagtäglich öffneten. Bakker: „Hier schafften es nur die stärksten Schwimmer unter den Fischen ins Ijsselmeer und die Flüsse und wieder zurück. Das alles kommt nun wieder ins ökologische Gleichgewicht.“ Dazu gehört auch, dass die Fischereiboote sich nun nicht einfach am Vismigratierivier positionieren dürfen, um fette Fänge zu machen. Bakker: „Das verhindert eine Bannmeile um die entscheidenden Stellen.“
Gekonnt den Afsluitdijk durchbohrt, damit Aale, Lachse etc. wieder wandern können – als Schmuck am Gelände in 3D und im Wasser schwimmend in Natur Foto Ulrike Wirtz
Und warum ist die Öffnung des Damms um einige Meter breiter, als es der Durchfluss für die Fische ist. Bakker und Boogert unisono: „Damit Besucher ebenfalls durch den Damm wandern können wie die Fische.“ Das geht entlang der Schwimmbahnen der Fische. Also los. Zunächst auf Kornwederzand zum Wadden Center mit Museum, Restaurant und Toppblick auf das Ijsselmeer zur einen und Wattenmeer und Nordsee zur anderen Seite. Weiter über eine Plattform zu einer Treppe. Hier fällt der Blick auf das neue Stück Mauerwerk mit Fischsymbolen, die wie eine Statue in Stein gemeißelt sind (Foto oben).
Nun die Treppe hinab – da sind die Wanderfische ganz in ihrem Element. Aber auch die Ökologen nutzen die Infrastruktur – „für Studien, indem wir die Migration beobachten, welche Fische wann genau wie weit wandern. Wir können daraus wichtige Erkenntnisse ziehen“, so Bakker. Und ist ganz in seinem Element.
Websites und wichtig zu wissen
Der Projekt Vismigratierivier NL wird 2026 komplett fertig gestellt sein, schon jetzt sind geführte Touren möglich. Ausführliche Info zum Projekt www.vismigratierivier.nl. Touren per Boot oder zu Fuß anzufragen über das Waddencenter https://afsluitdijkwaddencenter.nl; zur Naturschutzorganisation Fryske Gea www.itfryskegea.nl
Das Wattenmeer gehört zum Unesco-Weltnaturerbe und umfasst das Gebiet vom niederländischen Festland bis zur Außenseite der Watteninseln. Dann erst beginnt streng genommen die Nordsee.
Das moderne Waddencenter auf Kornwederzand Foto Merel Tuk
Der Südstaat war im Südwesten bis zur Golf-Küste einst teilweise Niemands-Land. Heute gefallen am Weg hierher historische Gemäuer und Garten-Zauber. In alten Tanzhallen steppt der Bär, und wer will, tanzt mit. Sümpfe und Marschen sorgen für Begegnungen mit Alligatoren – sicher vom Boot aus. Und am Meer warten Sandstrände ohne Bettenburgen und Beach Boulevards. Ein Road-Trip als Rundkurs mit Rekord.
Erst kurz nach Norden, dann gen Westen
Die Sonne ist untergegangen am Lake Pontchartrain an diesem Mai-Abend. Der See dehnt sich von New Orleans nord-westlich aus. Und sein Wasser droht bei Hurrikans New Orleans im Südosten des Sees zu überfluten, so dass sechs Meter hohe Deiche errichtet wurden. 2005 vergebens, als Hurrikan Katrina Deiche brechen ließ und New Orleans von Flutwellen des Lake Pontchartrain getroffen wurde.
Typisch an Bayous, Seen und Golf-Ufern – Häuser auf Stelzen, um den Flutwellen zu trotzen Foto Ulrike Wirtz
An dem Mai-Abend ist aber kaum Wind, es sind noch Wochen bis zur Hurrikan-Saison, und am nordöstlichen Seeufer schwappt das Wasser leicht gegen die steinerne Befestigung. Einige Boote sind auf dem Wasser unterwegs. Das ist schön anzusehen vom Logenplatz: der Balkon des Restaurants Rips on the Lake, gelegen am nordöstlichen Ufer im Städtchen Mandeville. Als Sun-Downer gibt‘s Cocktails, vielleicht Vodka Gimlet oder Rips Hurricane, aber dann doch lieber einen Sauvignon Blanc.
# New Orleans – IS 10 West, Pontchartrain Causeway North, LA 1087 East – Mandeville – 50 KM
Der See und Mandeville ist der erste Stopp des Road-Trips mit Rundkurs durch Louisianas Südwesten bis zur Küste des Golfs von Mexiko. Der Trip führt wegen Lake Pontchartrain erst kurz gen Norden – mit Start in New Orleans. In der ikonischen Südstaaten-Metropole stimmte der Trip mit angesagten Musts ein: blaue Stunden mit Jazz und Blues-Musik, mit Entdeckungstouren tagsüber durch das dann ruhige Amüsierviertel French Quarter und seiner berühmten Bourbon Street und illustren alten Häusern im Viertel. Und dazu der absolute Kontrast: der seit dem Civil War (1861-1865) angesagte Garden District von New Orleans mit schattigen Alleen und Villen in alter Südstaaten-Pracht, die unter Denkmalschutz stehen. Einige stammen noch aus dem frühen 19. Jahrhundert, von vor dem Krieg also, und sind schön restauriert. Sehr empfehlenswert: eine Tour mit Guide.
Ultimative Seebrücke
Danach geht es auf dem Weg nach Südwest erst über den Lake Pontchartrain. Es gibt zwei Optionen bei der Route – eine über die Interstate IS 10 East am östlichen Seeufer vorbei und am Ende des Sees links ab auf die IS 12 West. Die zweite Option folgt geradeaus gen Norden dem Lake Pontchartrain Causeway – und ist unsere Wahl, da als Rekordstrecke ultimativ für Road-Trip-Fans. Denn der Causeway ist eine Seebrücke und 38,442 Kilometer (23,75 Meilen) lang, führt die ganze Distanz immer nur über Wasser und ist damit die längste Seebrücke ihrer Art in der Welt. So nachzulesen etwa im Guinness-Buch der Rekorde.
Zum Vergleich: Aktuell entsteht im Ostsee-Bad Prerow eine 720 Meter lange Seebrücke, ist damit die längste über die Ostsee. Oder man stelle sich eine 40 Kilometer lange Brücke über den Bodensee vor. Der hat jedoch nur 536 Quadratkilometer Fläche. Lake Pontchartrain, der vom Mississippi River gespeist wird, misst mit 1839 Quadratkilometer gut das Dreifache. Die Autofahrt über diese Brücke ist mein persönlicher Rekord, da bisher nicht 40 Kilometer im Auto nur über Wasser gefahren. Den Trip begleitet noch dazu das Gefühl, als gleite der Wagen auf dem Wasser dahin wie ein Boot.
Das Gefühl stellt sich ein, weil die Wasseroberfläche zum Greifen nah scheint, da die Brücke so niedrig ist. Und da auch ihre Gelände so niedrig sind, verstellen sie kaum den Blick aufs Wasser. Als i-Tüpfelchen führt die Brücke in der Mitte über den riesigen See, d.h. rechts und links, vorne und hinten vom Auto nichts als Wasser. Kilometer für Kilometer. Nun danach am Abend stellt sich dank Logenplatz eigentlich Entspannung ein. Die Rekordbrücke ist aber am Horizont an Autolichtern erkennbar. Die wirken wie eine Prozession Glühwürmchen, aber mit Lücken je nach Abstand der Autos. Die Lücken werden größer je später der Abend. Bei dem Anblick stellt sich kurz erneut das mulmige Gefühl von der eigenen Fahrt wieder ein.
Nachts mehr Fata Morgana als Rekordhalter – die längste Seebrücke der Welt über den Lake Pontchartrain Foto Ulrike Wirtz
Gut, dass jetzt Kellner Billie gedünsteten grünen Spargel zu frischer See-Forelle serviert. Der Gang davor war Krebssuppe auf Basis von Senf-Sahnesauce. Derweil kommt Roslyn F. Prieto, die Restaurant-Chefin, auf einige Worte an den Tisch, fragt, ob es schmeckt, erzählt von den Anfängen ihres Lokals.
Das Rips on The Lake serviert Meeresgetier fangfrisch – hier seine Shrimps Foto Ulrike Wirtz
Zeigt dann in Richtung Brücke. „Die siehst Du im Dunkeln nicht ohne Autos.“ Und weiter: „Manchem unserer Gäste ist die lange Fahrt nur über Wasser nicht angenehm. Sie kommen daher lieber den längeren Weg am östlichen Seeufer entlang. Wie früher.“ Sie meint vor 1956, da wurde die Brücke über die Seemitte erbaut. Roslyn hat ihr Lokal im Jahr 2000 übernommen. „Anfangs bin ich auch nicht gern über den See gefahren. Nun bin ich dran gewöhnt. Und wohin fahrt Ihr als nächstes?“ Ich: „Durch den Südwesten.“ Sie: „Ihr sucht bestimmt nach dem Niemandsland. Da seid Ihr selbst nahe der Golf-Küste auch heute ziemlich allein.“
Noman‘s Land – das Areal lag Anfang des 19. Jahrhunderts zwischen Louisiana und Texas. Hier herrschte Gesetzlosigkeit, was Piraten und windiges Volk anzog. Der Grund für fehlende Regeln waren Streitigkeiten über die Aufteilung des Areals zwischen den USA und Spanien, beide damals die Herrscher in der Region. Die reichte der Länge nach von der heutigen Stadt Shreveport im Binnenland bis zur Golf-Küste im Süden. 1821 beendeten die Kontrahenten den Zustand per Vertrag. Roslyn: „Nun gingen immer mehr europäische Siedler dorthin. Aber die Küste und die Region davor blieben weiterhin fast menschenleer. Da ist es noch wie früher.“ Und meint natürlich nicht die Gesetzlosigkeit, sondern die Natur der Marschen und Sümpfe und die einsame Meeresküste.
# Mandeville – US 190 South, IS 12 East – Honey Island Swamp Tours Crawford Landing – 40 KM
Doch erst locken Marsch- und Sumpfland nahe Lake Pontchartrain. Auch hier ist viel typische Flora und Fauna alter Zeiten zu sehen, weil viel Naturschutz einzog und das, obschon unter Land und Wasser bis hin zum Meer und unter dem Meeresboden Öl gefördert wird. Mit dem Schutz der Natur kam das lizensierte Geschäft für Bootstouren mit Guides durch Sümpfe und Marschen und sind ideale Exkursionen.
In den Sümpfen fährt man sicherer im Boot mit Captain, hier von Veranstalter Honey Island Swamp Tours Foto Ulrike Wirtz
Ein Anbieter seit 1982: Dr. Wagner’s Honey Islands Swamp Tours in Slidell, ein Nachbarort von Mandeville. Bei Dr. Wagner ist die nächste Generation am Ruder, Paul und Brenda Trahan. Paul: „Wir folgen dem ökologischen Ansatz von Dr. Wagner. Er war Geologe und Naturschützer. Die Boote heute sind aus leichtem Aluminium und flach wie eine Flunder und befahren die seichten Gewässer schonend.“
Früher menschenfeindliche Wildnis, heute Naturparadies
Während er erzählt, legt Paul mit 15, 16 Leuten an Bord ab, erklärt, dass er zunächst ein Stück über den Pearl River fährt, dann abbiegt in kleinere verzweigte Wasserläufe. „Ihr wisst es wahrscheinlich – die Wasserläufe der Südstaaten heißen Bayous. Die sind überall im Süden von Louisiana. Dazwischen liegen Asphaltstraßen – mal breiter, mal schmal, aber breit genug für ein Auto. Captain Paul danach eher rhetorisch: „Könnt Ihr Euch das frühe Leben hier vorstellen?“ Erst das der First Nations der Indianer, später der Europäer. „Alligatoren, Schlangen, giftige Pflanzen, Sümpfe und kaum Wege. Es war tropisch-heiß, Regen fiel en Masse. Und überall Mücken.“ Dass es heute genügend Straßen gibt, ist auch der Ölindustrie geschuldet, die gute Infrastruktur brauchte.
Dösende Alligatoren
Unterwegs im Boot stellt sich zunehmend als angenehm heraus, dass die Swamp-Tour von der sicheren Position eines Profiboots mit Guide stattfindet. Denn in den Bayous ist alles dicht bewachsen, Ufer sind nicht mehr erkennbar, stattdessen Wasser, Sumpf und Marsch.
In den Bayous herrscht oft eine Stille, die man zu hören glaubt Foto Ulrike Wirtz
Da bleibt die Orientierung für Fremde schnell auf der Strecke. Und schon blinzelt einen ein Alligator aus wachsamen Augen an. Dabei scheint er zu dösen. Sie leben hier dank des hohen Süßwassergehalts (fresh water). Ebenso Schildkröten, von denen manche stoisch in der Morgensonne auf Baumstämmen ruhen. Nutrias paddeln vorbei. Am Himmel ziehen Vögel aller Art, auch Pelikane, ihre Bahnen. Auch Adler und Eulen sind heimisch. Im Wasser zeigen sich Seelilien im Naturschauspiel in ihrer exotischen Pracht. Bizarr wirken die Sumpf-Zypressen – wegen ihrer fürs nasse Umfeld entwickelten Wurzeln, die wie tote Baumstümpfe aus dem Wasser ragen.
Versteckt leben im Bayou
Dass Sehenswertes aufs Boot und seine Gäste zukommt, merkt man daran, dass der Kapitän den Motor drosselt, bis es lautlos nur noch im Schneckentempo weitergeht. Und so taucht auf einmal ein Häuschen auf hohen Stelzen auf, mit kleinem Bootssteg und Terrasse. Und das mitten im Outback. „Hier wohnten früher sogar Familien mit Kindern, die per Boot zur Schule gebracht wurden“, erklärt Captain Paul. „Heute sind das Wochenenddomizile und gehören meist noch den früheren Siedlerfamilien. Die halten daran fest. Daher können hier Fremde kaum etwas kaufen.“ Früher hier leben hieß kein Strom, Telefon oder TV, bis sich das mit Generatoren und Mobilfunk änderte. „Viele Häuser gibt es in den Bayous aber sowieso nicht.“ Und manche sind sichtlich Ruinen, zerstört durch Hurrikans, wie Paul erklärt.
# Honey Island Swamp Tours – US 190, US 11, Bayou Lane – Restaurant Palemettos on the Bayou – 10 KM
Mit dem Boot ginge es gut weiter zum Lunch im angesagten Palmettos on the Bayou in Slidell. Es liegt im Grünen direkt am Bayou Bonfuca – und hat einen Anleger, da oft Locals den Weg übers Wasser nehmen. Zumal Boote reguläres Verkehrsmittel sind. Wir nehmen das Auto wie viele andere das tun. Der Parkplatz ist gut besucht, das Lokal auch. Es ist in der Tradition der Südstaaten aus Holz und mit diversen Terrassen gebaut. Auf seinen Tischen drinnen liegen feine Stoffservietten.
Das Restaurant Palmettos on the Bayou serviert fein drinnen und casual draußen Foto Ulrike Wirtz
Die Terrassen haben Böden in rustikalen Holzbohlen und sind ebenso rustikal möbliert. Hier wird casual serviert, ob Lunch, Dinner und am Wochenende Jazz-Brunch. Die Speisekarte führt gegrillte Austern, Fisch fangfrisch oder Rib-Eye, ebenso in Öl frittierten Alligator, sprich fried. Alligator ist typisch in Louisianas Küche, ebenso fried, ob Fleisch oder Gemüse. Ebenso typisch: „pan tossed“ – sprich in der Pfanne Gebackenes.
# Restaurant Palemettos – IS 12 West, IS 10 West, links ab HW 90 Süd – Lafayette – 240 KM
Mit der nächsten Etappe geht es auf einen langen Schlag in den Südwest und das fast immer geradeaus bis zur Stadt Lafayette. Sie hat 120.000 Einwohner, eine Universität mit Campus-Idylle und rund 19.000 Studenten. Am Weg war Baton Rouge, Louisianas Hauptstadt mit 227.000 Einwohnern und alles andere als verträumt wie Lafayette , links liegen geblieben. In Lafayette reist es sich gerade auch auf den Spuren der Acadians, die frühen Siedler mit französischer Abstammung.
Lafayettes Uni-Campus nach den Graduation-Tagen – etwas Spaß in rotem Talar darf nun sein Foto Ulrike Wirtz
Überall begegnet einem daher der Begriff Acadians. Mit ihnen haben denn auch noch heute Sprache, Kochstil und Kultur viel zu tun. Die ersten Acadians kamen um 1750 in die Region – nach weiten Umwegen, waren sie doch zuerst ins heutige kanadische Nova Scotia emigriert, von dort in die Karibik oder zur Ost-Küste der USA umgezogen und kamen erst danach in Louisianas Südwesten.
Lafayette und die Acadians
Die Acadians fanden hier eine Welt von Bayous, Sümpfen und Marschen vor – ähnlich wie die Siedler im Südosten von Louisiana, wo unser Road-Trip startete. 1820 wurde die Stadt Lafayette gegründet, anfangs unter dem Namen Vermilionville und umgetauft in Lafayette 1823. Das geschah in Erinnerung an den französischen Ahnen Marquis de la Fayette: dereinst Held der amerikanischen und französischen Revolution und in USA dem General George Washington zu Diensten, der erste Präsident der USA von 1789 bis 1797. Lafayette war Knotenpunkt für Eisenbahn und Handel und Ausgangspunkt vieler Acadians, die weiterzogen ins Noman’s Land, nachdem es gesetzlich geregeltes Terrain wurde.
Kulturelles Erbe
Die University of Louisiana at Lafayette entstand 1898. Ihre Gebäude und ihr Park stammen teils noch aus diesen Anfängen und geben dem Campus eine ansprechend alt-ehrwürdige Atmosphäre. Heuer ist Sonntag, Campus und Park sind fast menschenleer. Betrieb ist dagegen in Downtown mit dem Architektur-Mix aus ansehnlich-alten Gemäuern neben einigen wenigen gesichtslosen Bürohäusern. Große alte Bäume spenden Schatten. Das Wall Street Journal wählte kürzlich Lafayette zur Happiest City in America, das Gallup Institut zur Most Optimistic City. Das ist nachvollziehbar, ist das Flanieren angenehm, die Lokalszene ansprechend und die Auswahl an Boutiquen vielfältig. Ein spezieller Anziehungspunkt ehrt die frühen Siedler: das Acadiana Center for the Arts – kurz ACA – in der Vermilion Street im modernen Glasbau.
Das Bild The Empress (Öl auf Leinwand) ist eine Leihgabe der Jonathan Ferrara Gallery für das Acadian Center of Arts in Lafayette Foto Ulrike Wirtz
Es ist Location für Meetings, Ausstellungen und Festivals und dient zugleich als Kunst-Galerie, um Maler auch aus der Region zu fördern. Es wird als Non-Profit-Organisation getragen von acht Landkreisen im Südwesten, darunter Parish Acadia und Parish Vermilion (Parish ist so etwas wie ein Landkreis in Deutschland). Ausgestellt sind zeitgenössische Keramiken und Malereien, oft mit Bezug zur afrikanisch-französisch-spanischen Tradition in Louisiana. Dazu passt, dass in Lafayette an fast jeder Ecke das typische Französisch des Staats zu hören ist, wie schon in New Orleans. Und wie schon dort ist dem gesprochenen Wort mit deutschem Schulfranzösisch kaum zu folgen.
# Lafayette – HW 90 South – Vermilionville, Fisher Road – 20 KM
Der alte Name Vermilionville lebt heute fort 15 Autominuten südlich von Lafayette: im anschaulichen Open-Air-Museum namens Vermilionville. Es wurde 1990 als Kopie eines historischen Orts der frühen Acadians am Bayou Vermilion erbaut, um die früheren Lebensumstände der Siedler zu zeigen.
Historisches Dorf mit Tanzpalast
Das geschieht mit original alten Häuschen bzw. hübschen Nachbauten und mit typischen originalen Möbeln. Mit Fotos und Infotafeln, zum Beispiel zu den früheren Baustoffen Schlamm, Moss und Zypressenholz. Mit traditioneller Kleidung, Kochutensilien und Geräten, auch von früheren Fallenstellern, die im Sumpf ihrer Arbeit nachgingen, und von Bootsbauern, die die nötigen Fortbewegungsmittel für die Bayous fertigten.
Vermilionville bildet die neue Welt für die Siedler im 19. Jahrhundert ab – hier ein Webstuhl Foto Ulrike Wirtz
Das Vermilionville informiert, dass weitere Siedlergruppen in die Region zogen: Briten, Deutsche und einstige Sklaven afrikanischer Herkunft, die sich seit ihrer Befreiung durch den Bürgerkrieg ab 1865 an den Bayous im Südwesten niederließen.
Vermilionville – der einstige Austritt war mit drei Sitzen nicht intim, aber effizient Foto Ulrike Wirtz
Le Bal du Dimanche
Und was ist da los im hallenartigen Gebäude? Seine Türen gehen ab und an auf, Musik ertönt, wird laut und wieder leise, wenn die Türen wieder zufallen. Performance Center steht am Eingang. Drinnen wird getanzt – „wie früher immer an Sonntagen. Come on, do it“, ruft ein Herr im Vorbeitanzen dem Neuankömmling zu. Alt und Jung schieben sich im Paartanz über das hölzerne Parkett. Andere steppen allein für sich umher – klack, klack, klack. Wer will, tanzt mit. Das mehr oder weniger gekonnte Treiben folgt der Musik von Fideln – live gespielt von einem Duo. Auf Plakaten ist zu lesen, wer bei nächsten Events auftritt: Namen, die unsereins nicht kennt. Die Events heißen traditionell-glamourös Le Bal du Dimanche, auch der Ball an diesem Sonntag im Mai. Aber statt Robe tun es heuer auch Jeans und T-Shirt.
Vermilionville – das idyllisches Schulhaus erinnert an harte Zeiten Foto Ulrike Wirtz
Die Musiker demnächst spielen, wie Fotos des Programms zeigen, außer Geige auch Akkordeon – auch das in Tradition der aus Europa stammenden Arcadians. Und ganz anders als die Tradition des Blues, Gospel und Soul in den Südstaaten: das kulturelle Erbe der einst versklavten African Americans. Deren Musik lässt sich gut auf dem Mississippi Blues Trail von Louisiana bis in den östlichen Nachbarstaat Mississippi genießen, also nicht nur in Musik-Venues in New Orleans. Aber nicht zu verwechseln mit dem African American Heritage Trail: Der befasst sich mit dem Leid und Leben der Sklaven. Aber das sind andere Geschichten und Orte (siehe dazu Lebensart-Reise vom yxyx und vom xyxy)
# Vermilionville – HW 90 South (Richtung Morgan City) – New Iberia – 40 KM
Das nächste Ziel ist südlich von Vermilionville und Lafayette das Städtchen New Iberia, gegründet 1765. Hier lässt sich bequem durch mehr als 100 Millionen Jahre Erdgeschichte reisen, nämlich in den Rip van Winkle Gardens mit Villa: das Joseph Jefferson House; und am Lake Peigneur: ein See, der bei einem desaströsen Unfall 1980 auf einmal verschwand. Daran erinnert heute ein aus dem See ragender Kamin. Jeder kann auf diese Zeitreise gehen, da Garten, Villa und See gegen Eintritt offenstehen – anders als früher, als Villa, Jagdgründe und See ein in der Wildnis verstecktes Prachtdomizil für die Ferien waren.
Von der Wildnis zur Idylle
Doch der Reihe nach. Vor rund 165 Mio. Jahren: entstand ein Salt Dome im Innern der Erde nahe New Iberia, so offizielle geologische Zahlen. Hinzu kamen See und Eiland und das alles in Einsamkeit. 1870: Damals baute Joseph Jefferson – der bekannteste Comedian seiner Zeit, weit gereist und verliebt ins Jagen – auf der Insel eine Villa von viktorianischer Opulenz und nutzte sie einige Monate im Jahr vor allem für sein Hobby. Bis heute ist hier alles Idylle. Wie zu Jeffersons Zeiten ruht seine Villa inmitten alter Eichen, thront im ansonsten flachen Land ganz ungewöhnlich auf einer kleinen Anhöhe – wegen des Salz-Doms.
Die Villa Jefferson stand am Beginn der berühmten Rip Van Winkel Gardens Foto Ulrike Wirtz
Im Haus umgab sich Jefferson mit französischen Empire-Möbeln. „Die sind original aus seiner Zeit. Und hier die Tapeten – sie sind auch original und von Hand gemalt“, so Guide Madeleine bei der Tour durch das Anwesen. Unter dem schattigen Vordach der Villa mit Terrasse laden auch heute Schaukelstühle antiker Art zum Relaxen ein. Madeleine: „Hier tauschte Jefferson mit Gästen Anekdoten von der Jagd oder von seinem Künstlerleben aus. – And so on.“ Viele Jahrzehnte später seien innerhalb des Salz-Doms Minen und ihre Höhlen entstanden, um das Salz abzubauen. „Der Abbau endete 1980. Mit der Jagd war es seit den 1950er Jahren vorbei“ (Madeleine).
Stattdessen entstand auf dem Areal 1950 nämlich ein Zaubergarten, der die Villa auch heute auf mehr als 800 Acres (rund 323 Hektar) umgibt, angelegt vom späteren Eigentümer John Lyle Bayless Junior. Und benannt nach der Erzählung von US-Schriftsteller Washington Irving über einen Bauern namens Rip Van Winkle, der sich aus England emigrierend in den Bergen von New York State sieht und in einen Zauberschlaf fällt und nach 20 Jahren erwacht – nun als freier Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Selbiger Joseph Jefferson spielte den Rip Van Winkle als seine Paraderolle in einer Adaption für Schauspielbühnen.
Zurück zu John Lyle Bayless Junior. Der baute in seinem feinen Garten auch ein gläsernes Konservatorium. Madelaine: „Darin wuchsen seinerzeit mehr als 3000 exotisch-tropische Pflanzenspezies.“ Im Garten, besser Park stolzieren heute Pfaue umher, spreizen ihr prächtiges Federkleid, ohne sich vor Jägern fürchten zu müssen. Blumenrabatte, Hecken, Rasen und Bäume – alles ist kunstvoll angelegt.
Mit Kunstwerken gekonnt gestaltet – die Rip Van Winkle Gardens sind einfach schön Foto Ulrike Wirtz
Skulpturen sind mit Sichtachsen gekonnt in Szene gesetzt. Ein japanisches Teehaus ist zu bewundern, ebenso ein altes Schulgebäude, alte Unterkünfte von Personal der Mine und eine Scheune für alte Kutschen, genannt das Acadian Carriage House. Der Garten reicht bis ans Seeufer. An einer Stelle ragt dann eben besagter Kamin trotz Wellen unübersehbar aus dem See empor.
Aus dem Desasterzu neuer Idylle
Madeleine klärt auf: Dass nämlich der Kamin zu einem von Bayless Junior neu erbauten Haus gehörte. Dass ein Bohr-Rigg der Firma Texaco auf dem See fahrend einen Teil der Mine der Diamond Crystal Salt Company versehentlich rammte und zwar derart, dass sich ein Loch mit Vakuumeffekt auftat, so dass ein Sog entstand und alles in seiner Nähe in die Tiefe saugte bzw. einstürzen ließ. Dass der See sich in Kettenreaktion des Sogs komplett in die unterirdischen Öffnungen ergoss, dass Boote nun ohne Wasser unterm Kiel trocken fielen, auf dem Boden des Sees zerschellten und das Haus von Bayless Junior in den Krater stürzte, ebenso das Konservatorium.
Nur ein Kamin blieb – sonst ist vom Desaster nichts mehr zu sehen Foto Ulrike Wirtz
Nach dem Desaster musste der Verursacher den leeren See wieder füllen lassen – zum heute 3.000 Acres (1.200 Hektar) großen Gewässer. Der See trägt viel zur heutigen Idylle bei, jedenfalls oberflächlich betrachtet.
# New Iberia – HW 90 West, HW 14 nach Abbeville, dann HW 82 West – Cameron – 180 KM
Hinter New Iberia tun sich erneut Bayous, Sümpfe und immer mehr Marschland auf, je näher das Meer kommt. Folgte man nun dem HW 90 East, kämen die Städtchen Houma und Morgan City, wo Werften Schiffe und Bohrinseln bauen, wo von kleinen Marinas Flotten von Shrimp-Fischern ausschwärmen und ebenso Bootstouren durch die Flora und Fauna starten, Alligatoren inklusive (siehe Lebensart-Reise vom 7. Dezember 2023).
Unser Roadtrip folgt aber dem HW 82 West, der auf gut 200 Kilometer an der Golf-Küste vorbeigeht, bis Texas beginnt. Hier war einst das Noman’s Land, von dem Roslyn sprach. Und beschert immer noch eine Einsamkeit und dazu einen scheinbar nicht endenden wollenden Weitblick. Marschland liegt auf der einen Seite des HW 82 West, auf der anderen Straßenseite das Meer. Louisianas Sandstrände hier im Südwesten heißen Constance Beach, Little Florida Beach oder Holly Beach.
Und weit und breit keine Bettenburgen und Beach Boulevards wie andernorts so oft an der Golf-Küste. Wohl gibt es einen kleinen Store, um Beach Toys auszuleihen und etwas für den täglichen Bedarf einzukaufen wie etwa am Holly Beach.
Die Fahrt durch das einstige Noman‘s Land ist mangels Einsamkeit und Verkehr sogar so beschaulich, dass sich die bange Frage stellt: Wieviel Sprit ist im Tank? Der Blick auf die Tanknadel beruhigt, der Tank ist fast voll. Wasser- und Essensvorräte sollten auch immer reichlich an Bord sein. Wie erst mögen sich anno 1821 die Siedler auf ihrer Reise hierher in ihre neue Heimat gefühlt haben. Heute liegen am Weg ab und an Häuschen auf den typischen Stelzen, um damit den Flutwellen bei tropischen Stürmen und den noch stärkeren Hurrikans zu trotzen.
Das Örtchen Pecan Islands
Dann kommt auf einmal eine Ortschaft namens Pecan Islands, zählt laut Ortsschild 300 Einwohner und ist auch Adresse des Rockefeller Wildlife Refuge. In dem Naturschutzgebiet sind Stege ausgelegt, um trockenen Fußes Flora und Fauna bestaunen zu können. Es darf – kontrolliert – gejagt und gefischt werden. Für dieses Wildlife Refuge stiftete der Industrie-Magnat Rockefeller 1919 dem Bundesstaat Louisiana 86.000 Acres (35.000 Hektar). 1955 begann die Organisation des Wildlife Refuge, für den Naturschutz am Ort in Marschen und an Küsten wissenschaftlich zu forschen, tut das nach wie vor und kooperiert dabei zum Wohl der Region auch mit vor Ort tätigen Mineralöl-Gesellschaft. Das und vieles mehr ist auf der Website des Rockefeller Wildlife Refuge nachzulesen.
Das Örtchen Cameron
Der nächste Ort kommt 24 Kilometer weiter, heißt Cameron und hat 315 Einwohner. Gut doppelt so viele Menschen lebten in Cameron, bevor die Hurrikans Rita 2005 und Ike 2008 die Küste malträtierten. Die Region ist als Cameron Parish zusammengefasst, zählt in toto 5600 Bürger und ist damit der menschenleerste Parish in Louisiana. Bei so wenig Volk lässt sich mit einiger Phantasie ausmalen, wie sich Piraten in den Gegenden einst gut verstecken konnten und wie Trapper unbeobachtet ihre Fallen stellten; Museum Vermilionville und manche Western lassen grüßen. Bis ab 1821 Gesetze Einzug hielten und die Landvermesser kamen, um als Vorhut für die nunmehr beginnende Besiedlung Kilometer für Kilometer Grund und Boden und Wasser zu vermessen.
# Cameron – LA 27 West, genannt Creole Nature Trail – bis Holly Beach – 17 KM
Heute gelten Law & Order selbst für Details, wie ich von Shalisa erfahre. Sie steht an einem Bayou nicht weit von Holly Beach, hat einen Käscher in der einen Hand und eine lange Leine mit einem Köder in der anderen.
Shalisa ködert Blaukrebse mit rohen Hähnchenkeulen Foto Ulrike Wirtz
Sie sieht meinen neugierigen Blick: „Das ist eine rohe Hähnchenkeule. Sie ist ein guter Köder, um Blaukrebse zu fangen.“ Blue Crabs – dafür sei Fangsaison von Mai bis Oktober. „Du brauchst aber eine Lizenz dafür. Die musst Du dabei haben. Hier wird nämlich kontrolliert.“ Das heißt auch: So einsam ist es doch nicht. Lizenzen benötigen auch diejenigen, die zur Entenjagd oder zum Fischen von anderem Getier in der Gegend unterwegs sind. Und woher kommt Shalisa? „Ich bin aus Texas und arbeite jetzt in Lake Charles. Aber nicht bei einer Ölraffinerie, wie das viele hier tun. Die sind hier wichtige Arbeitgeber.“
Holly Beach – LA 108 North, LA 378, US 171 South, US 90, LA 385 South – Lake Charles 100 KM
Lake Charles liegt am gleichnamigen See, zählt 85.000 Einwohner, ist damit die größte Stadt der Region und hat Hotels für jeden Geldbeutel. Daher ist Lake Charles auch der Pit-Stopp zum Übernachten auf dem Rundkurs über Lafayette zurück nach New Orleans, wo der Road-Trip begann. Als Highlights in Lake Charles gelten das Hotel L’ Auberge wegen seiner schick-teuren Suiten und seines Casinos, die historische Downtown unter anderem wegen der Life-Music-Kneipe The Panorama Music House und die Uferpromenade des Sees mit den hübschen Villen.
Lake Charles- das Hotel L‘ Auberge bietet Luxus und Glücksspiel im Casino Foto Ulrike Wirtz
Ein weiteres Highlight und das nicht nur für Fans alter Vinyl-Schallplatten findet sich genau neben dem Panorama Music House und heißt The Panorama Music Exchange. Der Laden ist nämlich eine wahre Fundgrube für alte Vinyl-Platten in ihren Originalhüllen von Top-Acts aus alten Zeiten. Schmeißt Bam Arceneaux den Laden, spielt er ab und an den DJ, legt in alter Manier auf dem Plattenspieler frühe Meister des Pop und Soul auf, ob Beatles oder Jimi Hendrix. Buy, Sell and Trade sei das Motto, sagt Bam und stöbern erwünscht. „Of course“, sagt Bam.
Lake Charles‘ verstecktes Kleinod – der Laden für alte Vinyl-Schallplatten; Bam ist sein bester Verkäufer und DJ und stolz auf seine Queens-LP A Night at the Opera
Sunset am Holly Beach
Vorher stehen noch Holly Beach und der Sonnenuntergang in Einsamkeit an. Fürs Bierchen ist im Cooler vorgesorgt. Nur was ist das? Am Strand verlaufen im beige-farbigen Sand mehrere Reifenspuren von Autos. Und tatsächlich – ein, zwei Vehikel fahren irgendwo weiter entfernt über den Holly Beach. Shalisa: „Das darf hier jeder. Besser gesagt, es ist nach wie vor nicht verboten.“
Weitere Info und wichtige Websites
Die offizielle Website für Reisen durch Louisiana finden sich unter www.explorelouisiana.com – auch mit Info zu Regionen und Städten wie Lafayette, Lake Charles oder New Iberia. Mehr zur Seebrücke Lake Pontchartrain Causeway www.worldatlas.com. Zur Bootstour in den Bayous bei Slidell www.honeyislandswamp.com. In und um Lafayette: die Kulturstätte Acadian Center for the Arts https://acadiancenterforthearts.org; die University of Louisiana Lafayette https://louisiana.edu; das Open-Air-Museum Vermilionville, auch die Tanzhalle https:// bayouvermiliondistric.org. In New Iberia: Rip Van Winkle Gardens und Joseph Jefferson Villa https://ripvanwinklegardens.com. Das Parish Cameron https://visitcameronparish.org. Das Rockefeller Wildlife Refuge www.wlf.louisiana. In und um Lake Charles: www.visitlakecharles.org; auch mit Info zum Louisiana Creole Nature Trail und zu den Stränden Holly Beach oder Little Florida Beach. Details zum Hotel L‘ Auberge Lake Charles: https://llakecharles.com.
Die Restaurant-Tipps: Rips on the Lake www.ripsonthelake.com. Palmettos on the Bayou www.palmettosonthebayou.com
Cajun und Creole Beide Begriffe begegnen einem immer wieder in Louisiana. Beide finden sich auch auf Speisekarten in vielen Restaurants des Südstaats. Das Wort Cajuns bedeutet Arcadians auf Französisch – siehe oben – und steht für die frühen Siedler mit prägender Rolle für Louisiana. Die spielen sie mit ihrer Herkunft aus Frankreich und ihrem Umweg über die Karibik bis heute bei Louisiana-typischen Speisen, vor allem Gumbo: ein mit dunklem Mehl angedickter Eintopf wahlweise mit Fleisch, Shrimps oder Alligator – und immer mit Gemüse. Und Po‘ Boys, die traditionellen Sandwiches und meist riesig. Zur Cajun-Küche gehören auch Würste mit Innenleben von Schwein oder Huhn – genannt Boudoins.
Dazu gesellte sich einst und gesellt sich bis heute die kreolische Küche mit ihren afrikanischen und karibischen Gewürzen und dem Gemüse Okra. Diese lukullische Richtung geht gerade auch auf die Herkunft der früheren Sklaven aus Westafrika zurück.
Die drei US-Südstaaten liegen hintereinander, sind alle drei Anrainer des Golfs von Mexiko. Doch ihre Uferregionen könnten unterschiedlicher kaum sein. Und was noch besonders ist: Wo sonst reihen sich in USA gleich drei Staaten auf so kurzer Distanz aneinander, wie das an Mississippis Golf-Küste der Fall ist.
Kurz und kurzweilig
Mississippis Golf-Küste ist per Auto nur gut 80 Meilen sprich gut 130 Kilometer lang – und schon beginnt im Westen Louisiana, im Osten Alabama. So nahe kommen sich drei US-Staaten selten. Bei klarer Sicht reicht der Blick vielleicht in beide Richtungen so weit von Biloxis Leuchtturm aus. Biloxi ist eine Kleinstadt an Mississippis Golf-Küste und bekannt für einige ambitionierte Projekte wie typisch für Metropolen. Nämlich renommierte Museen für Kunst und Geschichte und eine große Präsidenten-Bibliothek zu Jefferson Davis, der einzige Präsident der Konföderierten Staaten und aktiv im Bürgerkrieg der Nordstaaten gegen die Konföderierten, die am Sklavenhandel festhalten wollten. In der Stadt gibt es ein Dutzend Casinos und das Biloxi Visitors Center mit Museum im Stil eines Antebellum Mansion, diese pompösen Herrenhäuser der Südstaaten aus der Hochzeit der Sklaverei vor 1865. mehr